SWR-Vokalensemble Prächtig, dieser Chor

Farbflächenmarathon für Fortgeschrittene: Der Chor des SWR singt ein aufregendes Repertoire in Perfektion. Die neue CD "America" bietet US-Musik des 20. Jahrhunderts: extrem anspruchsvoll, extrem spannend.

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Wie kunstvoll in deutschen Rundfunkhäusern gesungen wird, das demonstrierten jüngst in Hamburg der Chor des NDR in vereinter Kraft mit der Gesangstruppe des Bayerischen Rundfunks: Betörender kann man die Sinnlichkeit des Requiems von Gabriel Fauré kaum darbieten. Dirigent Thomas Hengelbrock, selbst Gründer des hervorragenden Balthasar-Neumann-Chores, vervollkommnete die Interpretation durch die kongeniale Leistung seines Orchesters. Das Schönste: Diese Chor-Seligkeit ist beispielhaft, denn auch bei anderen öffentlich-rechtlichen Sendern hierzulande tönt der vielstimmige Gesang perfekt.

So gilt auch das Vokalensemble des SWR in Stuttgart seit langem als eine erste Adresse für Chorkunst. "America" nannten die Sängerinnen und Sänger ihr neues Album ganz schlicht, auf dem sie mit ihrem Chef Marcus Creed Ungewöhnliches und Anspruchsvolles aus der Nordamerikanischen Chorliteratur des 20. Jahrhunderts erforschen. Diese Stücke, mit Ausnahme vielleicht der "Missa Brevis" von Leonard Bernstein, hört man nicht oft, denn manches ist spröde, schwer zu bewältigen und nicht einfach in einen Konzertrahmen zu bringen. Doch der stilistische Brückenschlag von der Alten zur Neuen Welt, von asiatischen Klangwelten zu jazzigen Elementen gelingt auf "America" in jeder Minute und auf atemberaubend hohem Niveau.

Sehr klar, zurückhaltend, pietätvoll

Wer einen schnellen Eindruck vom Programm bekommen möchte, der starte am besten mit Samuel Barbers (1910-1981) "A Stopwatch and an Ordnance Map" aus dem Jahre 1940, einer knapp achtminütigen Reise durch chromatische Phrasierungen und Rhythmuswechsel, die dem Gesangsteam alles an Disziplin und interpretatorischem Geschick abverlangen.

Der Text nach einem Gedicht von Stephen Spender handelt vom Tod eines Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, den die bedrückende Atmosphäre der Komposition perfekt einfängt. Die Pauken (von Franz Bach gespielt) unterstreichen mit flexibler Tonstimmung die Dramatik des Stückes, der Tenor Alexander Yudenkov setzt die Solo-Akzente in diesem bildhaften Werk: bestes Material für ein Team wie das SWR-Ensemble.

Mit den "Four Motets" von Aaron Copland (1900-1990) startet die Tour beinahe traditionell. Sehr klar, zurückhaltend, pietätvoll, wie es sich für die Frühform der mehrstimmigen Chormusik (seit dem 13. Jahrhundert) gehört. Ganz leicht angejazzt ("Have Mercy on Us, O My Lord") schichtet Copland Neues auf scheinbar archaische Klangformen. Dies wird hier frisch und durchsichtig von einem Quartett des SWR (Kerstin Steube, Ulrike Koch, Rüdiger Linn und Philip Niederberger) hingehaucht - werkdienlich, uneitel und ohne aufgesetzte Effekte.

Marcus Creed und das SWR Vokalensemble
Die Perfektion wirkt auch in anderer Umgebung fruchtbar: Selbst wenn man der oft repetitiven Musik Steve Reichs (Jahrgang 1936) kritisch gegenübersteht, so besticht doch die Interpretation seines "Proverb" (1995) für Synthesizer, zwei Vibraphone und fünf Solisten, welche die Einflüsse balinesischer Gamelanmusik nahtlos in Richtung europäische Kirchenmusik verschiebt, samt Reminiszenzen an Mike Oldfields "Tubular Bells". Die einfühlsame Stimmführung der Solisten entschärft alle Stilklippen, bremst jeden Anflug von Kitsch aus, so dass purer Wohlklang entsteht. Besser kann man ein so heikles Werk kaum präsentieren.

