Talentbühne "Lausch Lounge" Dem Nachwuchs eine Nische

Deutsche Popmusik erlebt dank Juli & Co. eine Renaissance, man kann die jungen Nachwuchskünstler nur nirgendwo hören - schon gar nicht im Radio. Abhilfe bietet die "Lausch Lounge", der erfolgreiche Talentschuppen eines Hamburger Musikliebhabers, dessen Konzept nun auch bundesweit Aufsehen erregt.

Von Stéfan Picker-Dressel


Hamburger Nachwuchskünstlerin Anna Depenbusch: "Die Radiosender vernachlässigen da einen riesengroßen Markt"

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Unübersehbar sein Bauchansatz, strahlend die Augen: Man würde ihm zutrauen, ein Restaurant zu leiten, vielleicht sogar, dort selbst hinter dem Herd zu stehen, so eine gemütliche Ruhe und innere Zufriedenheit strahlt Hasko Witte aus. Zur Not würde man ihm auch Versicherungen abkaufen, denn neben seiner Gelassenheit kann er vor allem eines: viel reden. Meistens erzählt er von seinen Visionen einer besseren Musikwelt, bei denen er einen ansteckenden Enthusiasmus offenbart. Aber Witte, 31, Inhaber einer Hamburger Promotion-Agentur und auf das Bewerben von Popmusik spezialisiert, ist auch Überzeugungstäter. Der Mann weiß, wovon er redet.

Hasko Witte ist Initiator und Organisator der Hamburger "Lausch Lounge". Der putzige Zungenbrecher hört sich zunächst nach einem After-Work-Club mit gewissem Erholungsfaktor an, ist aber eine zweimonatlich stattfindende Live-Veranstaltung für lokale Künstler, die auf sich aufmerksam machen wollen. Eine Art Talentschuppen für Hamburger Musiker also, die sonst nirgends Gehör finden, im Radio schon gar nicht.

"Lausch Lounge"-Initiator Witte: "Ich will lieber lokal was bewirken"

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"Die Radiosender in Hamburg sind viel zu eingefahren, um Neues zu entdecken", sagt Witte. "Gerade die staatlichen Sender wie der Norddeutsche Rundfunk kommen ihrer Aufgabe, einen gewissen Kulturauftrag für heimische Musiker zu erfüllen, nicht mehr nach." Bei Hamburger Radioredakteuren sei kein Feuer, keine Leidenschaft und vor allem kein Entdeckerdrang mehr auszumachen, so Witte. "Die arbeiten lieber unauffällig und spielen den ganzen Tag das Beste, Größte und Tollste von heute. Aber Lust, etwas Neues zu entdecken, und dann noch etwas, was vor der Haustür liegt, hat keiner", sagt Witte. "Damit könnte man ja anecken, nicht zuletzt beim Hörer."

Wenn sich doch mal ein Sender um Lokalkolorit bemüht, dann versteckt er seine Shows im Nachtprogramm. So wie der Marktführer "Radio Hamburg", der sich immerhin alle zwei Wochen jeweils Mittwoch nach um 0.00 Uhr traut, unbekannte deutsche Künstler vorzustellen.

"Lausch Lounge"-Entdeckung Louisan: Jeder Künstler darf 30 Minuten lang spielen

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Also muss einer in die Bresche springen, um Prozesse in Gang zu setzen, um mehr zu bewegen. Einer wie Hasko Witte. Mit seiner Promotionfirma bkw, die sich im Auftrag großer Musikkonzerne darum kümmert, deren Künstler in die Medien zu bringen, weiß Witte, wie schlecht so manches Produkt zu verkaufen ist, selbst wenn es in Zeiten von Bands wie Wir sind Helden, Kettcar oder Juli vielleicht sogar das nächste große Ding sein könnte. Auf den Zug der neuesten deutschen Welle springen die Medien trotzdem nicht auf, viele halten Popmusik mit deutschen Texten nur für einen Trend mit geringer Halbwertszeit. "Da möchte man so manches Mal verzweifeln, wenn man eine phantastische Platte eines nationalen Künstlers auf dem Tisch hat, über die aber zugunsten eines amerikanischen Popklons nicht berichtet wird oder die keine Chance im Radio hat", schimpft Witte.

