Pop-Kollektiv Superorganism Die kleine Kaiserin und ihre Slacker-Freunde

Mit verspultem Neunziger-Indiepop wurden Superorganism zum Internet-Hype, jetzt erscheint das Debüt-Album des Londoner Kollektivs. Es zeigt, wie Bands in Zukunft funktionieren könnten.

Steph Wilson

Gerade saß Orono noch im Schneidersitz auf dem crémefarbenen Sofa, jetzt hat sie ein Bein bis zu ihrem Kinn nach oben gezogen und ihr rechter Arm befindet sich plötzlich links vom Körper. Sie verknotet sich, gähnt gleichzeitig herzhaft und schaut irgendetwas auf ihrem Handy nach. Die Japanerin, die erst im vergangenen Jahr ihren Highschool-Abschluss an einer Privatschule im US-Bundesstaat Maine machte, trägt Jogginghose und Batikshirt, um den Hals baumelt eine Kette mit einem Bart-Simpson-Anhänger.

Viel sagt sie nicht, meistens beschränkt sich ihre Antwort auf ein freundliches "I Feel You, Bro." Es ist ein demonstrativer Ennui, den Orono hier im Backstageraum eines Berliner Clubs ausstrahlt, und er geht absolut in Ordnung: Orono ist ein Teenager, im Januar ist sie 18 geworden. Teenager haben ihre eigenen Codes, ihr eigenes System.

Interessant wird es dann, wenn dieses System auf ein gänzlich anderes trifft, in diesem Fall auf das von ein paar Slackern aus dem Londoner Eastend: Orono ist Sängerin der Band Superorganism, die im vergangenen Jahr zuerst Kollegen von Frank Ocean bis Vampire-Weekend-Mann Ezra Koenig begeisterte - und dann das Publikum. Mit einer einzigen Pop-Nummer.

Das via Soundcloud in die Welt hinausgeschickte "Something For Your M.I.N.D." war ein Song, wie man ihn lange nicht mehr gehört hatte. Zu einem Mix aus verschleppten Beats, Störgeräuschen aus der Tierwelt, einsamen Surfgitarren und Synthies berichtete Orono darin von Schokobonbons aus Japan, den Barbecue-Präferenzen der Mutter und Pepsi Cola. Mitten im Song hörte man, wie jemand in einen Apfel beißt.

Im Prinzip mutete das wie eine auf mehr Diversität setzende Version des Slackerpops der späten Neunzigerjahre an: Nur noch verschwommen im Rückspiegel der Pop-Geschichte sichtbare Bands wie Bran Van 3000, Len oder Sugar Ray kamen einem in den Sinn. Zentraler Bestandteil war aber auch ein - ungeklärtes - Sample: Für den Refrain griffen Superorganism auf die Vocal-Version von C'hantals 1990 erschienenen House-Track "The Realm" zurück, was die Urheber nur so halbgut fanden: Der Song wurde zeitweilig vom Netz genommen. Superorganism sind vermutlich die einzige Band der Welt, die zunächst einen Anwalt und dann erst einen Manager rekrutierte.

Das passt ganz gut zu ihrer ohnehin wunderlichen Gründungsgeschichte: Vor zweieinhalb Jahren gastieren die neuseeländischen The Eversons in Tokio. Orono, die gerade bei ihrer Familie in einer Tokioter Schlafstadt Urlaub macht, setzt sich mit ihrer Freundin in die Regionalbahn und besucht das Konzert der Powerpop-Band, die sie ein paar Tage zuvor bei YouTube entdeckt hat. Sie freundet sich mit den Musikern an, am nächsten Tag geht sie mit ihnen ins Hard Rock Café und in den Zoo.

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Superorganism: Die Band, die man im Kopf behalten sollte

Die Eversons sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zufrieden mit der Musik, die sie spielen. "Wir hatten das Gefühl, dass eine Band viel mehr sein könnte. Viel offener als das, was wir damals machten", sagt Mark Turner, der sich bei Superorganism Emily nennt, wie einer der erfolgreicheren Songs seiner früheren Band. Gemeinsam mit ein paar Freunden ziehen sie also nach London, alle legen sich solche Künstlernamen zu.

