Tangerine Dream auf Tour Die Suche nach dem Froese-Faktor

Neues Album, neue Band, Tour-Auftakt in der Elbphilharmonie: Die Elektronik-Pioniere Tangerine Dream feiern ein Comeback - drei Jahre nach dem Tod von Gründer und Vordenker Edgar Froese. Ist das noch das Original?

Jim Rakete

"Es gibt keinen Tod, nur einen Wechsel der kosmischen Adresse", verkündete einst Edgar Froese, Gründer der deutschen Elektro-Pioniere Tangerine Dream. Vor drei Jahren wechselte der Musiker dann seinen kosmischen Wohnsitzund starb im Alter von 70 Jahren. Beinahe ein halbes Jahrhundert hatte Froese bei Tangerine Dream den Ton angegeben und die 1967 in Berlin gestartete Band von dröhnenden Avantgarde-Rockern in virtuose Visionäre verwandelt. Was Tangerine Dream in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre komponierten, war damals radikal neu und gilt spätestens heute als Weltkulturerbe und Pionierarbeit der modernen elektronischen Musik.

Ihre epischen Instrumental-Tagtraum-Tracks beeindruckten damals selbst David Bowie und Brian Eno. Auch wenn hierzulande von Froese und seiner Gang kaum Notiz genommen wurde, hat ihr Einfluss mit den Jahrzehnten weltweit zugenommen: Durch Videospiele ("Grand Theft Auto VI") und hippe US-TV-Serien ("Mr Robot") surren wie selbstverständlich Tangerine-Dream-Melodien. Insbesondere der Soundtrack zur populären Netflix-Serie "Stranger Things" bietet alte Dream-Klassiker sowie einen neuen Score junger Amerikaner, der wie von Froese geklaut klingt.

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Tangerine Dream: Ohne Froese auf Tournee

Dass Tangerine Dream nicht gleichermaßen verehrt werden wie ihre Zeitgenossen von Kraftwerk, liegt auch daran, dass sie zu viele Alben veröffentlicht haben - alle Studio-, Soundtrack- und Live-Alben eingerechnet, ergibt sich eine Summe von rund 200. Dass die nicht alle fabelhaft sind, ist logisch. Allerdings werden in der schieren Masse die wichtigen Werke schnell übersehen. Zur Unübersichtlichkeit trägt auch die unstete Zusammensetzung der Band bei. In den vergangenen Jahrzehnten arbeiteten Froese mehr als zwei Dutzend Musiker zu, darunter auch der bekannte Elektro-Komponist Klaus Schulze, der selbst auf gut 100 veröffentlichte Alben kommt. Als beste aller Tangerine-Dream-Besetzungen gilt die Phase mit Peter Baumann und Christopher Franke, die in den Siebzigern Klassiker wie "Phaedra" und "Rubycon" einspielte. Lange her.

Neue Besetzung, von Froese ausgewählt

Die aktuelle Besetzung, Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Ulrich Schnauss, war zu Baumann-Franke-Froese-Zeiten noch nicht einmal geboren. Nun hat dieses nachgewachsene Trio Ende 2017 unter dem Namen Tangerine Dream das Album "Quantum Gate" veröffentlicht und geht damit in diesem Frühjahr auf Konzertreise.

Den Anfang macht ein Auftritt in der seit langem ausverkauften Hamburger Elbphilharmonie zu Hamburg an diesem Mittwoch. Erstaunlich ist vor allem, das "Froeses Enkel" mit "Quantum Gate" ein gelungenes Album eingespielt haben, das wie eine verlorene Platte aus den glorreichen Siebzigern klingt. Dennoch bleibt ein seltsamer Nachgeschmack: Sind Tangerine Dream auch ohne Edgar Froese noch Tangerine Dream? Müsste nicht zumindest einer der alten Veteranen wie Schulze, Baumann oder Franke noch an Bord sein, um den Namen zu rechtfertigen? Wären es noch AC/DC, wenn vier von Angus Young ausgewählte Knaben ohne ein Original-Mitglied auf Tour und ins Studio gehen würden?

Oder sind Bandnamen letztlich auch nur Marken, die von Copyright-Haltern mit Leben erfüllt werden dürfen? Was "Quantum Gate" betrifft, berufen sich die Beteiligten darauf, bei der Produktion des Albums den letzten Anweisungen Froeses gefolgt zu sein. Was die Zukunft von Tangerine Dream angeht, hat Froeses Witwe Bianca Froese-Acquaye, die seinen Nachlass verwaltet, eine konkrete Vorstellung: "Die aktuellen Mitglieder sind bewusst von Edgar ausgewählt worden, es ist keine neu zusammen gewürfelte Band." Und: "Es ist eine große Freude, seine Musik weiterhin lebendig zu halten, sie in Konzerten hören zu dürfen und diese sogar weiterzuentwickeln."

So kann man das selbstverständlich sehen. Nicht alle teilen jedoch diese Haltung: Jerome Froese, Sohn aus Edgar Froeses erster Ehe und zeitweiliges Bandmitglied, verkündete jüngst via Facebook, dass Tangerine Dream ohne seinen Vater nicht vorstellbar seien.

