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Symbol-Figur Jackson: Schwarzer Bruder, wo bist Du?

Von Jonathan Fischer

Mit seinem grotesk operierten Gesicht und seinen Posen wirkte der "King of Pop", als wollte er sich von seinen Ahnen lossagen: eine perfekte Menschenschöpfung, zwischen allen Rassen und Geschlechtern. Hatte Michael Jackson Angst vorm Schwarzen Mann?

Als Michael Jackson im Video zu "Bad" einer Truppe schwarzer jugendlicher Krimineller "You Ain't Nothin!" zuruft, übersetzen das manche afroamerikanische Kritiker mit: "Niggers ain't shit." Zu deutsch: Ihr schwarzen Brüder aus dem Ghetto taugt rein gar nichts.

Greg Tate, ein Journalist des New Yorker Magazins "Village Voice", unterstellte Jackson damals gar "seinen eigenen Rassenhass zu verkaufen", warnte vor einem "künstlichen weißen Mann", der nun auch noch seine Herkunft verrate. In diesem Sinne lese sich Michael Jacksons entfärbte Haut "wie die black urban yuppie-Version von Dorian Gray, ein Alptraum und eine Warnung: Das Gesicht, das du bewahrst, könnte dein eigenes sein".

Rassische Identität - beziehungsweise ihr Fehlen: Das blieb ein Leitmotiv in der Rezeption des "King Of Pop". Von der verschmälerten Nase über die ausgestellten Wangenknochen zu den Strichlippen: Das ganze grotesk zurechtoperierte Gesicht Jacksons wirkte, als wolle er sich von seinen schwarzen Vorfahren lossagen - und nordischen Körperidealen huldigen.

Viele Afroamerikaner waren bereit, Jackson seine Fehltritte zu vergeben. Dennoch zweifelten sie an der Solidarität des verlorenen Bruders: Warum wandte er sich erst in dem Moment an die schwarzen Nationalisten der Nation of Islam, ließ er sie "Rassismus" skandieren, als alle Welt nur noch den Kinderschändervorwurf diskutierte?

Reute Michael Jackson etwa zu später Stunde, sich vom Rest Afroamerikas losgesagt zu haben? Oder war es ihm auf dem Thron der Rassen- und Geschlechtslosigkeit nur verdammt einsam geworden? Der Kulturkritiker Michael Eric Dyson ging sogar so weit, die Experimente des Popsängers mit einem Sauerstoffzelt als symbolischen Versuch zu interpretieren, das alte Gesicht - und mit ihm seine rassische Unschuld - zurückzugewinnen.

Dabei hatte sich der junge Leadsänger der Jackson Five durchaus in die Tradition afroamerikanischer Männlichkeit eingereiht: Schon als Zehnjähriger simulierten Michael Jacksons Fußarbeit und die machistischen, wenn auch frühreifen "Shake it baby"- Ausrufe einen Soulsänger, der genau über die Welt der erwachsenen Sexualität Bescheid wusste.

Jackson war in dieser Hinsicht kein Einzelfall: Im schwarzen Arbeiter-Milieu waren Jungen gezwungen, ihre Kindheit zugunsten einer frühen Mannwerdung aufzugeben. Dazu kam der Wille von Berry Gordy, dem Chef des Motown-Plattenlabels, seine Schützlinge nicht nur erwachsen erscheinen zu lassen, sondern edel-bourgeoise und von besten Manieren: Berüchtigt seine Benimmschule, wo die singenden Ghettosprösslinge lernten, Knickse zu machen, Handküsse zu verteilen und im Nobelrestaurant fachgerecht mit dem Besteck zu hantieren.

Das war Integration zugunsten weißer Marktanteile.

Die Jackson Five schafften damit immerhin, ein Publikum aller Hautfarben für sich zu gewinnen: Kaum ein afroamerikanischer Haushalt, in dem der stupsnasige Leadsänger Michael nicht auch für sein hübsches schwarzes Gesicht Komplimente hörte.

Warum musste er dieses Gottesgeschenk verunstalten?

Offensichtlich überhöhte Jackson als Solokünstler Gordys Konzept ins Absurde: Motown wollte einen Fuß in die Tür des US-Mainstreams bekommen. Jackson wollte diesen Mainstream nicht nur erobern, sondern auf phantastische Weise verkörpern: Als perfekte Menschenschöpfung zwischen allen Rassen und Geschlechtern. Die geraubte Jugend und die Zumutungen des Diesseits: Er packte sie in kindliche Allmachtsphantasien. Das bewiesen seine androgynen Posen, das "Cross-Dressing" seiner Bühnenperson.

Zum Tod von Michael Jackson
Sony BMG/Reuters

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"Sein Gesicht sah so aus", schreibt die US-Schriftstellerin Margo Jefferson, "als hätte es sich definitiv von einem männlichen in ein weibliches verwandelt. Michael Jackson, der Künstler hat nie Bilder schwarzer oder weißer Männlichkeit geprägt, die irgendwie realistisch gewesen wären".

Nicht zufällig nannte er seinen zum Domizil gewordenen Vergnügungspark "Neverland". Hier hatte sich Jackson ein Zwischenreich geschaffen. Konnte er darstellen, wovon Disney immer träumte: Margot Jefferson nannte es "das fehlende Glied zwischen Mensch und Tier, Erwachsenem und Kind, echtem Leben und Märchen".

Und doch war da immer noch ein schwarzer Mann.

Michael Jackson - diese zerrissene Seele, die oft nur noch tanzend und singend zu einer Einheit fand - repräsentierte die afroamerikanische Erfahrung der Selbstentfremdung. Glaubt man Jefferson, lieferte erst sie die Voraussetzung für den Höhenflug: "Menschen, die die Grenzen von Hautfarbe und Geschlecht hinter sich lassen, müssen sich neu entwerfen".

Und war es nicht dieses Schwelgen im Zwielicht, das ständige Streuen von Identitätszweifeln und falschen Fährten, das den Künstler Michael Jackson so eindrucksvoll in Szene setzte?

Schließlich existiert auch eine zweite Lesart des "Bad"-Videos von 1987: Jackson bekennt sich da zu seiner Rasse, persifliert aber gleichzeitig das vorherrschende schwarze Männerbild. Von seiner Gang wegen einer misslungenen Mutprobe verspottet, greift er den Anführer an - und dreht das Machtgefüge tanzend um.

Schwarze Männer schaut her: Euer Körper hat Würde.

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