"Tannhäuser"-DVD Der Papst muss draußen bleiben

Richard Wagners Künstleroper "Tannhäuser" hatte gerade Bayreuth-Premiere. Auf DVD ist eine ältere Version erhältlich: Kasper Holtens radikale Lesart deutete den Sänger 2009 als egozentrisches Genie - mehr als ein Ersatz für alle, die keine Bayreuth-Karte haben.

Regisseur Kasper Holten: "Tannhäuser" auf eine allgemeingültige Zeitlosigkeit gezogen
AP

Regisseur Kasper Holten: "Tannhäuser" auf eine allgemeingültige Zeitlosigkeit gezogen

Von


Es ist alles in deinem Kopf! Was die alten Hippies wussten, lebt auch dieser dänische "Tannhäuser" vor: Die Welt ist, was du aus ihr machst! Der Künstler stellt seine Regeln auf, für ihn ist Kunst die Religion. Entsprechend gibt's weder Venusberg noch Wartburg und Ritterschar, stattdessen bigotte Bürger und strenge Umgangsformen, gesellschaftliche Verpflichtungen und enge Räume. Eine kaufmännisch gedachte Sparversion sozusagen, aber eben nur äußerlich und der inneren Logik verpflichtet. Die Buddenbrooks im Wagner-Sound.

Richard Wagners Sänger-/Songschreiber-Oper erfuhr in der radikalen Regie des Dänen Kasper Holten 2009 eine spannende Neudeutung, die in ihrer schlichten Schlüssigkeit überwältigte. Die Aufführung der Kopenhagener Oper gibt es jetzt auf DVD, und wer die ebenfalls von Holten inszenierte und preisgekrönte "Ring des Nibelungen"-Tetralogie in ihrer Kopenhagen-Version von 2006 kennt (gibt's ebenfalls auf DVD), wird viele Ideen und Motive wiedererkennen.

Auch Wagners Weltendrama packte Holten in ein bürgerliches Ambiente des aufkeimenden Industriezeitalters, was allein noch kein revolutionärer Einfall ist. Holten jedoch würzte seine Sicht von Wotans Wahn mit so viel satirischem Witz und überdrehter, erhellender Persiflage aufs abgründig biedere Bürgertum, dass man sich eher in einem Dogma-Film wähnte als in einer wohlfeilen Wagner-Regietheater-Verwurstung.

Dieser selbstbewusste und selbstverliebte "Tannhäuser" lächelt überlegen, schreibt und liest ohn' Unterlass und nimmt seine Umwelt wie durch einen Schleier kreativen Schaffensrauschs wahr: Was sind schon die anderen, ich bin der Star! Und in meinem Kopf lebt die Welt.

Kraft und Klarheit

Da werden im Haus angestellte Mädels zu den lasziven Venusberg-Najaden, die im Putzwasser baden. Die vermeintliche Venus ist eine intellektuelle Muse, die ihren Dichter zu Grenzen sprengenden Werken anstachelt, mit denen man die bürgerlichen Pfeffersäcke und ihre steifen Gattinnen natürlich nur schockieren kann. Die Künstlerkollegen aus der Bourgeoisie? Feige Mitläufer, allen voran der blutleere Wolfram von Eschenbach, dem Tannhäuser nur höhnisch ins Gesicht grinsen kann. Die tapfere und treue Elisabeth, die ihren Dichter-Berserker immer verstehen und verteidigen will, zerschellt an dem Gebirge seiner Gedanken und Ideen. Was schließlich sogar den Ichmenschen Tannhäuser rührt und zerstört. Hier, am Schluss, treffen sich klassische und Holtensche Lesart. Die posthume päpstliche Erlösung, dem Libretto geschuldet, erfüllt sich in Gestalt von Gedenktafel und Nachruhm für den dichtenden Revolutionär.

Holten verzichtet darauf, die Handlung in eine grelle Gegenwart zu verlegen, was sicher leicht gewesen wäre. Er zielt mit seinem "Tannhäuser" auf eine allgemeingültige Zeitlosigkeit und installiert eine bürgerliche Welt, die Stereotypen benutzt, sie aber wie schon bei seinem "Ring" satirisch überspitzt und zerbröselt.

Das Ensemble der Royal Danish Opera bietet eine solide, in Teilen brillante Leistung. Stig Anderson gibt einen volltönenden, geschmeidigen Tannhäuser mit zuverlässiger Artikulation, seine Elisabeth (Tina Kiberg) passt in ihrer stimmlichen Klarheit und Kraft wunderbar zu ihm. Die Venus von Susanne Resmark brilliert ebenfalls eher mit Kraft als mit subtilem Charme, was dem Rollenbild hier aber durchaus entspricht.

