Talentland Israel Falafel-Jazz bringt Würze in die Szene

Erstaunlich viele Spitzenmusiker des zeitgenössischen Jazz kommen aus Israel. Offenbar bietet die kulturelle Vielfalt des Landes einen Nährboden für inspirierte Jazz-Impulse. Ihre Einflüsse bewahren sie sich auch in den USA oder Europa.

Simon Hegenberg

"Wenn ich drei Tage Zeit hätte, um echt heiße Jazzmusiker aufzuspüren, würde ich vor jedem anderen Ort der Erde nach Tel Aviv gehen": Larry Monroe, Ex-Vizepräsident der weltberühmten Jazz-Kaderschmiede Berklee in Boston, sagte das 2008 der "JazzTimes". Die US-Zeitschrift beschrieb damals unter der Schlagzeile "The Israeli Jazz Wave" die "wundersame Flutwelle von Talenten, die in den vergangenen Jahren die New Yorker Szene überrollte". Eines jener Talente war der Pianist Omer Klein, der 2005 als 23-Jähriger nach Amerika ging.

"Wir folgten Vorbildern wie Avishai Cohen", sagt Klein. Der Bassist Avishai Cohen hatte in den Neunzigerjahren nach seinem Studium in Tel Aviv sein Glück in New York versucht. Während er tagsüber seinen Lebensunterhalt auf dem Bau verdiente, stieg er abends in diversen Klubs bei Jam Sessions ein - und wurde entdeckt. Chick Corea und Herbie Hancock holten den Israeli in ihre Bands, der dadurch fortan in der ersten Liga mitmischte.

Cohens Erfolg befeuerte die Musikanten-Migration aus seiner Heimat. Immer mehr Israelis strömten zum Jazz-Studium nach New York und Boston. Der New Yorker Jazzklub "Smalls" wurde zum Treffpunkt der jungen Talente aus Tel Aviv und Jerusalem. Entgegen der vorherrschenden Jeder-für-sich-allein-Attitude würden sich die Israelis gegenseitig unterstützen, beobachtete der amerikanische Trompeter Ambrose Akinmusire.

Vor allem aber brachten die Zugereisten aus dem nahöstlichen Multikulti-Staat neue Impulse in den Jazz der Gegenwart. Als Omer Klein beim Vorspielen über einen israelischen Song improvisierte, fielen seinem Klavierlehrer, dem Piano-Star Danilo Perez, bestimmte Tonfolgen und Harmonien auf: "Die darfst du niemals verlieren", beschwor er Klein. Klangfarben aus der eigenen Tradition prägen den persönlichen Stil und bereichern den Jazz! "Play our own Shit", hatte einst Miles Davis dem gerade aus Südafrika eingetroffenen Trompeter Hugh Masekela zugerufen.

Zu Fuß zum Konzert in Düsseldorf

Der klassisch ausgebildete Israeli Klein kennt die traditionelle jüdische Musik aus dem Abendland und dem Orient; er liebt zudem die Liedkunst der Romantik, hat als Teenager Rockmusik gehört. All diese Einflüsse finden sich in der Musik der zeitgenössischen israelischen Jazzmusiker seiner Generation. Amerikaner tauften den orientalisch gefärbten Jazz "Falafel-Jazz".

Den internationalen Erfolg der israelischen Jazzmusiker erklärt Klein auch mit ihrer Fähigkeit zu improvisieren. In seinem bedrängten, chaotischen Land erfordere das tägliche Leben, ständig Entscheidungen zu treffen und schnelle Lösungen zu finden. "Jeder Bürger lernt zu improvisieren", so Klein - und Jazzmusikern helfe diese Erfahrung auch in ihrem Metier.

