Tageskarte Jazz Pelzmantel im Katzenhaus

Schnappschüsse einer Amateurin mit der Polaroid-Kamera und Schwarz-Weiß-Bilder eines Meisters – zwei neue Bücher zeigen eindrucksvoll Jazz-Künstler und ihr Milieu.

Von KulturSPIEGEL-Autor


Jazzklassiker wie "Nica's Dream" von Horace Silver und "Pannonica" von Thelonious Monk erinnern an Baroness Pannonica de Koenigswarter, die in den fünfziger und sechziger Jahren so etwas wie die gute Fee der Bebop-Musiker in New York war. Die geborene Rothschild aus dem englischen Zweig der Bankiersfamilie half den am Existenzminimum lebenden Künstlern mit Geld und stand ihn bei im Umgang mit Behörden; sie kümmerte sich um Kranke und bezahlte den Musikern Taxen, die sie jederzeit zu ihrem Quartier bringen konnten. Das war – nach Jahren in Hotel-Suiten – eine Villa, die der Pianist Monk "Cat House" taufte. In dem Refugium für Katzen und Jazzer hatte Gastgeberin "Nica" die Idee, ihre Freunde zu fragen: Was sind deine drei Wünsche? 300 Musiker – von Louis Armstrong bis Joe Zawinul – antworteten. So sehnte sich der Saxofonist Sonny Rollins danach: 1. Geld zu haben; 2. alles auf dem Saxofon spielen zu können, was ich mir vorstelle; 3. näher an der Natur zu sein. Mit ihrer Polaroid-Kamera fing Pannonica die entspannte Atmosphäre im Cat House ein, etwa wenn der zur Schwermut neigende Monk im Pelzmantel der Baroness herumkasperte.

Saxofonist Sonny Rollins 1998 fotografiert von Jimmy Katz: "Den privaten Augenblick einfangen"
Jimmy Katz

Saxofonist Sonny Rollins 1998 fotografiert von Jimmy Katz: "Den privaten Augenblick einfangen"

Die anrührenden Amateurbilder und die mit Schreibmaschine getippten Statements der Musiker waren nach dem Tod der Jazz-Baroness 1988 verschollen. Ihre Großnichte Nadine de Koenigswarter hat das Material wieder gefunden und in einem Buch zusammengefasst – als intimen Beitrag zur Jazz-Geschichte.

Ähnlich nahe dran an den Jazzgrößen wie damals Pannonica ist der New Yorker Fotograf Jimmy Katz. Neben Musikern und Tontechnikern gehörte er auf über 300 Platteneinspielungen zum Produktionsteam, verantwortlich für Albencover, Werbung und Bildmaterial für Zeitschriften wie "Down Beat". Katz liebt seine Jazzmusiker. Nach Studio-Sessions und Konzerten hat er etliche zu Hause besucht, ist mit ihnen durch New York gebummelt. "Hauptziel meiner Arbeit", sagt der 50-Jährige, "war immer, den privaten Augenblick einzufangen, dem Betrachter das Gefühl zu geben, diesen Moment mit dem Musiker zu teilen." Katz ist zum derzeit vielleicht bedeutendsten Jazzfotografen aufgestiegen. Die Chuzpe, ihn in New York anzurufen und zu fragen, ob er an der Herausgabe eines Bildbandes in Deutschland interessiert sei, hatte der Journalist und Kleinverleger Rainer Placke. Zu seiner Überraschung war der Starfotograf schnell dazu bereit, wenn eine Bedingung erfüllt würde: Die Gestaltung des Buches müsse der Kieler Grafiker Ingo Wulff übernehmen. An den hatte Placke ohnehin gedacht. So entstand ein Band mit 175 ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotos: Jazz aus New York in Bildern seiner Interpreten.


Baronesse Pannonica de Koennigswarter: "Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche". Reclam Verlag Stuttgart; 312 Seiten; 35 Euro.

Jimmy Katz: "JazzKatz". Jazzprezzo Verlag Bad Oeynhausen; 192 Seiten; 58 Euro.



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