Der Kontakt zu Orono bleibt bestehen und wird bald zu einem kreativen Austausch. Statt alberner Internet-Memes schickt man bald Musik über den Ozean - eines Tages auch die zu "Something For Your M.I.N.D.". Orono, die zu diesem Zeitpunkt schon einen gut gefüllten Soundcloud-Kanal besitzt - sie covert Songs von Weezer, Pavement und Neutral Milk Hotel - sendet nach nur ein paar Stunden die passenden Gesangsspuren. Nach einigen Wochen nimmt sie einen Flieger nach London.

Ein Jahr später hat ihre Band ein Album bei Domino Records (Franz Ferdinand, Arctic Monkeys) veröffentlicht und ist auf Welttournee. Die Idee von Pop, auf die Superorganism dabei zurückgreifen, ist hochinteressant: Einerseits sind Stücke wie "Everybody Wants To Be Famous", oder "Reflections On The Screen" durchaus klassische Songs. Andererseits sind alle intermedialen Grenzen offen. Ein Grafikdesigner ist gleichberechtigtes Mitglied der Band, bei Konzerten wird die herkömmliche Idee der Rock-Show durch eine etwas bizarre Anordnung ersetzt: Während des ersten Songs tragen Superorganism Kunststoff-Regenmäntel in allen Farben. Orono gibt in der Mitte die kleine Kaiserin.

"Das Beste daran, in einer Band zu sein, ist dass ich die Macht habe", hat sie während des Interviews gesagt, auf der Bühne steht sie tatsächlich so, als würde sie mit Stolz, aber auch mit einer gewissen Saturiertheit ihre Latifundien abschreiten. Nur ab und an stellt sie sicher, ob ihre Kollegen auch genug Wasser zu sich nehmen. "Stay hydrated, Bro", ruft sie dann. Um sie herum gibt der Rest der Band alles, tanzt sich die Seele aus dem Leib. Dazu wird von einem Projektor eine quietschbunte Fantasiewelt zwischen früher Pink Floyd-Psychedelik und HTML-Design auf die Bühne geworfen, die sich aus Videoclips und einem Computerspiel speist, die man auf der Superorganism-Homepage abrufen kann.

Das passt gut in die Zeit, denn es verhält sich ja so: Das Konstrukt der "Band" an sich, vor allem aber das der männlich dominierten Gitarrenband, so liest man allerorten, sei auserzählt. Betrachtet man das Line-up der großen Festivals, finden sich da an den Headliner-Positionen tatsächlich viele Einzelkünstler. EDM-Knallnasen der David-Guetta- oder Kygo-Schule. Superstars wie Beyoncé oder Lana Del Rey. Aber eben auch Künstler wie Frank Ocean oder Bon Iver, die Pop in den letzten Jahren weitergedacht haben.

Der Austausch klassischer Rock'n'Roll-Hardware durch allerhand Progamme und Betriebssysteme eröffnet neue Sichtachsen, neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, neue Räume. In einem von ihnen haben sich Superorganism eingerichtet: Eine Band, in der ein Teenagermädchen, das auf seinem Instagram-Account Aquarelle von Frank-Lloyd-Wright-Gebäuden zeigt - was für eine schöne Nebenbeschäftigung! - mit ein paar schwer dreißigjährig wirkenden Kerlen musiziert, ohne dass das seltsam wirkt.

Eine Band, die in London lebt, aber eigentlich aus dem Internet stammt. Dort kann man bekanntlich genau das sein, was man möchte. Schön, wenn sich das so schlüssig in die Realität übersetzen lässt. Noch schöner, wenn das Ergebnis so viel Spaß macht wie der Pop von Superorganism.


Superorganism: "Superorganism" ist am 2. März erschienen



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madcostelloartist 06.03.2018
1. Erinnerungen an selige Viva2-Zeiten
Bran Van 300 ... ja, ich weiß, was der Autor meint. Als der Videoclip "Drinking in L.A.", der in der klanglichen Grundsubstanz wie "Something for your MIND" klingt, im Herbst 1998 ständig auf Viva2 lief. Damals war ich gerade 18 geworden.
dragondeal 06.03.2018
2. Mal reingehört
"Everybody wants to be famous" kann man hören, ohne dass es mMn irgendwie besonders wäre. "Something for your mind" scheint ein ideales Schlaflied zu sein, nach 20s wurde der Kopf schwer. Ich habe tapfer gekämpft, aber die Hoffnung, das Lied könnte an irgendeiner Stelle noch interessant werden, würde leider enttäuscht.
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