Vielleicht muss man sich, um diesen Konflikt zu lösen, künftig auf seltsam anmutende Konzerterlebnisse einstellen. Während der 1977 verstorbene "King" Elvis Presley bereits mehrfach als Leinwandprojektion auf Tournee war, könnten Hologramme bald die verblichenen Rockstars verblüffend echt auf die Bühne bannen. An einer Hologramm-Tournee von Abba, deren Mitgliedern sich zum Glück bester Gesundheit erfreuen, aber seit langer Zeit absurd hohe Gagen für eine Reunion-Tour ablehnen, wird bereits gearbeitet. Falls ein solches Projekt Erfolg haben sollte, dürften bald Sinatra, Michael Jackson und Nirvana folgen. Und, wer weiß, vielleicht kehrt dann ja eines Tages auch Edgar Froese von seiner kosmischen Reise zurück.


Weitere Tournee-Termine: 13. April, Halle; 14. April, Dresden, 12. Mai, Duisburg



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schummelstiel 07.02.2018
1. Froese bleibt Froese
Nein, ohne Edgar Froese geht das nicht. Bitte nichts Aufgewärmtes, es gibt genug Originales für die Ohren. Alles andere schmeckt mir nach zu viel Kommerz. Und wem der reguläre Output der Band nicht reicht, soll mal nach dem Tangerine Tree-Projekt googeln, hier sind Konzertmitschnitte verfügbar, die von Edgar Froese autorisiert wurden und musikalisch und auch klanglich an die "offiziellen" Veröffentlichungen heranreichen. Man stelle sich vor: Julian Lennon, Stella McCartney, Dhani Harrison und Zak Starkey betreten als The Beatles die Bühne und erklären, dass sie als genetische Nachfolger ihrer Väter deren Karriere fortsetzen wollen...
freigeist1964 07.02.2018
2. Also ich hab TD im letzten Jahr
nach der Superbooth Messe in Berlin auf einem ganz kleinen Schiffchen auf der Spree in Berlin gehöhrt. Mit 25 Gästen! Das war wirklich ein ganz besonderes Konzert gewesen ! Fröse hat dabei nicht wirklich gefehlt.
sekundo 07.02.2018
3. Du meine Güte!
Im Publikum sitzen dann weißhaarige (wenn sie denn noch Haare haben), Alt 68er und lassen sich von einer, Gott sei Dank, längst überholten, nicht sehr abwechslungsreichen Synthi-Mucke in Nostalgie-Trance versetzen. Gesponsert wird dieses fürchterliche Ereignis sicher vom Moog-Museum, das wohl auch die "Instrumente" zur Verfügung stellt. Im Vorprogramm krächzen die Restbestände von MAN, Steamhammer, Frumpy und Van der Graaf Generator. Eine Veranstaltung, wie sie nicht obsoleter, peinlicher und trauriger sein kann. Der Dank gilt SPON für die rechtzeitige Warnung!
irobot 07.02.2018
4.
Zitat von sekundoIm Publikum sitzen dann weißhaarige (wenn sie denn noch Haare haben), Alt 68er und lassen sich von einer, Gott sei Dank, längst überholten, nicht sehr abwechslungsreichen Synthi-Mucke in Nostalgie-Trance versetzen. Gesponsert wird dieses fürchterliche Ereignis sicher vom Moog-Museum, das wohl auch die "Instrumente" zur Verfügung stellt. Im Vorprogramm krächzen die Restbestände von MAN, Steamhammer, Frumpy und Van der Graaf Generator. Eine Veranstaltung, wie sie nicht obsoleter, peinlicher und trauriger sein kann. Der Dank gilt SPON für die rechtzeitige Warnung!
Ja und? Was ist die Alternative? Dumpfes Techno-Gewummse? Krüppelfinger-Mucke à la Haftbefehl und Konsorten? NIchtssagendes Tralala von Helene Fischer? Ich bin Baujahr 1966 und habe TD immer gerne gehört. Zumindest die Sachen aus den 70ern und frühen 80ern. Möglicherweise gehören Sie ja zu der "Ich höre nur echten Handmade-Rock/Blues"-Fraktion. Oder zu den arroganten "Free Jazz"-Hörern. Man muss diese Musik nicht mögen, aber sie hat mindestens zwei Generationen von Musikern beeinflusst. Also schalten Sie einen Gang runter und lassen Sie anderen ihren Spaß. PS: "Tear down the grey skies" hört sich doch ganz gut an.
sekundo 07.02.2018
5. Als Berufsmusiker hatte
Zitat von irobotJa und? Was ist die Alternative? Dumpfes Techno-Gewummse? Krüppelfinger-Mucke à la Haftbefehl und Konsorten? NIchtssagendes Tralala von Helene Fischer? Ich bin Baujahr 1966 und habe TD immer gerne gehört. Zumindest die Sachen aus den 70ern und frühen 80ern. Möglicherweise gehören Sie ja zu der "Ich höre nur echten Handmade-Rock/Blues"-Fraktion. Oder zu den arroganten "Free Jazz"-Hörern. Man muss diese Musik nicht mögen, aber sie hat mindestens zwei Generationen von Musikern beeinflusst. Also schalten Sie einen Gang runter und lassen Sie anderen ihren Spaß. PS: "Tear down the grey skies" hört sich doch ganz gut an.
ich den grossen Vorteil, von der weiteren Entwicklung der Rock- und Pop-Musik seit den 70ern profitieren zu können. Wenn ich in der Aera geschmacklich und technisch stecken geblieben wäre, könnte ich nicht auf eine erfolgreiche Musiker-Karriere zurückblicken.
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