Tageskarte Klassik Angriff der Unkastrierten

Die Stimme des Countertenors Max Emanuel Cencic wird selbst von Stimmkennern für die einer Frau gehalten. Auf seinem neuen Solo-Album mit Rossini-Arien versucht er, Männerrollen zurückzuerobern, die sonst wirklich mit Damen besetzt werden.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Es sei gar nicht leicht, sagt Max Emanuel Cencic, heutige Dirigenten oder Besetzungschefs davon zu überzeugen, die Rolle des Giulio Cesare (in Händels gleichnamiger Oper) nicht mit einer Frau zu besetzen – sondern mit einem Mann. Und das, obwohl Händel die Rolle zweifellos für einen Mann geschrieben hat.

Countertenor Cencic: Glühende Tiefe, androgyner Fluss

Countertenor Cencic: Glühende Tiefe, androgyner Fluss

Obwohl der Countertenor, historischer Nachfolger der Kastraten, in den vergangenen zwanzig Jahren einen erstaunlichen Siegeszug angetreten hat, sind die großen Rollen, die höher liegen als Tenöre, heute noch immer fest in weiblicher Hand. Frauen sind einfach die besseren Männer, könnte man sagen.

Jetzt erobert der phänomenale Countertenor Max Emanuel Cencic, 31, auf seiner neuen Rossini-CD zahlreiche Männerrollen zurück. Wer ihn hört, kann sich indes des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Frau singt – so geschmeidig, koloratursicher und weich abgetönt klingt die Stimme des in Zagreb geborenen Sängers. Er ist ein Paradebeispiel der goldenen Karriere-Regel: früh anfangen, aber langsam durchstarten.

Cencic begann als Kinderstar. Der Knabensopran zwitscherte im Fernsehen die Arie der Königin der Nacht so virtuos-schneidend, als wolle er die Fernsehgeräte des Ostens zum Bersten bringen. Als Wiener Sängerknabe wirkte er in Georg Soltis CD-Aufnahme der "Zauberflöte" mit. Im Alter von 17 Jahren hatte er 800 Auftritte hinter sich und empfand das, wozu ihn vor allem seine Mutter zwang, als "Scheißjob". Bei einer Japan-Tournee brach er zusammen. Er besann sich auf die Worte seines Vaters, der immer gesagt hatte: "Lass doch den Blödsinn und geh' Fußball spielen." Und schmiss alles hin.

Nach mehrjähriger Pause kehrte er zurück, und zwar als männlicher Mezzo-Sopran. Er nahm mehrere gefeierte CDs auf und liefert inzwischen den Beweis, dass Countertenöre nicht immer nur als Intriganten, Pfauen und männliche Zicken besetzt werden müssen. Cencics glühende Tiefe, der androgyne Fluss, in den er Rossinis Opern-Rollen (aus "Semiramide", "Tancredi", "La Donna del Lago" und "Aureliano in Palmira") taucht, haben sich von geschlechtsspezifischer Eindeutigkeit emanzipiert. Sie zeigen, wie sehr wir mit männlichen oder weiblichen Attributen die Wirklichkeit einengen.

Technisch gesehen seien Kastraten eine Terz höher gekommen, sagt Cencic über den Unterschied zu den operierten, verschnittenen Vorbildern des 18. Jahrhunderts. Dass die auch Rollen wie Händels "Xerxes" oder "Ariodante" singen konnten, die sogar für Cencic zu hoch liegen, hat indes nicht unbedingt etwas mit der Operiertheit zu tun. Kastraten, so meint Cencic, seien größtenteils Opfer der damaligen Medizin gewesen. 90 Prozent der damaligen Kastrationen hätten nicht den gewünschten Erfolg gehabt. "Man dachte einfach: Wenn ein Mann mit der Stimme einer Frau singt, muss das daran liegen, dass er keine Eier hat."

Neben Philippe Jarrousky, Andreas Scholl und David Daniels ist Cencic heute der beste Countertenor der jüngeren Generation. Mit seiner neuen, höchst originellen CD, mit der er die Gender-Diskussion in der Klassik lustvoll anheizt, dürfte das endlich auch eine größere Öffentlichkeit mitbekommen.


CD Max Emanuel Cencic: "Rossini-Arien" (Virgin Classics).



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