Abgehört - neue Musik Smooth Operators

Pop-Aktivist Gaika ruft die britische Jugend zur Rebellion, The Internet begegnen dem Welt- und Herzschmerz mit Jazz, Funk und süßem Soul. Außerdem: Klangliche Körpererfahrungen mit Laurel Halo und Swans.

Von , und


Gaika - "Basic Volume"
(Warp/Rough Trade, ab 27. Juli)

In der künstlerischen Weltsicht von Gaika Tavares gibt es genau zwei Konstanten: Erstens: Alles ist im Arsch. Und zweitens: Dem Status Quo müsste man mal einen Satz heiße Ohren verpassen. An einem sonnigen Herbsttag in seiner Südlondoner Heimat Brixton drückte es der Spätzwanziger einmal so aus: "Die Jugend sollte die ganze Stadt zu Kleinholz machen". Gaika, damals der einzige Schwarze in einem zum Café umgewandelten Kino, redete sich in Rage: Die , der Brexit Tories, die verantwortungslose Kulturpolitik, die ethnischen und wirtschaftlichen Mauern, die fehlenden Perspektiven. Kurz: Der Kessel sei kurz vorm platzen, der große Knall unvermeidbar.

Kein Wunder also, dass sein Debüt "Basic Volume" nun klingt, als hätte jemand versucht, die London Riots von 2011 zu vertonen: Ein wütender Bass pflügt unablässig durch das Album, unterfüttert von höchst energetischem, atemlosem Post-Grime mit der frostigen Klangfarbe dystopischer Science-Fiction-Filme und einer der Sonne abgewandten Version jamaikanischer Dancehall-Rhythmen. So, denkt man, müssen wohl die letzten Sekunden klingen, bevor der Zeiger der sinnbildlichen Weltuhr auf die Zwölf rutscht.

Aber "Basic Volume" erschöpft sich nicht in einer düsteren Bestandsaufnahme. Vielmehr versucht sich das Album an einem kniffligen Dreisprung: Auf 15 Tracks möchte es Anklageschrift, Handlungsanweisung und vorformulierte Kampfansage der Marginalisierten zugleich sein: "Every ghetto youth must take back their crown/ Just ride when you're down/ This fight is right now", heißt es in "Crown & Key" zu apokalyptischen Synth-Walzen. Oder, noch konkreter, im hymnischen "Immigrant Sons (Pesos & Gas)": "I wanna see you in rebellion/ Stand up for yourself, don't take no shit". Im selben Song ruft Gaika übrigens unverhohlen zu Gewalt auf: "Bad yutes got me runs out/ Me said murder dem". Grob übersetzt: Die Kids, die an Gaikas Lippen hängen, sollen ihre Unterdrücker killen. Ob man das metaphorisch oder wörtlich nehmen will, bleibt einem selbst überlassen.

Das ist natürlich radikal und alarmistisch - musikalisch wie textlich. Gleichzeitig bietet "Basic Volume" aber über weite Strecken einen sensiblen und ungefilterten Einblick in die Lebensrealität in die Wastelands unserer Städte und deren Unmöglichkeiten - beispielsweise im melancholischen "Born Thieves", einer Art Ballade über die unlösbare Aufgabe, in einem feindseligen Umfeld Zärtlichkeit zu finden und zu leben: "You keep me warm under the ghetto sun", singt Gaika. Und zeichnet mit nur einem Satz das Bild einer Welt, in der nicht einmal die Sonne noch wärmt. Und die Liebe? Wäre eine Lösung, wenn es sie in Gaikas kaputter Welt gäbe. Das sitzt.

Gaikas größter Erfolg ist aber wohl, dass nach einer Stunde Musik nur zwei Fragen offenbleiben: Wie konnte es so weit kommen? Und: Wie viele Leute werden dieses Album hören? Denn wer verstehen will, wohin westliche Gesellschaften gerade steuern, kommt an "Basic Volume" nicht vorbei. (9.0) Dennis Pohl

The Internet - "Hive Mind"
(Columbia/Sony, seit 20. Juli)

Die schönste, sanfteste und souveränste Absage an alle Bigotten und Brutalos kommt von der Band The Internet: "I just came to dance/ Wanna move/ I can't with you", säuselt Sängerin Syd, bekennend lesbisch, in "La Di Da", "sorry, that I'm so blasé, but let me enjoy my sweet soirée". Die Band, allen voran Funk-Gitarrist Steve Lacy, fächert um sie herum einen süßen, sommerlichen Swing-Sound aus Tropicália und Soul auf, die selbstbewusste und selbstbestimmte Gartenparty eines musikalischen "Hive Minds".