Nach der x-ten Absage überkam ihn erst der Frust, dann die Idee der "Lausch Lounge". Und plötzlich ging alles sehr schnell: "Ein paar Infos im Netz, ein paar Mails über unseren Verteiler, und plötzlich war das Ding ein Selbstgänger." Bereits zur ersten Veranstaltung am 12. Februar 2004 kamen 150 zahlende Gäste, die damals Hamburger Songwriter und Indie-Acts wie Regy Clasen, Besser und Der Fall Böse sehen wollten. In wenigen Tagen geht bereits die achte Vorstellung über die Bühne.

Lokalmatador Gwildis: "Die Begeisterung der Leute ist echt"
AP

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Das Prozedere bei den "Lausch Lounges" ist immer gleich: Der Club ist klein, um die Kosten möglichst gering zu halten. Es gibt mit dem Hamburger Songschreiber Michy Reincke, ehemals bei Felix de Luxe ("Taxi nach Paris") einen Moderator, der launig durchs Programm führt. Jeder Künstler darf 30 Minuten lang spielen, allerdings nur mit akustischer Instrumentierung - die Zuschauer sollen merken, dass hier echte Musiker mit Potential agieren. Zudem hält Organisator Witte den Eintrittspreis gering. "Das Ganze ist eine Non-Profit-Veranstaltung", sagt er. "Ich verdiene daran nicht einen Cent. Gibt es einen Überschuss, wird dieser an die Künstler verteilt. Denn Gagen zahlen wir nicht, das würde sich auch nicht rechnen."

Die Leute kommen trotzdem. Neben Jan Plewka, ehemals Frontmann von Selig und heute Sänger des Trios Zinoba, nutzten auch andere bekannte Musiker die "Lausch Lounge" für Auftritte, darunter Soulbarde Stefan Gwildis sowie die Songwriter Michel van Dyke, Justin Balk und Pascal Finkenauer. Die Hamburger Band Johnny Liebling, die noch bei der letzten "Lounge" mit schmissigem Polka-Jazz begeisterte und außerhalb der Hansestadt so gut wie unbekannt ist, veröffentlicht Ende August ihr Debütalbum bei dem Majorlabel Universal Music. Bereits im letzten Herbst stand eine damals völlig unbekannte Sängerin auf der Bühne, die mittlerweile Echo-Preisträgerin ist und bundesweit gefeiert wird: Annett Louisan.

"Die Begeisterung der Leute ist echt und zeigt, das es ein großes Hörerpotential für nationale Popmusik gibt", sagt Witte. "Die Radiosender vernachlässigen da einen riesengroßen Markt. Wir beweisen mit jeder Veranstaltung, wie viele Künstler mit Potential auf der Straße sitzen, wie viele Perlen es noch zu entdecken gibt."

Hamburger Songwriterin Regy Clasen: "Wir beweisen mit jeder Veranstaltung, wie viele Perlen es noch zu entdecken gibt"

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Das haben inzwischen auch andere erkannt. Denn nicht nur lokale Stars und Newcomer rennen dem gebürtigen Berliner Witte die Türen ein, sondern auch etablierte Künstler aus der ganzen Republik, Agenten, Talent-Scouts und Veranstalter, die die "Lausch Lounge" landesweit präsentieren wollen. "Neulich rief eine Agentur aus München an, die uns einen entsprechenden Vorschlag unterbreitete. Doch ich will lieber lokal was bewirken." Immerhin ließ sich Witte umgehend den Namen seiner Idee schützen. Am morgigen Samstag steht im Rahmen der Hamburger "Nacht der Kirchen" die achte "Lausch Lounge" an, im bisher größten, veranstalteten Rahmen. Austragungsort ist die St. Katharinen Kirche mit knapp 1000 Plätzen, spielen werden unter anderem die Newcomer Anna Depenbusch und Robin Grubert. Dass die Kirche nicht voll wird, davor hat Hasko Witte keine Angst. Erstmals wurden für eine "Lausch Lounge" Plakate gedruckt und in der ganzen Hansestadt aufgehängt. Ein Novum für Witte - und vielleicht auch Zeichen, das ab jetzt vielleicht doch alles etwas größer wird. Bislang kam er gänzlich ohne Werbung aus.


Termin:

"Lausch Lounge" am 4. Juni 2005 im Rahmen der "Nacht der Kirchen" in Hamburg. Gäste: Kira, Anna Depenbusch, Robin Grubert, Michel van Dyke. Moderation: Michy Reincke. Adresse: St. Katharinen Kirche, Katharinenkirchhof 1, 20457 Hamburg. Beginn: ab 19.00 Uhr. Eintritt frei.

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