Electro-Klassiker Tangerine Dream: Richtig gut, dieses Kraut

Von Christoph Dallach

Wir bitten um etwas mehr Respekt: 107 Alben hat die Berliner Band Tangerine Dream seit den siebziger Jahren aufgenommen. Ein neues CD-Set mit alten Klassikern bietet die Chance, die Meister der ausufernden Klänge wiederzuentdecken.

Electro-Klassiker: Einlullendes Surren
Fotos
Claude Gassian

Wenn es hierzulande um den sogenannten Krautrock geht, fällt der Name Tangerine Dream eher selten. Verneigt wird sich in schöner Regelmäßigkeit und zu Recht vor Klassikern wie Can, Neu!, Kraftwerk, Amon Düül und Popol Vuh, die allesamt die siebziger Jahre mit Avantgarde-Klängen prägten und mit dem "Krautrock" eine Musikrichtung schufen, die gelegentlich als einziger nennenswerter deutscher Beitrag zur Musikgeschichte gesehen wird.

Tangerine Dream, die Großmeister schnurrender und ausufernder Electro-Melodien, werden in dieser Helden-Galerie gern vergessen. Nur Rammstein-Sänger Till Lindemann soll die Berliner Veteranen mal als frühe Inspiration genannt haben.

Vollkommen anders sieht es im Rest der Welt aus; Hipster wie Beck, Primal Screams Bobby Gillespie oder die Brit-Rocker von Kasabian sind bekennende Tangerine-Dream-Verehrer. Steven Wilson von Porcupine Tree preist das Tangerine-Dream-Werk "Zeit" sogar als sein liebstes Album überhaupt.

Dazu kommen all die Hollywood-Regisseure, die über die Jahre Soundtracks bei Tangerine-Dream-Chef Edgar Froese orderten - so wie William Friedkin ("Sorcerer"), Michael Mann ("Thief"), Ridley Scott ("Legend") oder Kathryn Bigelow ("Near Dark"). Dass Tangerine Dream dieser Tage mal wieder - weit weg von Berlin - in den USA auf Konzertreise sind, illustriert ihren Status perfekt.

Im Ausland gefeiert, in Deutschland belächelt

Als Nachhilfe in Sachen Tangerine Dream eignet sich das neue CD-Set "The Virgin Years 1977-1983", die Fortsetzung des noch interessanteren "The Virgin Years 1974-1978". Denn die siebziger Jahre waren die interessanteste Zeit von Edgar Froese und seinen stetig wechselnden Zuarbeitern. Die ersten vier Werke von Tangerine Dream ("Electronic Meditation", "Alpha Centauri", "Zeit", "Atem") waren teils wahnwitzig verspielte und erfrischende Platten, die noch mit Einsatz konventioneller Instrumente entstanden. BBC-Star-DJ John Peel kürte "Atem" 1973 sogar zur Platte des Jahres.

Kein Wunder, dass Richard Branson, Chef des Plattenlabels Virgin, hellhörig wurde und Tangerine Dream unter Vertrag nahm. Damals verkaufte die Band alle regulären Instrumente und investierte den Erlös ausschließlich in Synthesizer. Die darauf folgenden Alben wie "Phaedra" oder "Stratosfear" waren dementsprechend vollelektronisch, aber auch zugänglicher und einlullender. Ungewöhnliche ausufernde Melodien, die bis zu 20 Minuten dahin surrten und sich perfekt für Filme und Tagträume eigneten.

Bei deutschen Medien hatten Tangerine Dream immer einen schweren Stand, sie wurden von Feuilletonisten und Fachmagazinen belächelt. Vielleicht weil ihr Elektro-Geschnurre zu gefällig schien und der Tangerine-Dream-Regisseur Edgar Froese, das einzig beständige Mitglied von 1967 bis in dieses Jahrtausend, stets zu unglamourös und dezent daher kam. Dabei gab sich sogar Salvador Dali als früher Froese-Fan zu erkennen.

Vielleicht ist es aber auch ein Problem, dass Tangerine Dream einfach viel zu viele Alben ablieferten - bislang 107! Wenige davon waren unbedingt zwingend, wobei die meisten Stücke, die Tangerine Dream in den Siebzigern einspielten, auch in diesem Jahrtausend noch erstklassig und erstaunlich zeitgemäß klingen. Wer nun den frischen Neuauflagen der alten Platten lauscht, wird daran erinnert, wie sehr der Sound von Tangerine Dream den Klang von Moby, Air, Royksopp, Underworld oder Portishead beeinflusste und vorwegnahm. Etwas mehr Respekt wäre längst fällig.

