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30. April 2008, 08:40 Uhr

Tageskarte Klassik

Beethoven, der Terrorist

Von Kai Luehrs-Kaiser

Man muss ihn nur hart genug rannehmen. Jos van Immerseel beweist mit seiner schroffen Aufnahme von Beethovens neun Symphonien, dass diese noch immer die größte Baustelle der klassischen Musik bilden – und radikale Neuentdeckungen erlauben.

Reine Revolutionsmusik, denkt man. Beethovens 5. Symphonie mit ihrem als "Schicksalsmotiv" verharmlosten Kanonenballern ächzt hörbar unter Pulverdampf. Im Gewitter der "Pastorale" entdeckt man einen Wagnerischen Vorschein der Spätromantik. Und der "Chor an die Freude" im letzten Satz der Neunten scheint im Marschrhythmus eines geradezu gewalttätigen Zukunftsoptimismus' Tritt zu fassen.

Beethoven Symphonien 1-9: "Prophetische Musik"

Beethoven Symphonien 1-9: "Prophetische Musik"

Erstaunlich, was Beethovens eigentlich zu Tode genudelten neun Symphonien noch für Neuigkeiten enthalten. Sie zeigen bissig die Zähne, wenn man sie nur richtig zu provozieren weiß. Gelungen ist dies nun dem belgischen Dirigenten Jos van Immerseel, mit einer CD-Box, die sämtliche Symphonien und Ouvertüren Ludwig van Beethovens enthält.

Nicht erst seit er Ravels "Bolero" auf historischen Instrumenten raubeinig exerzieren ließ und Strauß-Walzern auf Darmsaiten Beine machte, gilt Immerseel als ständiger Geheimtipp unter Altmeistern der historischen Aufführungspraxis. Er hat sich immer rargemacht. Wo Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder Ton Koopman ausschweiften und neben Dutzenden von CDs auch immer wieder traditionelle Orchester dirigierten, hat sich der 1945 in Antwerpen geborene Immerseel auf sein eigenes Ensemble "Anima Eterna" konzentriert. Warum? Ganz einfach: "Meine Kollegen dirigieren auch andere Orchester, weil sie sonst nicht genug Geld verdienen. Ich brauche das nicht, weil ich weiterhin als Solist auftrete", sagt Immerseel. Er konzertiert nach wie vor 50- bis 60-mal im Jahr als Cembalist, Pianist oder an der Orgel.

Zehn Jahre spielten Immerseel und sein Ensemble Beethovens Neunte immer wieder im Konzert, bevor sie sich ins Plattenstudio trauten. Tatsächlich ist der neue, schroff-schwungvollere Duktus und der tänzerische Schliff das Ergebnis veränderter Grundbedingungen. Zum Einen hört man hier den am schlanksten besetzten Beethoven, seit es Tonaufzeichnungen gibt. Auch die höhere Stimmung der Instrumente (so wie man sie in Wien bis heute verwendet) verhilft dem Klang zu spitzerem Glanz – und den Wiener Blasinstrumenten, auf die man zurückgegriffen hat, zu weit besserer Präsenz. So tritt ein beispielloser Detailreichtum hervor. Beethoven als Extremist, beinahe als musikalischer Terrorist: Das hat man kaum je so überzeugend und deutlich gehört wie hier.

Und das, obwohl in Jahresabständen immer wieder wichtige Beethoven-Zyklen den Markt erobert haben. Neben den klassischen Symphonienzyklen von Furtwängler, Toscanini, Leibowitz und Klemperer ist längst eine beeindruckende Garde von Beethoven-Dirigenten aus dem Lager der Alten Musik erwachsen: Roy Goodman, Harnoncourt, Gardiner, Roger Norrington, Frans Brüggen und andere. Dass man Immerseel trotzdem mit solcher Lust folgt, spricht nicht zuletzt dafür, dass Beethoven offenbar jeden Härtetest locker übersteht – wenn man ihn nur hart genug rannimmt.

"Prophetische Musik" nennt denn auch Jos van Immerseel diese Symphonien. Er hat ganz Recht damit.


CD Anima Eterna spielen Beethoven: "Symphonien und Ouvertüren" Dirigent: Jos van Immerseel (6 CDs, Zic Zac Records).

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