Ausnahme-Komponist Tan Dun in Hamburg Ein G-E-N-U-S-S

So viel Jubel für zeitgenössische Konzertmusik ist selten: In Hamburg wurde der chinesische Komponist und Dirigent Tan Dun mit dem Bach-Preis ausgezeichnet. Zum Dank brachte er eine furiose Eigenkomposition zu Gehör, bei der es sogar das Orchester nicht mehr auf den Sitzen hielt.

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Tan Dun: Musizieren und Dirigieren mit dem ganzen Körper
Nana Watanabe

Tan Dun: Musizieren und Dirigieren mit dem ganzen Körper


Erst einmal tief ausatmen! Entspannen nach dem großen Akkord. Der chinesische Komponist Tan Dun nimmt den Begriff "Klangkörper" für Orchester gern mal wörtlich und lässt seine Musiker nicht nur als perfekte Musikmaschinen agieren, sondern animiert sie ganzheitlich. Zischen, wispern, summen und sogar singen: Alles gehört dazu, wenn Tan Dun seine Werke dirigiert. In Hamburg wurde ihm jetzt während des Schleswig-Holstein-Musikfestivals der renommierte Bach-Preis der Hansestadt verliehen (dotiert mit 10.000 Euro), und Tan Dun bedankte sich mit einem Konzert, das aller Ehren wert war. So viel Jubel für zeitgenössische Konzertmusik wie an diesem Abend gibt es nicht immer. Aber Tan Dun hatte im ersten Teil des Abend auch einen Anheizer der Sonderklasse mitgebracht.

Eigentlich sollte der überaus populäre Schlagzeug-Künstler Martin Grubinger das neue Tan-Dun-Konzert aus der Taufe heben, doch er hatte sich im unermüdlichen Percussionseinsatz einen Muskelfaserriss zugezogen. Das Los der Spitzenathleten. Für sprang der kaum weniger spektakulär spielende junge Organist Cameron Carpenter ein, für den Tan Dun in wenigen Tagen noch eine rasante Komposition extra aus dem kreativen Boden stampfte. "B-A-C-H", was hätte besser gepasst als eine Variationen-Suite auf den Preis-Namensgebers. Und die Hamburger Laeiszhalle verfügt über eine anständige, machtvolle Orgel, die Carpenter lustvoll bearbeitete.

Bach in glänzendem Outfit

In markantem Glitzeroutfit kontrastierte der 31-jährige Orgel-Revolutionär wirkungsvoll mit Tan Duns schlichtem Anzug, doch die beiden Künstler harmonierten dafür auf spiritueller Ebene. Carpenters bescheidene Gesten nach seinen Instrumental-Eruptionen, der dezente Dank an Publikum, Orchester und Komponist - alles fügte sich zu einem so geschlossenen Bild, als hätte das der gewitzte und großflächig denkende Tan Dun gleich mitkomponiert.

Das "Symphonic Poem on 4 Notes B-A-C-H" für Orgel und Orchester hatte Tan Dun in knapp einer Woche zu Papier gebracht - kaum vorstellbar, denn was da auf der Bühne passierte, war durchaus komplex, ideenvoll und spannend. Atonales mischte sich mit fülligen Harmonien, Geräusche und Schlagwerk konkurrierten mit vitalen Blechbläsersätzen. Vielleicht hatte der Meister auch ein paar Skizzen in der Schublade, die nur auf eine Sternstunde wie diese warteten. Ganz leise begann es, mehr spürbar als hörbar, die Geburt eines Klanges, der später zwischen Solist und Ensemble sich einpegelte, bevor Solo- und Ensemble-Passagen im Rahmen des Variationsspiels wechselten.

Buchstäblich vom Flüstern zum Schrei evolutionierte Tan Duns Werk, bis die Orchestermusiker fast mit wütendem Ausbruch "B-A-C-H" anstimmten: Es war einer von vielen vokalen Paukenschlägen in diesem knappen, aber lustvollen Ding. Und immer blitzet der Humor des gescheiten Komponisten aus der chinesischen Provinz Hunan auf, der auf wundersame Weise Strenge und Witz, große Effekte und intime Momente verbinden kann. West met east, und man verstand sich obendrein.

Eine wunderbare Empörung

Welche Kraft und Substanz sich in Tan Duns Musik sammelt, erlebte man nach der Pause. "Death and Fire. Dialogue with Paul Klee" führte die blendend aufgelegten Musiker des NDR-Symphonieorchesters einmal mehr an ihre Grenzen bzw. an den Schatten, über den sie springen mussten. Im Wortsinne, denn einer der zahlreichen Höhepunkte dieser musikalischen Auseinandersetzung mit dem Maler Paul Klee war ein buchstäblicher Aufstand des Orchester, das sich, durchaus improvisiert, von den Stühlen erhob, gestisch und sprachlich erregte, eine Empörung im vermeintlich steifen Klangkörper, den Tan Dun wieder und wieder zu überraschenden Aktionen verführte.

Anschließend gab es Momente von Innigkeit, die an Franz Schubert erinnerten. Tan Dun kann vieles, und wer nur seine Musik zu dem Film "Crouching Tiger, Hidden Dragon" kennt (für die es einen Oscar gab), hat noch viel zu entdecken. Tan Duns Spiel mit den großen Gegensätzen und deren Versöhnung drückt unstillbaren Friedenswillen und die Sehnsucht nach Harmonie inmitten aller zerstörerischer Kräfte aus. Musik gewordene Humanität, die es sich und den Hörern nicht immer leicht macht, aber alle Sinne spielend einnimmt.

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michaeltolliver 20.08.2012
1. K E I N Genuss ...
Einige kurze Anmerkungen zu Ihrer Kritik: "So viel Jubel für zeitgenössische Konzertmusik ist selten" ... kein Wunder, wenn sowohl der Komponist als auch der Solist vor allem durch Effekthascherei glänzen ... musikalische Substanz, geschweige denn Tiefe = Fehlanzeige! "Und die Hamburger Laeiszhalle verfügt über eine anständige, machtvolle Orgel, die Carpenter lustvoll bearbeitete." ... Nun, ich weiß nicht, in welchem Konzert Ihr Kritiker war, aber in dem Konzert, das ich am 18.08. in der Hamburger Laeiszhalle besuchte, spielte Herr Carpenter keineswegs die prachtvolle hauseigene Orgel, sondern die eigens für ihn angefertigte volldigitale (!) Orgel, was ein Ermessen seiner künstlerischen Qualitäten ohnehin sehr fragwürdig erscheinen lässt ... Fazit: Wer die oberflächliche Show sucht, war in dieser Veranstaltung genau richtig - für musikalische Bereicherung und Erfüllung muss man wohl anderenorts fündig werden ...
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