Erstaunlich ist der Aufstieg der Falafel-Jazzer angesichts der miserablen Jazz-Infrastruktur in ihrem Land. "Es gibt viel zu wenig Klubs, kaum Festivals, kaum Plattenproduzenten, kaum Jazz im Rundfunk", berichtet Klein; und von öffentlicher Förderung - wie etwa in Skandinavien, den Niederlanden und Frankreich - könnten die Israelis nur träumen. Immerhin entwickelte sich nach dem Vorbild der klassischen Ausbildung auch die sogenannte Jazz-Education. Amerikanische Jazzschulen bieten Kurse in Israel an; die Tel Aviver Thelma-Yelling-Hochschule der Künste, die Klein absolvierte, führt Jazz als Studienfach.

Doch letztlich sind die extrem begrenzten Auftrittsmöglichkeiten dafür verantwortlich, dass so viele israelische Jazzmusiker ihre Heimat verlassen. Nach den USA, wo schon mehrere Hundert leben, haben sich nun auch einige in Europa niedergelassen. Der Pianist Yaron Herman etwa war eigentlich nur für einen Zwischenstopp auf der Rückreise aus Amerika in einem Pariser Jazzklub eingestiegen und hatte auf der Stelle Angebote erhalten - so ist er in Frankreich geblieben.

Sein Kollege Omer Klein landete nach Amerika in Deutschland - der Liebe wegen. Von hier aus tourt er fleißig durch Europa. Vorletzte Woche beantwortete er Anrufe aus Rom und Prag. Klein fühlt sich wohl in Deutschland. Gerne erinnert er sich an ein Konzert im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal; den konnte er von seiner Wohnung aus zu Fuß erreichen.


Termine israelischer Jazzmusiker (Auswahl)

Omer Klein:
2.11. Hamburg (Talk im Elbphilharmonie-KulturCafe);
5.11. Göttingen;
6.11. Ludwigshafen;
14.11. Düsseldorf

Yaron Herman:
27.10. Zürich;
2.11. Wien

Avishai Cohen:
13.11. Leverkusen


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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
angst+money 25.10.2015
1.
In dem Zusammenhang sollte man auch noch Shauli Einav empfehlen. Und: Schön dass Omar Klein demnächst vor meiner Haustür spielt - danke für den Tipp!
Sam_Dicamillo 25.10.2015
2. Authenticjazzman
Nichts neues, Stan Getz war Jude, Benny Goodman, Lee Konitz, und reihenwiese andere Stars auch. Authenticjazzman, "Mensa" society mitglied seit vierzig Jahren.
Sam_Dicamillo 25.10.2015
3. Authenticjazzman
Die grosse Mehrzahl der Songwriters des "Great American Songbook" waren Juden, Gerschwin, Arlen, Berlin, Hammerstein, usw. Monroe ( Artikel ) meint dass er die besten Jazz Musiker ausserhalb der USA in Israel finden wurde, aber was er offentsichtlich nicht kennt was Qualität und Authentizität des Jazzes betrifft ist Italien. Nirgendswo in Europa oder Asien wird so authentisch und gleichseitig erfinderisch wie in Italien Jazz gemacht. Die Jazz Musiker dort sind eine Klasse für sich. Chet Baker liebte es in Italien zu spielen und er wusste genau warum. Authenticjazzman, "Mensa" society Mitglied seit vierzig Jahren.
retronoerd 25.10.2015
4. Rotem Sivan
Vergesst auch bitte nicht Rotem Sivan - der bringt gerade einen sehr angenehmen frischen Wind in die Gitarren-Fraktion!
retronoerd 25.10.2015
5. @Sam_Dicamillo
Ich hab auch 'ne spezielle Beziehung zu Italien und kann bestätigen: denen muss man nicht erklären, wie's geht ;-) ABER, ähnliches gilt auch für die Brasilianer - und ein besonders heißer Tipp: In der Türkei gibt es eine Gitarren-Szene, die Jazz mit starkem arabisch/osmanischen Einschlag spielt und das Ergebnis ist einfach Wow! Tipp: Cenk Erdoğan
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