Gleiches gilt für Morton Feldmans (1926-1987) Farbflächen-Marathon "The Rothko Chapel", in der er sich einmal mehr am Maler-Revolutionär Mark Rothko musikalisch abarbeitet. Instrumental unterstützt von Celesta, Bratsche und wiederum Schlagwerk wandeln die SWR-Künstler abermals elegant durch ätherisch klingende Himmelswelten.

Seit 2003 leitet der gebürtige Engländer Marcus Creed das SWR Vokalensemble. Ausgebildet in Oxford, Cambridge und London, überzeugte er als Chordirektor an der Deutschen Oper Berlin und beim RIAS-Kammerchor mit großer stilistischer Bandbreite und enormem Arbeitspensum. Seine Neugier auf alles zwischen Zeitgenössischem und Alter Musik, die ihm in Berlin auch Kritik einbrachte, befruchtet nun den Stuttgarter Chor, mit der Creed zwei Jahre in Folge einen Echo Klassik erhielt und 2013 für den Grammy nominiert wurde. Das Ensemble des SWR, das bereits 1947 erstmals bei den Donaueschinger Musiktagen auftrat, gehört heute zu den weltbesten seiner Sparte.


CD-Angaben:
America: Copland, Reich, Cage, Feldman, Bernstein, Barber. SWR Vokalensemble Stuttgart, Leitung: Marcus Creed; Hänssler Classic; 14,99 Euro.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
curticurt 06.04.2014
1. Zwangsfinanzierung
und auch wenn Ihnen dieses Chorgebratsche nicht im geringsten interessiert und Sie die CD nie kaufen werden, finanzieren Sie das alles durch Ihren Rundfunkbeitrag. Danke, lieber ÖR.
frankasten 06.04.2014
2. Danke für Ihren Rundfunkbeitrag...
und wo bleibt mein kostenfreier HQ-Download in 24-192, denn bezahlt....habe ich schon. Unmöglichkeit, Unvermögen, Unwillen oder schlicht mit den von unseren Geld bezahlten Produktionen den AMIGO Labels noch etwas hinterherwerfen gegen Bakschisch, oder Herr Intendant? Saustall, diese Bananenrepublik.
mercutiool 06.04.2014
3. Schade!
... und ich hab' noch gedacht, ich sollte den ersten Artikel schreiben. Leider zu spät, stattdessen nur das übliche Genörgel, wenn's um Kultur geht. Sparen kann man an vielen anderen Stellen außerhalb der Kultur mit mehr Effekt. Und wer sich die kurzen Einspieler in Ruhe anhört, weiß, dass die Gelder zumindest beim SWR Vokalensemble gut angelegt sind. Ganz ohne Ironie daher: Danke, lieber ÖR! Dafür zahle ich gerne (für vieles, vieles andere umso weniger gern).
robicon 06.04.2014
4. Ausgleichende Gerechtigkeit
Zitat von curticurtund auch wenn Ihnen dieses Chorgebratsche nicht im geringsten interessiert und Sie die CD nie kaufen werden, finanzieren Sie das alles durch Ihren Rundfunkbeitrag. Danke, lieber ÖR.
"Mir" interessiert das Chorgebratsche. Dafür habe ich keinen Fernseher und finanziere dennoch "Wetten dass" durch meinen Rundfunkbeitrag.
Newspeak 06.04.2014
5.
Den Rundfunkbeitrag für diese Art von Kultur auszugeben, ist wenigstens sinnvoll, unabhängig davon, ob man das selber alles gut findet oder nicht. Besser jedenfalls als die x-te Volkstümelei oder die y-te Telenovela.
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