Tageskarte Klassik Mit Orpheus in der iTunes-Welt

MozClarinetC? BassonC? Vor allem Klassik-Fans leiden unter der merkwürdigen Ablagesystematik von iTunes. Allerdings hat der Wirrwarr didaktische Wirkung: Er schult - so komisch es klingt - das Gedächtnis.

Von Joachim Kronsbein


Dieses ist ein Hilferuf! Ein Plädoyer für Vernunft, Augenmaß und Einheitlichkeit. Wer seinen iPod mit klassischer Musik mit mehr als 16 GB bestückt, wird sich leicht ausmalen können, worum es geht.

iTunes-Website: Wie bei einem chaotischen Schreibtisch

iTunes-Website: Wie bei einem chaotischen Schreibtisch

Schiebt man eine CD in seinen PC, lädt die Musik in die Mediathek und lässt sich übers Netz von iTunes automatisch die Titel eintragen, kann es passieren, dass dies der Anfang für eine längere ausgiebige Suche in den Tiefen der Festplatte ist. Eine umständliche Odyssee zu "Orpheus in der Unterwelt" etwa.

Ein schönes und typisches Beispiel: Die herrliche Aufnahme des ersten Buches von Bachs "Wohltemperiertem Clavier", eingespielt von András Schiff. Die zwei CDs werden von iTunes höchst eigenwillig, also unterschiedlich behandelt. Die erste landet unter "Bach: Keyboard Works (Disc 8)", die zweite findet sich unter "The Well-Tempered-Clavier, Book 1 (Disc 2)". Heillose Konfusion.

Noch ein anderes Beispiel, dass das wundersame Verschwinden eines ganzes Stückes beschreibt. In der neuen Box mit alten Aufnahmen von Herbert von Karajan, die die Deutsche Grammophon Gesellschaft herausgebracht hat, ist auf einer CD Strawinskys "Sacre du Printemps" und Bartoks "Konzert für Orchester" kombiniert. Bei iTunes findet sich das gesamte Album nur als "Bartok Konzert fuer Orchester" wieder. So schlecht hat Strawinsky ja nun nicht komponiert.

Noch schöner sind natürlich Einträge in fremder Sprache. Karajans "Walküre" etwa, deren erste CD auf Japanisch beschriftet ist. Oder Schreibfehler: "MozClarinetC, BassonC". Das ist, mit ein bisschen Phantasie, dann als – schöne – Einspielung von Mozarts Klarinetten- und Oboenkonzert zu entschlüsseln.

Nun könnte man natürlich alle diese Fehler mühsamst per Hand vor dem Importieren selbst korrigieren, könnte aus MozClarinetC das entsprechende Konzert machen, könnte Bachwerk wieder zueinander führen und Wagner in seiner Muttersprache dröhnen lassen. Aber wäre das richtig? Etwa auch nützlich? Es wäre sogar dumm.

Denn die wilde willkürliche Ablage-Systematik bei iTunes ist so umsystematisch, dass sie nur einen wahren Zweck haben kann: den, das Gedächtnis der Benutzer zu schulen. Möglichst, ohne dass er es merkt.

Es ist wie bei einem chaotischen Schreibtisch. Für andere mag es Wirrwarr und unergründliche Unordnung sein, für den Eingeweihten ist es wie ein frisch, von einer peniblen Bibliothekarin eingeräumtes Regal: ein Griff (in den Aktenstapel) und alles ist zur Hand. Man muss nur wissen, wo etwas liegt, bzw. unter welchem obskuren Namen etwas abgelegt ist.

Und dann findet man es plötzlich ganz normal, dass unter dem geheimnisvollen Eintrag "J" Streichquartette von Sibelius abgelegt wurden. Aber wieso denn nicht? Der Mann hieß schließlich Jean.

Danke iTunes! Der Hilferuf hat sich erledigt. Weiter so! Das Gehirn bleibt gefordert, der Geist hoffentlich lange frisch, und bei Gelegenheit findet man auch vielleicht wieder, was irgendwo irgendwie abgelegt wurde.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Zugmaschine 23.01.2008
1. Übersetzungshilfe
"MozClarinetC, BassonC". Das ist, mit ein bisschen Phantasie, dann als – schöne – Einspielung von Mozarts Klarinetten- und Oboenkonzert zu entschlüsseln. Ich habe diesen Eintrag zwar nicht in iTunes gefunden, aber "Basson" (bzw. Bassoon) heißt immer noch Fagott und nicht Oboe.
oki69, 23.01.2008
2. mit OS X Problem gelöst
In den iTunes Anfängen, bei mir noch unter Windows XP, hab ich mich diesbezüglich auch sehr oft geärgert. Mit meinem Mac und der komfortablen und vor allem schnellen Suchfunktion von OS X, ist dies kein Problem mehr. Von daher wage ich zu behaupten, dass Apple hier lediglich nicht über den eigenen Tellerrand hinaus geschaut hat und eine Unzulänglichkeit von Windows unberücksichtight lies. Vielleicht auch Strategie ;-) MfG
bolleone 23.01.2008
3. sooo dramatisch ist das doch gar nicht...
nicht an allem ist immer iTunes schuld: importiert man musik in iTunes, so verbindet sich iTunes mit der CDDB-Datenbank, um dort die titel abzufragen. diese datenbank kann jeder selber mitpflegen. so kann es dann schon mal sein, daß dort die infos zu einer cd nicht korrekt abgelegt sind. für im iTunes-store gekaufte musik gilt das nicht, die ist vernünftig getaggtund sollte eigentlich da landen, wo sie hinmöchte. außerdem kann man ja immer noch selber hand an die titel legen...
smokeonit 23.01.2008
4. itunes nicht verstanden...
ihr habt itunes nicht verstanden... in so einem fall einfach eine smart playlist erstellen mit dem letzen import... so einfach ist das... mit itunes soll man nie in die eigentlichen folder schauen! wer das macht hat itunes nicht kapiert... leider... windows user sind leider daran gewöhnt in den tifen ihres systems zu forschen um sich selbst zu helfen... ausserdem kann itunes nichts dafür wenn jemand inkorrekte info in der iddb abgespeicert hat... dann bitte die richtige titel von hand eintragen (vor importieren iddb ausschalten!) und dann die korrigierte info hochladen zu iddb!!!
iGelb 23.01.2008
5. Dem schließe ich mich an
Zitat von bolleonenicht an allem ist immer iTunes schuld: importiert man musik in iTunes, so verbindet sich iTunes mit der CDDB-Datenbank, um dort die titel abzufragen. diese datenbank kann jeder selber mitpflegen. so kann es dann schon mal sein, daß dort die infos zu einer cd nicht korrekt abgelegt sind. für im iTunes-store gekaufte musik gilt das nicht, die ist vernünftig getaggtund sollte eigentlich da landen, wo sie hinmöchte. außerdem kann man ja immer noch selber hand an die titel legen...
Siehe: http://www.gracenote.com/powered_by_gracenote/software/itunes/ Ich verstehe den Sinn dieses Artikels nun gar nicht. Schlecht recherchiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.