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insgesamt 39 Beiträge
stesoell 13.07.2012
Chapeau auch an Klaus Schulze, ebenfalls nie weg, sondern fleissig am produzieren. Chapeau ebenfalls an Winfrid Trenkler, ich habe keine seiner Sendungen "Schwingungen" verpasst und fleißig auf Analog Tape [...]
Zitat von sysopWir bitten um etwas mehr Respekt: 107 Alben hat die Berliner Band Tangerine Dream seit den siebziger Jahren aufgenommen. Ein neues CD-Set mit alten Klassikern bietet die Chance, die Meister der ausufernden Klänge wiederzuentdecken. Tangerine Dream: CD-Set The Virgin Years 1977-1983 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,844108,00.html)
Chapeau auch an Klaus Schulze, ebenfalls nie weg, sondern fleissig am produzieren. Chapeau ebenfalls an Winfrid Trenkler, ich habe keine seiner Sendungen "Schwingungen" verpasst und fleißig auf Analog Tape mitgeschnitten. Auf YouTube gibts vieles zu hören, wer mag...
frechd@chs 13.07.2012
Als Kind der 80er möchte ich noch hinzufügen dass sie für den Titelsong von "Streethawk" zuständig waren, eine nicht all zu erfolgreiche TV-Serie (stark angelehnt an Knight Rider und Airwolf). Hat mich als Kind trotzdem [...]
Als Kind der 80er möchte ich noch hinzufügen dass sie für den Titelsong von "Streethawk" zuständig waren, eine nicht all zu erfolgreiche TV-Serie (stark angelehnt an Knight Rider und Airwolf). Hat mich als Kind trotzdem begeistert und der Titelsong ist auch heute noch schön anzuhören.
Zunächst: ohne Zweifel sind die Tangerine Dream Alben der 70er eine Musik, die es danach nie wieder gegeben hat und eigentlich auch nicht mehr geben kann, weil die dazu notwendigen Instrumente so rar und teuer geworden sind, dass [...]
Zunächst: ohne Zweifel sind die Tangerine Dream Alben der 70er eine Musik, die es danach nie wieder gegeben hat und eigentlich auch nicht mehr geben kann, weil die dazu notwendigen Instrumente so rar und teuer geworden sind, dass es kaum möglich ist, allein das Bühnenquipment von damals aufzutreiben - und das digitale Zeitalter hat neue, anderen Synthesizer hervorgebracht, die völlig andere Zwecke und Klänge produzieren (obwohl in letzter Zeit auch wieder verstärk analoge Geräte gibt). Dann ist es so, dass Tangerine Dream hierzulange auch ihre Musik in den 80ern - New Age - nachträglich zum Verhängnis geworden sein mag; denn die ist vielleicht weniger genial als die noch sehr künstlerischen Improvisationen der 70er Jahre und der gesante New Age Stil wohl an sich wenig geliebt. Das Etikett ist wohl ein wenig haften geblieben. Auch die jüngsten Produktionen mögen wohl die Fans des alten, von Tangerine Dream in den 70ern maßgeblich entwickelten Stils nicht unbedingt ansprechen. Letztlich ist Tangerine Dream in den 70er Jahren in Trio gewesen - in jeder Hinsicht. Insofern teile die Auffassung des Autors nicht, dass Edgar Froese "Zuspieler" hatte in dieser Zeit. Die Genialität dieser Alben liegt darin, dass ein musikalisch extrem gut eingespieltes Team mit einander interagiert - was man gerade bei den Live-Aufnahmen sehr gut hören kann. Denn obwohl die Musik von Sequencern und Elektronik gerpägt ist, sind die Stücke doch weitestgehend improvisiert und leben von der Interaktion der Musiker miteinadern. Auch haben Baumann und Franke sehr klare Stilistiken, die sie eingebracht haben, und die entsprechend auf den späteren Alben fehlen. Die ganz frühen Werke erscheinen mir persönlich etwas unausgereift und nicht immer zu Ende gedacht (eine Aussage, die die 3 in der zweiten Hälfte der 70er Jahre wohl ähnlich getroffen hätten). Phaedra - Encore; und vor allem auch die Live Bootlegs der Jahre 1975-77 hingegen sind ein Erbe, das bei heute einzigartig geblieben ist!
skilliard 13.07.2012
Underwater Sunlight war meine erste selbst gekaufte CD. Das war wohl kurz nachdem ich eingesehen hatte, dass CDs wohl doch keine Marketing-Eintagsfliegen sind und ich von LPs auf die kleinen Silberscheiben umgestiegen bin.
Underwater Sunlight war meine erste selbst gekaufte CD. Das war wohl kurz nachdem ich eingesehen hatte, dass CDs wohl doch keine Marketing-Eintagsfliegen sind und ich von LPs auf die kleinen Silberscheiben umgestiegen bin.
ilmoran 13.07.2012
Zunächst herzlichen Dank an den Autor für die längst überfällige Würdigung einer der weltweit erfolg- und einflussreichsten deutschen Bands überhaupt. Daneben, wie bereits von einem Vorredner erwähnt, auch Klaus Schulze. [...]
Zitat von Christian HawellekDann ist es so, dass Tangerine Dream hierzulange auch ihre Musik in den 80ern - New Age - nachträglich zum Verhängnis geworden sein mag;
Zunächst herzlichen Dank an den Autor für die längst überfällige Würdigung einer der weltweit erfolg- und einflussreichsten deutschen Bands überhaupt. Daneben, wie bereits von einem Vorredner erwähnt, auch Klaus Schulze. Bedauerlich, dass diese Jungs hierzulande kaum jemand kennt. Da muss ich allerdings widersprechen: New Age ist zwar stilistisch in der Musik nicht genau definiert und wird leider oft pauschal für alles verwendet, was elektronisch und instrumental ist. Treffender ist m.E. die Einordnung von New Age in die Abteilung Esoterik, Meditation, Entspannung, etc. In diese Schublade gehören TD jedoch sicher nicht.
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  • Freitag, 13.07.2012 – 08:41 Uhr
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