Tageskarte Jazz Unsterbliches Format

Klavier, Bass, Schlagzeug bilden die am weitesten verbreitete Standardbesetzung des Jazz. Können Piano-Trios noch Neues bieten, nachdem Oscar Peterson, Keith Jarrett und Esbjörn Svensson Maßstäbe gesetzt haben?

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Der Bassist und der Schlagzeuger dienen dem Klaviervirtuosen. Sie sorgen für den marschierenden Rhythmus oder unterfüttern Tastenkaskaden des Meisters mit gestrichenen Grundtönen und rauschendem Beckenklang. Vergröbert kann man so die frühen Jahre des Piano-Trios beschreiben: Erroll Garner, Ahmad Jamal und Oscar Peterson betrachteten ihre Kollegen als Begleiter – auch wenn die schon mal zur Abwechslung ein Solo darbieten durften.

Dann kam das Bill Evans Trio. "Anstelle einer Rhythmus-Gruppe, die sein Klavierspiel begleitet, wollte Bill ein Gespräch zwischen den drei Instrumenten", schrieb der amerikanische Jazz-Kritiker und Evans-Freund Gene Lees.

Als Geburtsstunde des neuen Piano-Trios gilt der 25. Juni 1961. Da traf sich Evans zu Platteneinspielungen mit Scott LaFaro (Bass) und Paul Motian (Drums) im New Yorker Jazzclub "Village Vanguard". Die Session würdigt der Schweizer Experte Peter Rüedi heute als "Erfindung und zugleich Gipfel dessen, was seitdem als interplay aus der Kultur des Jazz-Piano-Trios nicht mehr weg zu denken ist". Die stilbildenden Aufnahmen erschienen auf Platte und sind im vergangenen Herbst als erweiterte CD-Sammlung auf den Markt gekommen (Bill Evans: "The Complete Village Vanguard Recordings", Riverside / In-akustik).

Dem Vorbild des 1980 verstorbenen Bill Evans folgend, verstehen nun viele Tastenkünstler ihre Trios als Interaktionskollektiv. Sie signalisieren dem Publikum, dass der Pianist nicht mehr der dominierende Star ist. So erscheinen Keith Jarretts Trio-Alben unter den Namen der drei Bandmitglieder (Keith Jarrett / Gary Peacock / Jack DeJohnette). Der schwedische Piano-Gigant Esbjörn Svensson nennt sein Trio e.s.t.; Amerikas Avantgarde-Dreigestirn (mit dem Pianisten Ethan Iverson) heißt reißerisch "The Bad Plus". In Deutschland gibt es ein "Triosence" (mit Bernhard Schüler am Klavier); und "Vein" heißt das Trio der Schweizer Brüder Florian und Michael Arbenz und ihres Freundes Thomas Lähns.

Ist es möglich, als Piano-Bass-Drums-Trio einen eigenen, Stil zu finden angesichts der vielen, herausragenden Vorbilder? Erstaunlicherweise versuchen sich immer wieder junge Jazzmusiker in dem unsterblichen Format. Aus den annähernd ein Dutzend Trio-Neuerscheinungen in diesem Frühjahr stehen drei Beispiele für die Suche nach Originalität: Der in Frankreich lebende Israeli Yaron Herman (Urteil der "Liberation": "ein Wunderkind") verbindet seine fulminante Technik mit jazzigem Swing-Gefühl. Der Brite Gwilym Simcock lässt bei Improvisationen seine Liebe zu Maurice Ravel und Igor Stravinsky erkennen. Der Deutsche Mischa Schumann mischt dezente Loops in die Kompositionen für sein Trio. Als typische Vertreter ihrer Generation haben Herman, Simcock und Schumann eine klassische Ausbildung genossen; sie zeigen sich aufgeschlossen gegenüber den Trends in der Popmusik – und halten das uralte Piano-Trio nach wir vor für aktuell.


CDs Yaron Herman Trio: "A Time For Everything" (Laborie, ab 29.2.); Gwilym Simcock: "Perception" (Basho Records); Mischa Schumann: "The Logical Turn" (NRWRecords).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
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edding 16.06.2008
1. Sie werden.
Nachdem Esbjörn Svensson gestern tödlich verunglückt ist, ist gleichsam auch E.S.T. tot. Man mag beides einfach nicht glauben.
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