Tageskarte Klassik Das Wunder Sawallisch und die sinnliche Silja

Ganz Wagner-Bayreuth auf 33 CDs – ein veritables Monsterpaket und ein breiter Blick in die Historie. Aber die Masse hat Klasse: Früher war nicht alles anders, aber vieles besser.

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Wer noch nie Richard Wagners "Tannhäuser" gehört hat, sollte mit der von Wolfgang Sawallisch dirigierten Aufnahme von 1962 vorsichtig umgehen: Es könnte sein, dass er anschließend für andere Versionen verdorben ist. Die brausend jugendliche Frische, mit der Sawallisch, damals gerade 39 Jahre alt, in die Sängerkriegsoper einsteigt, beeindruckt auf Anhieb. Seine forschen Tempi, der perfekt gestaffelte Klang, die grandiosen Spannungsbögen ziehen den Hörer sogartig ins Geschehen.

Wagner-Opernbox: Für andere Versionen verdorben

Wagner-Opernbox: Für andere Versionen verdorben

Live aus Bayreuth: Alles (leise) Rumpeln und Husten kann leichten Herzens verschmerzt werden, denn außer der außerordentlichen Dirigierleistung von Sawallisch glänzt eigentlich das ganze Ensemble: der formidable, kraftvolle Wolfgang Windgassen (Tannhäuser) ebenso wie der markige, voluminöse Franz Crass (Landgraf) und der souveräne Eberhard Wächter (Wolfram von Eschenbach). Dazu zwei Damen, zwischen deren stimmlicher wie persönlicher Glut sich selbst ein ernsthafter Künstler wie Tannhäuser nur schwer entscheiden kann. Grace Bumbry wurde als "schwarze Venus" zur lebenden Bayreuth-Legende, bis heute. Fast berauschender noch strömte der Sopran von Anja Silja, die mit ganzen 22 Jahren eine Elisabeth hinlegte, der man ohne Zweifel die Sinnlichkeit und Kraft abnahm, die gefallene Seele des sündigen Sängers zu erretten. Silja und Windgassen – ein wildes Traumpaar. Kongenial flankiert vom wunderbaren Wolfgang Sawallisch, der hier mit zwei weiteren Bestleistungen vertreten ist. Bayreuth, wie es die Welt begeisterte.

Sawallischs "Fliegender Holländer" (aufgenommen 1961) ist kaum weniger perfekt: Hier besticht vor allem der wieder aktive seinerzeitige Top-Bassist Franz Crass als einer der wohl besten Holländer aller Zeiten, Anja Silja als Senta und Josef Greindl als Daland – lupenreine Klasse. Keine Frage, dass dieses Team (Sawallisch/Crass/Silja) auch dem "Lohengrin" (Aufnahme von 1962) ähnliche Vorzugsbehandlung angedeihen ließ. Als Sahnehaube gab's hier noch Jess Thomas dazu, einen jener Tenöre, die in dieser Rolle auf dem Grünen Hügel Maßstäbe setzte.

Ob diese Wagner-Wonnen mit den hier vertretenen "Ring des Nibelungen"-Versionen sowie der "Tristan"-Aufnahme von Karl Böhm am Pult getoppt werden können, ist Geschmackssache. Sängerisch besticht ein ums andere Mal die historische Weltklasse. Der oft beklagte Verlust der wagnerischen Sängerqualität – auch und gerade in Bayreuth – wird hier noch einmal durch beispielhaften, inzwischen kaum noch zu erreichenden Glanz bestätigt. Mit Birgit Nilsson (als Isolde und Brünnhilde), Wolfgang Windgassen (Tristan, Siegfried), Josef Greindl (Hagen) standen Ausnahmestimmen zur Verfügung, die nur Beispiele der hervorragenden Ensemble-Power jener Jahre sind. Karl Böhms "Ring" (1971) wie auch sein "Tristan" (1966) spielen als Gesamtleistung jedenfalls in der Jahrhundert-Liga.

Nicht ganz so brillant schneiden die "Meistersinger" (1974) ab, von Silvio Verviso achtbar, wenn auch nicht einzigartig dirigiert. Jean Cox war auch kein idealer Stolzing, dennoch ist dies eine zumindest hörenswerte Einspielung.

Von 1985 stammt der "Parsifal" unter James Levine, dem Waltraut Meier als Kundry Glanz verleiht, unterstützt von Hans Sotin (Gurnemanz), Simon Estes (Amfortas) und Matti Salminen (Titurel), denen der blond gelockte und seinerzeit idealtypische Titelheld Peter Hofmann zu Gral und Größe verhalf. James Levines breite Tempi sind eventuell nicht jedermanns Sache, sein satter, schimmernder Sound dürfte über jeden Zweifel erhaben sein.

Auf jeden Fall sind 33 Scheiben Wagner auch dann ein Gewinn, wenn man auf den Preis sieht: Bei Internethändlern wird die Box für teils unter 40 Euro angeboten – ein fast unanständig niedriger Obolus für so viel zeitlose Klasse. Da verschmerzt man die schlichte Tütenverpackung der einzelnen CDs ebenso wie das schmale Booklet mit spärlichem Inhalt. Statt der altbekannten Inhaltsangaben wäre ein wenig Hintergrundtext zu den Aufführungen sinnvoller gewesen. Doch die Käufer-Zielgruppe sollte wohl in erster Linie die der Newcomer sein – und die liegt mit einem Griff zu diesem Rundumschlag zum Start der Wagner-Sammlung goldrichtig.


CD Richard Wagner: "The Great Operas From The Bayreuth Festival", Box-Set, 33 CDs, Limited Edition (Decca).



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