Tageskarte Jazz Der Beat-Poet und seine Hörner

Als "Jazzdichter" sah sich Jack Kerouac, der vor 50 Jahren die weltweite Bewegung "Lyrik und Jazz" auslöste. Nun sind zwei CDs erschienen, die Lesungen des Kultschriftstellers der Beatgeneration mit Musikern dokumentieren.


Unangepasst und erlebnishungrig, spontan und kreativ - so wollte eine Gruppe von Literaten leben, die in den fünfziger Jahren in der amerikanischen Kulturszene auftauchte. Die jungen Männer liebten Bärte und Baskenmützen und drehten sich ihre eigenen Zigaretten; ihre Partnerinnen trugen schwarze, eng anliegende Minikleider und lange offene Haare.

Dichter Kerouac: Wichtigster Vertreter der Beatgeneration

Dichter Kerouac: Wichtigster Vertreter der Beatgeneration

Ob sie sich selbst "Beatniks" nannten oder zuerst vom Establishment so bezeichnet wurden, ist umstritten. Jedenfalls zog es die jungen Wilden zu anderen Außenseitern. "Für die Beatgeneration ist der Jazzmusiker der Schamane ihres Kultes", schrieb der Autor Lawrence Lipton, "alles, was die Schamanen des Jazz tun, wird für den Beatnik zum Stoff für Legenden: der gargantuaische Fixer, der Typ, der davon losgekommen ist, der Märtyrer-Held, der daran starb."

Sex, Jazz und Drogen. Charlie Parker, der Saxofon-Titan, der wegen seiner Heroin-Sucht nur 35 Jahre alt wurde, war einer dieser Helden. "Charlie Parker looked like Buddah, Charlie Parker, who recently died laughing at a juggler on tv", schrieb Jack Kerouac und verklärte den Tod des Musikers nach einem miserablen Leben: "His expression on his face was as calm, beautiful and profound as the image of the Buddah." Kerouac wollte als "Jazzdichter" betrachtet werden, der bei einer Jam Session über einen Blues improvisiert: "Ich spiele 242 Chorusse, meine Ideen variieren und rollen von Chorus zu Chorus." Der Dichter versuchte, Techniken der Musik aufs Schreiben zu übertragen. Seit er im September 1957 "On the Road" (deutscher Titel "Unterwegs") veröffentlicht hatte, galt Kerouac als wichtigster Vertreter der Beatgeneration. In der Weihnachtszeit las der neue Literatur-Star aus seinem Buch im New Yorker Jazz-Club Village Vanguard. Der Produzent Bob Thiele drängte Kerouac zu Plattenaufnahmen.

Im Frühjahr 1958 traf sich der Poet mit dem Pianisten Steve Allen in einem Studio in New York. Kerouac trug 14 Gedichte vor, darunter die Hommage an Charlie Parker. Sein Freund Allen spielte Überleitungen und untermalte die Texte phantasievoll auf dem Klavier. Weil der Dichter und der Musiker wunderbar miteinander harmonierten, dauerte die Aufnahme des Albums "Poetry for the Beat Generation" nicht länger als eine Stunde.

Für seine nächste Plattensession verlangte Kerouac "just a tenor saxophone, just the pure vibrating horn". Er bekam zwei Hörner, denn sein Lieblingssaxofonist Zoot Sims brachte einen Kollegen mit: Al Cohn, der wie Sims zu den besten Instrumentalisten seiner Zeit gehörte. Die beiden Jazzer improvisierten auf ihren Tenorsaxofonen über Blues-Themen; Kerouac rezitierte seine Haikus (Texte in einer japanischen Gedichtform). Beim Wechselspiel im Studio kam es zu Überraschungen: Nach einem - auf der CD hörbaren - Gespräch mit dem Aufnahmeleiter setzte sich Al Cohn ans Klavier und drückte ziemlich unbeholfen Bluesakkorde, während Kerouac seinen Text nicht sprach, sondern zu singen begann. Die spontane Interaktion zwischen Poet und Jazzer ist ein Höhepunkt des Albums "Blues and Haikus".

Erstmals auf CD veröffentlicht wurden jetzt die beiden Schallplatten mit Jack Kerouac. Sie stehen am Anfang einer Entwicklung, die von Amerika aus die Welt eroberte: Lyrik und Jazz. Statt vor einer Handvoll Leseratten in Buchhandlungen und Hörsälen lasen Dichter und Schauspieler nun literarische Texte vor großem Publikum mit Jazzmusikern im Rücken.


CDs Jack Kerouac/Steve Allen: "Poetry For The Beat Generation"; Jack Kerouac: "Blues And Haikus" Featuring Al Cohn And Zoot Sims (beide EMI Records).



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