Tageskarte Klassik Geigen-Punk goes East

Mit seiner stacheligen Punk-Frisur wurde Nigel Kennedy als der zornige junge Mann unter den Geigern berühmt. Jetzt überrascht er mit Interpretationen vergessener polnischer Kompositionen.

Von Joachim Kronsbein


Ihm hat es nie gereicht, eine in jeder Beziehung bloß klassische Karriere zu machen: Nigel Kennedy, 50, der britische Geiger mit dem inzwischen etwas infantil wirkenden Rüpel-Image.

Geiger Kennedy im polnischen Zakopane: Sympathische Spurensuche
EMI / MAGNUM / Chris Steele-Perkins

Geiger Kennedy im polnischen Zakopane: Sympathische Spurensuche

Am Anfang war er eine erfrischende Erscheinung, der zornige junge Mann, der gut Geige spielen konnte. Einer, der mit stacheliger Punk-Frisur auffiel und, die Marketingabteilung seiner Plattenfirma wird es gefreut haben, einen hohen Wiedererkennungswert hatte. Es mag bessere Violinisten geben, bekanntere sind selten. Es ließ sich herrlich verkaufen: Ein Punk spielt Vivaldi, Brahms und Beethoven. So eine Kombination machte, es ist ja auch schon ein paar Jahre her, Borderliner im Klassik-Publikum noch neugierig.

Nachdem der Brite nun alle großen Violinkonzerte eingespielt, Ausflüge in den Jazz gemacht und auch eine eigens angefertigte Elektro-Geige mit einer fünften Saite ausprobiert hat, wechselt Kennedy nun in die Rolle eines musikalischen Schatzgräbers.

Auf seiner neuesten CD begibt er sich nach Polen: "Polish Spirit" – eingespielt mit dem Polish Chamber Orchestra unter Jacek Kaspszyk – enthält eine veritable Ausgrabung, eine Wiederentdeckung und zwei (ziemlich unnötige) für Violine und Orchester aufgemotzte Nocturnes von Frédéric Chopin.

Eine Trouvaille ist in der Tat das zweite Violinkonzert des Polen Emil Mlynarski (1870–1935), einem einst gefeierten Violinisten. Mlynarski, unter anderem auch mal Direktor der Warschauer Oper, war ein – auch musikalisch – glühender Patriot. Sein erstes Violinkonzert war bei seinen Landsleuten eine Zeitlang einigermaßen populär. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet er allerdings völlig in Vergessenheit.

Dass es von ihm überhaupt noch ein weiteres Violinkonzert gab, war weithin unbekannt. Nigel Kennedy stieß aus Zufall auf die schwungvolle Komposition. Auch das Polish Chamber Orchestra, dessen künstlerischer Direktor Kennedy seit 2002 ist, kannte das Werk nicht.

Nun haben die Musiker und ihr von der Bedeutung seines Fundes vollends überzeugte Chef es aufgenommen. Es ist ein gutes Beispiel für spätromantisches, süffiges Schwelgen mit wohlkalkulierten Ausbrüchen, eine Komposition, die entfernt an Edward Elgars Violinkonzert erinnert und die es durchaus verdient, aus den Verliesen der Musikgeschichte wieder aufzutauchen.

Auch das zweite große Werk auf der CD, das Violinkonzert von Mieczyslaw Karlowicz (1876–1909), dürfte, obwohl in Polen noch nicht ganz vergessen, für Kennedys Stammpublikum eine Entdeckung sein. Es atmet denselben Geist polnischer Spätromantik und ist wohl nur deshalb entstanden, weil der Geigenlehrer, zu dem Karlowicz als Zehnjähriger wechselte, ihm von einer Solistenkarriere abgeraten hatte. Karlowicz wurde statt dessen Komponist, und seine Vorbilder waren (unüberhörbar) Wagner, Richard Strauss und Tschaikowski.

Das Album ist eine sympathische Spurensuche in einem vernachlässigten Terrain der europäischen Musik.

Nigel Kennedys große Liebe zu Polen und zur polnischen Musik hat sich längst auch in seinen Lebensumständen manifestiert. Seit Jahren besitzt der Brite eine Wohnung in Krakau und wandert mit Vorliebe durch die Hohe Tatra.


CD Nigel Kennedy: "Polish Spirit" (EMI).



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