The Internet gingen 2011 aus dem kalifornischen Hip-Hop-Kollektiv Odd Future (u.a. Tyler, The Creator, Frank Ocean, Earl Sweatshirt) hervor - und erhielten 2015 mit dem futuristischen Funk-R&B ihres dritten Albums "Ego Death" eine Grammy-Nominierung. Syd versuchte sich zwischenzeitlich auch als Solo-Künstlerin, doch der Band-Gedanke im Sinne eines offenen, liberalen Kollektivs junger schwarzer Musiker ist ihr wichtiger als der Ego-Erfolg.

Andreas Borcholtes Playlist KW 30
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Laurel Halo: Nahbarkeit

 2 The Internet: Stay The Night

 3 Lary: Columbiadamm

 4 Gaika: Crown & Key

 5 Anthony Joseph: On The Move

 6 John Coltrane: Nature Boy

 7 Kamasi Washington: Journey

 8 The Blaze: She

 9 The 1975: Love It If We Made It

10 Marteria & Casper: Champion Sound

Die Musik dieses Kollektivs ist modern und traditionsverliebt zugleich, sie erinnert an den Neunzigerjahre-Soul von Janet Jackson ("Mood", "Come Over") oder spielt mit dem Acid-Jazz der Talkin'-Loud-Ära ("Stay The Night", "Beat Goes On") - Syd-Vorbild Sade und ihr "Smooth Operator" wird sogar explizit erwähnt. "Roll (Burbank Funk)" nimmt den Disco-Sound alter Salsoul-Singles auf und fügt ein Groove-orientiertes Jazz-Gespür hinzu, das man sonst vor allem von Brainfeeder-Musikern wie Thundercat oder Brendan Coleman kennt, die ebenfalls aus L.A. stammen. Da wird sogar ein Lionel-Richie-Zitat ("All Night! All Night!") zur coolen Hommage. Das muss man erstmal schaffen.

Inhaltlich drehen sich die vorrangig von Syd geschriebenen Songs um die Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe - aber nicht um den Preis der Selbstaufgabe. Auch hier steht Syd Vorbildern wie Janet Jackson oder, aktueller, Kelela in nichts nach. In der Soul-Ballade "It Gets Better (With Time)" wird das Private auch politisch, wenn Dungeon-Family-Veteran Big Rube zu einer Spoken-Word-Coda ansetzt, die Mut in düsteren Zeiten zuspricht: "The past is fleeting the future/ A promise present keeping us moving forward/ With hope we seek true happiness". Vielleicht haben die Fugees ja endlich ihre legitimen Nachfolger gefunden. (8.2) Andreas Borcholte

Laurel Halo - "Raw Silk Uncut Wood"
(Latency Recordings, seit 13. Juli)

Wenn man Laurel Halo begegnet, der tollen in Berlin lebenden Elektronik-Musikerin aus Michigan, könnte man auf die Idee kommen, sie sei so eine klischeehaft introvertierte Personifizierung von Kunstsinnigkeit. Aber Quatsch: Die Frau hat einen anarchischen Humor, dem sie in ihrer Musik immer wieder lustvoll freien Lauf lässt. Auf ihrer neuen EP zum Beispiel im dritten Track "Quietude", der dem Titel nach die ruhige Ambient-Stimmung des Mini-Albums auf den Punkt bringen könnte. Stattdessen bietet er zweieinhalb Minuten lang ein zappeliges, durch mehrere Filter gedämpftes Ton-Geklöppel, das in etwa so klingt, als würden die renitenten Nachbarskinder aus dem oberen Stockwerk auf dem Heizkörper Xylophon-Techno spielen, während man selbst sich gerade die Plastiktüte zum Wegdämmern in die Ewigkeit über den Kopf gezogen hat.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

"The Sick Mind" setzt dieses Gelichter und Geläute fort, ein nervöses Flattern von Synapsen, das durch elektronische Membranen zum Hörer drängt. Man irrt durch mentale Museumsgänge, um die Herkunft dieser Klänge zu erforschen: In der Jazz-Abteilung? Im Brian-Eno-Sektor? Oder doch eher im Meditations-Zentrum? Die Wortcollage "Raw Silk Uncut Wood" stammt aus einer von Ursula K. Le Guin angefertigten Übersetzung eines taoistischen Textes von Laotse, der von der spirituellen Besinnung aufs Wesentliche handelt: Unbehandelte Seide, lebendiges Holz.

