Tageskarte Jazz Spielend wieder aufgetaucht

Als ersten europäischen Künstler nahm die Plattenfirma Blue Note eine Frau unter Vertrag: Jutta Hipp eroberte New York - und verschwand nach kurzem Ruhm aus der Jazzszene. Jetzt erinnert ein Album an die 2003 verstorbene Pianistin.


Im ersten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Rolf Kühn im ungeheizten "Römischen Haus" in Leipzig, als eine auffällig aufgeputzte Dame das Lokal betrat. Sie schenkte dem jungen Klarinettisten eine Platte vom Benny Goodman und bestimmte damit Kühns künftiges Leben. Hingerissen von Goodmans Swing übte der Teenager wie ein Wahnsinniger und wurde schließlich einer der besten Klarinettisten der Welt.

Jutta Hipp (mit Tenorsaxofonist Zoot Sims): First Lady of European Jazz
Francis Wolff

Jutta Hipp (mit Tenorsaxofonist Zoot Sims): First Lady of European Jazz

Die freundliche Frau mit der Schallplatte war Jutta Hipp, Absolventin der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, Pianistin und Mitglied in einem Kreis von Leuten, die in der Nazi-Zeit "Feindsender" gehört und sich für den verfehmten Jazz begeistert hatten.

Weil diese Musik nun im Westen aufblühte, ging Hipp bald nach München und Frankfurt. Dort spielte sie mit Hans Koller, Albert Mangelsdorff und Attilla Zoller. Alle schätzten ihren vom Cool Jazz der Zeit geprägten Stil. Beim deutschen Jazz-Poll 1952 gewann die rothaarige Sächsin den ersten Platz in der Kategorie Piano; nach Gastspielen in Nachbarländern und Jam Sessions mit in Europa gastierenden US-Musikern galt Hipp als "First Lady of European Jazz".

1955 rief Amerika. Der einflussreiche Jazzkritiker Leonard Feather lud die Deutsche ein; und eine große Karriere zeichnete sich ab, zumal Hipp vom Label Blue Note - als erster europäischer Künstler - unter Vertrag genommen wurde. Drei Platten unter ihrem Namen erschienen. Mit ihrem Trio gastierte die Pianistin sechs Monate im New Yorker Jazz-Club Hickory House, der normalerweise Bands nur für eine Woche engagierte. Duke Ellington und Lennie Tristano kamen vorbei, um die Frau am Klavier zu hören.

Doch das Interesse ebbte ab. Und im mörderischen Existenzkampf in den USA konnte sich die Leipzigerin auf die Dauer nicht behaupten. Jutta Hipp litt unter Lampenfieber und versuchte ihre Angst mit Alkohol zu überwinden; es gab Streit mit Managern, Beziehungen zerbrachen. 1958 verschwand die Pianistin. Wo war Jutta Hipp?

Erst 2002 machte Blue Note die Künstlerin ausfindig: Irgendwer hatte bei der Durchsicht von Akten festgestellt, dass der Musikerin Tantiemen zustanden. Man übergab ihr einen Scheck über 40.000 Dollar für Platten, die noch Jahrzehnte nach ihrem Karriereende verkauft worden waren.

Hipp lebte als Näherin im New Yorker Stadtteil Queens. Sie hatte seit ihrem Rückzug aus der Jazzszene keine Note mehr gespielt, malte und zeichnete aber und beteiligte sich sogar an Ausstellungen in ihrem Viertel. 2003 starb Jutta Hipp. Erst aus den Nachrufen erfuhren ihre Nachbarn, dass sie eine bedeutende Musikerin gewesen war.

Auf der nun als CD wiederaufgelegten Schallplatte von 1956 spielt Jutta Hipp im Quintett mit dem Tenorsaxofonisten Zoot Sims. Lebt das Interesse an der ungewöhnlichen Deutschen wieder auf?

Inzwischen haben mindestens zwei Akademikerinnen Arbeiten über die Musik von Jutta Hipp geschrieben. Ihr Leben - in Nazi-Deutschland, der Ostzone, der BRD und in Amerika - aber würde Stoff für einen Roman oder ein Drama bieten.

Hipps Leipziger Landsmann Rolf Kühn hat einige Zeit nach der Pianistin ebenfalls den Sprung in die USA gewagt und ist nach etlichen Jahren erfolgreich zurückgekehrt.


CD Jutta Hipp: "Jutta Hipp With Zoot Sims" (Blue Note)



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