Von Christoph Dallach
Wenn es hierzulande um den sogenannten Krautrock geht, fällt der Name Tangerine Dream eher selten. Verneigt wird sich in schöner Regelmäßigkeit und zu Recht vor Klassikern wie Can, Neu!, Kraftwerk, Amon Düül und Popol Vuh, die allesamt die siebziger Jahre mit Avantgarde-Klängen prägten und mit dem "Krautrock" eine Musikrichtung schufen, die gelegentlich als einziger nennenswerter deutscher Beitrag zur Musikgeschichte gesehen wird.
Tangerine Dream, die Großmeister schnurrender und ausufernder Electro-Melodien, werden in dieser Helden-Galerie gern vergessen. Nur Rammstein-Sänger Till Lindemann soll die Berliner Veteranen mal als frühe Inspiration genannt haben.
Vollkommen anders sieht es im Rest der Welt aus; Hipster wie Beck, Primal Screams Bobby Gillespie oder die Brit-Rocker von Kasabian sind bekennende Tangerine-Dream-Verehrer. Steven Wilson von Porcupine Tree preist das Tangerine-Dream-Werk "Zeit" sogar als sein liebstes Album überhaupt.
Dazu kommen all die Hollywood-Regisseure, die über die Jahre Soundtracks bei Tangerine-Dream-Chef Edgar Froese orderten - so wie William Friedkin ("Sorcerer"), Michael Mann ("Thief"), Ridley Scott ("Legend") oder Kathryn Bigelow ("Near Dark"). Dass Tangerine Dream dieser Tage mal wieder - weit weg von Berlin - in den USA auf Konzertreise sind, illustriert ihren Status perfekt.
Im Ausland gefeiert, in Deutschland belächelt
Als Nachhilfe in Sachen Tangerine Dream eignet sich das neue CD-Set "The Virgin Years 1977-1983", die Fortsetzung des noch interessanteren "The Virgin Years 1974-1978". Denn die siebziger Jahre waren die interessanteste Zeit von Edgar Froese und seinen stetig wechselnden Zuarbeitern. Die ersten vier Werke von Tangerine Dream ("Electronic Meditation", "Alpha Centauri", "Zeit", "Atem") waren teils wahnwitzig verspielte und erfrischende Platten, die noch mit Einsatz konventioneller Instrumente entstanden. BBC-Star-DJ John Peel kürte "Atem" 1973 sogar zur Platte des Jahres.
Kein Wunder, dass Richard Branson, Chef des Plattenlabels Virgin, hellhörig wurde und Tangerine Dream unter Vertrag nahm. Damals verkaufte die Band alle regulären Instrumente und investierte den Erlös ausschließlich in Synthesizer. Die darauf folgenden Alben wie "Phaedra" oder "Stratosfear" waren dementsprechend vollelektronisch, aber auch zugänglicher und einlullender. Ungewöhnliche ausufernde Melodien, die bis zu 20 Minuten dahin surrten und sich perfekt für Filme und Tagträume eigneten.
Bei deutschen Medien hatten Tangerine Dream immer einen schweren Stand, sie wurden von Feuilletonisten und Fachmagazinen belächelt. Vielleicht weil ihr Elektro-Geschnurre zu gefällig schien und der Tangerine-Dream-Regisseur Edgar Froese, das einzig beständige Mitglied von 1967 bis in dieses Jahrtausend, stets zu unglamourös und dezent daher kam. Dabei gab sich sogar Salvador Dali als früher Froese-Fan zu erkennen.
Vielleicht ist es aber auch ein Problem, dass Tangerine Dream einfach viel zu viele Alben ablieferten - bislang 107! Wenige davon waren unbedingt zwingend, wobei die meisten Stücke, die Tangerine Dream in den Siebzigern einspielten, auch in diesem Jahrtausend noch erstklassig und erstaunlich zeitgemäß klingen. Wer nun den frischen Neuauflagen der alten Platten lauscht, wird daran erinnert, wie sehr der Sound von Tangerine Dream den Klang von Moby, Air, Royksopp, Underworld oder Portishead beeinflusste und vorwegnahm. Etwas mehr Respekt wäre längst fällig.
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