Tageskarte Klassik Wagnis mit Bach

Wenn Klassik-Musiker mit originellen Interpretationen bekannt geworden sind, wechseln sie von kleinen zu großen Plattenfirmen und spielen dort Evergreens ein. Ausnahme: Der Pianist Pierre-Laurent Aimard. Er startet beim Major-Label Universal mit Bachs "Kunst der Fuge".

Von Joachim Kronsbein


Es hat etwas von einer Massenflucht. Von einem Wettlauf in den sicheren Hafen: Immer mehr Stars der Klassik verlassen kleinere Labels und suchen Schutz, PR und Marketingbetreuung bei der großen Firma Universal in Berlin, die mit ihren Marken Decca und Deutsche Grammophon Gesellschaft nicht nur seit langem Marktführer ist, sondern sich inzwischen auch ein Quasi-Monopol aufgebaut hat. Universal beherrscht das Werbegeschäft, hat ein funktionierendes Internet-Portal und eingespielte internationale Vertriebsorganisationen. Inzwischen sieht es fast so aus, als seien diejenigen Künstler, die noch nicht unter dieses Dach gekrochen sind, die Loser der Saison. Altmodisch, weil treu.

Bach-Pianist Aimard: Eine Art musikalisches Heiligtum

Bach-Pianist Aimard: Eine Art musikalisches Heiligtum

Neben Künstlern wie Lang Lang und Anna Netrebko, die die Universal aufgebaut hat, geht die Firma in letzter Zeit verstärkt dazu über, bekannte Namen, die von anderen, kleineren Labels, oft mühselig und langwierig zu Bekanntheit und Marktreife geführt wurden, abzuwerben.

Die französische Pianistin Hélène Grimaud, die Geiger Vadim Repin und Daniel Hope, die alle auf ihren Debüt-Platten bei der neuen Firma gängiges Repertoire einspielten, sind die prominentesten Namen.

Der letzte Neuzugang der Deutschen Grammophon, der französische Ausnahmepianist Pierre-Laurent Aimard, 50, macht es sich und seinem neuen Label da nicht so einfach. Statt populärer Klassik-Evergreens hat er sich eines der sperrigsten Werke des Barock, Johann Sebastian Bachs "Die Kunst der Fuge", ausgesucht. Der Pianist, bislang ungerechterweise eher einer Minderheit bekannt, galt lange als Spezialist für zeitgenössische Musik, hatte aber in den vergangenen Jahren besonders auch mit Mozart und Schumann Erfolg. Ein glamouröser Star, der in Talkshows glänzt und sich mit ungewöhnlichen Hobbys auch bei einem breiten Publikum interessant macht, ist der Lyoner Aimard freilich nicht. Für die Deutsche Grammophon ist dieser Zukauf und dessen Debüt-CD ein (verkraftbares) Wagnis.

Bachs "Kunst der Fuge", ein verzwickt-ausgeklügeltes Werk von nahezu mathematisch entschlüsslbarer Schönheit, ist für Aimard offenbar eine Art musikalisches Heiligtum, eine lange unerfüllt gebliebene Herzensangelegenheit. Er nennt die Komposition das "Meisterwerk aller Meisterwerke". Und so respektvoll-ergeben nähert sich Aimard dann auch diesem klassischen Kosmos der Vielstimmigkeit.

Eine Aufnahme für Kenner, für die happy few, die ihre Freude daran haben werden, über Details und Gesamtkonzeption zu richten und ausgiebig zu rechten.


Die CD Pierre-Laurent Aimard: "Die Kunst der Fuge" (Deutsche Grammophon) erscheint am 18.1.



insgesamt 2 Beiträge
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tournemire 09.01.2008
1. Wo ist die Meinung?
Ja, und was soll man nun von der CD halten? Wieder so ein Lifestyle-Artikel, wo sich "Musik"-Journalisten als Kulturskeptiker outen, aber nicht mal im Stande sind, eine eindeutige, individuelle Position zu beziehen. Das hat auch viel mit Handwerk zu tun, aber heute scheint eher die gute Schreibe als die Substanz zu zählen. Mehr Mut zur eigenen Meinung bitte!
rio_riester 28.05.2008
2. Bewertung
Ich kann meinem Vorredner tournemire nur zustimmen: Die Bewertung der Aimard-Interpretation fällt im Artikel doch sehr kurz aus: Sie wird gerade mal angedeutet. Diese Zurückhaltung finde ich schade, denn die Aimard-Interpretation ist im Großen und Ganzen sehr gelungen und darum empfehlenswert - nicht nur für "Kenner, für die happy few, die ihre Freude daran haben werden, über Details und Gesamtkonzeption zu richten und ausgiebig zu rechten", wie es im Artikel ausweichend heißt. Aimards Interpretation ist sehr wohl auch für unkundige Freunde der Barock-Musik geeignet, die einfach mal weniger bekannte Werke dieser großen Epoche genießen wollen. Denn Aimard trifft mit seiner Interpretation die goldene Mitte zwischen einem andächtigen Nachbeten der musikalischen Strukturen und einem spontanen natürlichen Musizieren um des Wohlklangs Willen. Und so gerät Bachs spekulatives Spätwerk zu einem heiteren abwechslungsreichen Reigen erfrischender Musikstücke. Wünschenswert wäre es auch, wenn im Arikel andere bedeutende Klavier-Interpretation der "Kunst der Fuge" wenigstens genannt würden (z.B. die Aufnahme von Kocsis) - oder gar Aimards Interpreation mit diesen anderen Einspielungen verglichen würde. Mann - Ihr seid Spiegel-Online und nicht irgend so ein Lokalblättchen. Also bitte etwas mehr Ehrgeiz und bitte etwas mehr Ambitionen!
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