ANZEIGE

So sind wohl auch diese sechs für Laurel Halo ungewöhnlich fokussierten und stillen Tracks zu verstehen, die gänzlich ohne Vocals auskommen: als logischen Nachfolger des verspielten Vorgänger-Albums "Dust" #1154480, das den aufgewirbelten Staub auch medialer Aufmerksamkeit wieder einfängt und langsam zu Boden sinken lässt. Im zehnminütigen "Nahbarkeit" findet sie zu einer bisher ungehörten, fast transzendentalen Schönheit ihrer Musik - und einer selbstbespiegelnden, melancholischen Ruhe, die sich im Cover-Artwork von Jill Mulleady wiederfindet: Man muss die Sex-Party auch mal Sex-Party sein lassen. Und durchatmen! (7.8) Andreas Borcholte

Swans - "Soundtracks For The Blind/Die Tür ist zu" (Reissue)
(Mute/Rough Trade, ab 3. August)

Viele Legenden kursieren über Swans. Wahrscheinlich ist kaum eine davon wahr, aber man bekommt mit, worum es der New Yorker Band geht: In ihrer Frühzeit soll sie einen kleinen Club mit einer voll aufgedrehten Stadion-Anlage beschallt haben - die Ein- und Ausgänge waren, so will es die Erzählung, mit Ketten versperrt, das Konzert endete in einer Massenpanik. Musik, gedacht als körperliche Grenzerfahrung.

Das jetzt zusammen mit der EP "Die Tür ist zu" wiederveröffentlichte Doppel-Album "Soundtracks For The Blind" war das letzte, das vor der ersten Auflösung der Band im Jahre 1997 erschien. Es versammelt alles, was Swans bis dahin ausmachte: monumentalen Noise, Drones, zarte Folk-Passagen, psychotische Sprachsamples, der Gothic-Gesang von Keyboarderin Jarboe. Und natürlich die sonore Stimme Michael Giras, der seine zerquälten Gewaltphantasien zum Besten gibt. Das 13-minütige "The Sound" balanciert souverän auf der Grenze zwischen Brachialität und Fragilität. "All Lined Up" ist einer der bösartigsten Songs in diesem an Grimmigkeiten nicht gerade armen Werk. In der in radebrechendem Deutsch gesungenen Variante ("Ich sehe die alle in einer Reihe") auf "Die Tür ist zu" klingt die Rollenprosa noch fieser: "Alle singen ihr erstickendes Lied/ Alle singen ihr Schlaflied/ Und alle sind dann weg/ Und ich fuhl (sic) mich gut/ Ja ich fuhl (sic) mich geil". Eigentlich will man es nicht wissen. Hin und wieder schrammen die Swans auf "Die Tür ist zu" hart an der unfreiwilligen Selbstparodie entlang.

ANZEIGE

Die Musik auf "Soundtracks For The Blind" steht jedoch singulär in der Pop-Landschaft, auch nach zwanzig Jahren noch. Ob das alles nun in erhabene Transzendenz zuläuft oder im Transgressionskitsch versackt, es lässt sich generalisierend kaum entscheiden und hängt hier ganz besonders von der mentalen Verfassung ab, die der Hörer mitbringt. Wenn man zum Beispiel gerade nicht mehr wirklich zurechtkommt mit der Welt, kann einem ein Stück wie "Helpless Child" schon mal im positivsten aller Sinne den Rest geben. Danach darf es wieder aufwärtsgehen.

Entweder also entfaltet diese Platte eine ungeheure, niederdrückende Intensität. Oder sie trampelt einem mit ihrer Humorlosigkeit und ihrem heiligen Ernst mit aller Kraft auf den Nerven herum. Wenn einen all das aber im richtigen Moment frontal erwischt, erzeugen Swans den allerschönsten Schalldruck. Das vorausgesetzt: (8.5) Benjamin Moldenhauer

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.