Tommi Hakalas etwas spröder und auch im Wortsinne blässlicher Wolfram bleibt daher Randfigur, vom verächtlich grinsenden Tannhäuser beiseite geschoben. Glänzend der Pilgerchor mit erhobenen Zeigefingern und selbstgerechtem Griff ans Silberkreuz am Hals: ein schlichtes, großes Bild, gesungen mit kammermusikalischer Klarheit und Subtilität. Solche Überzeugungskraft besitzt auch die Bildregie, die - es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein - mit logischen, sicheren Schnitten die Handlung dramaturgisch unterstützt. Friedemann Layers Dirigat und sein lupenreiner, schlanker Orchesterklang sind ohne Tadel - er unterstützt die subtile, ironische Regie durch Verzicht auf pathetische Überdehnungen.

Mehr zum Thema


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
willem.fart 30.07.2011
1. Die Bild-Zeitung muss draußen bleiben
Was hat denn der heutige Papst mit Tannhäuser und dem Sängerkrieg auf Wartburg zu tun? Doch ungefähr genauso viel wie die Bild-Zeitung. Was soll der Quatsch? Kommt wohl von zu viel Hören der Musik von Wagner. Mir wird davon auch schwindelig im Kopf und übel. Wagner´s Musik hören zu müssen, ist der viel zu teure Preis dafür, dazuzugehören. 2 Stunden Wagner erfordert bereits einigen Masochismus, aber 8 Stunden, das ist doch unmenschlich. Folter.... Da dreht doch jeder Mensch mit musikalischen Gehör durch. 5 % Musik und 95 % Lautstärke und Gebrüll.
Tuxeedo 30.07.2011
2. danke
Zitat von willem.fartWas hat denn der heutige Papst mit Tannhäuser und dem Sängerkrieg auf Wartburg zu tun? Doch ungefähr genauso viel wie die Bild-Zeitung. Was soll der Quatsch? Kommt wohl von zu viel Hören der Musik von Wagner. Mir wird davon auch schwindelig im Kopf und übel. Wagner´s Musik hören zu müssen, ist der viel zu teure Preis dafür, dazuzugehören. 2 Stunden Wagner erfordert bereits einigen Masochismus, aber 8 Stunden, das ist doch unmenschlich. Folter.... Da dreht doch jeder Mensch mit musikalischen Gehör durch. 5 % Musik und 95 % Lautstärke und Gebrüll.
Danke für die Warnung, Herr Theurich. Ich kenne den Kopenhagener Ring und werde mich deshalb hüten vor diesem Tannhäuser. Das, werter Mitforist, liegt allerdings nicht an Wagner, sondern daran, daß es keine Wagnersänger mehr gibt.
horstma 30.07.2011
3. Bedenken
Zitat von TuxeedoDanke für die Warnung, Herr Theurich. Ich kenne den Kopenhagener Ring und werde mich deshalb hüten vor diesem Tannhäuser. Das, werter Mitforist, liegt allerdings nicht an Wagner, sondern daran, daß es keine Wagnersänger mehr gibt.
Ich denke, die Gründe liegen an der Balance, die sich im Lauf der Zeit ständig zugunsten des Orchesters verschoben hat. Bei den Bläsern war es die hauptsächlich die technische Entwicklung. Wer heute als Streicher in ein Orchester will, braucht einen Ton wie eine Kanone, um den ihn ein Solist vor noch nicht langer Zeit beneidet hätte. Aber auch die Dynamik der Chöre wird ständig größer, aufgrund der harten Auslese. Heute singen im Chor in Bayreuth Leute, die vor ein paar Jahrzehnten noch eine Weltkarriere vor sich gehabt hätten. Was macht da der Wagnersänger? Er erkennt: Wenn ich diese Dynamik mitgehen will, ist meine Stimme nach 10 Jahren kaputt. Ich habe fast alle Wagner-Opern gehört, aber nur häppchenweise. Ich muss sagen: Es ist schon blanker Unsinn, was da manchmal orchestriert wurde. Was macht es musikalisch für einen Sinn, eine Blechbläser-Armada und einen ganzen Chor gegen einen Gesangssolisten antreten zu lassen? Das ergibt künstliche Emotion und Brüllen, auf Kosten der Tonschönheit und der Textverständlichkeit. Für mich macht das keinen Sinn, es klingt nicht schön, und daher habe ich Wagner seit geraumer Zeit ruhen lassen. Vielleicht gibt es heute keine Wagner-Orchester und -Chöre mehr, die auf die Solisten entsprechend Rücksicht nehmen?
Koltschak 30.07.2011
4. "Tannhäuser"-DVD: Der Papst muss draußen bleiben
Häää? Der Papst muß draußen bleiben. Neben Tannhäuser die Hauptfigur bei dieser fantastischen Oper! Wieso muß der Papast draußen bleiben? Ohne Papst kein Tannhäuser, keine Meistersinger und kein Jedermann. Das weiß doch wohl jedermann und auch jederfrau! Also: So nicht! "Kein Tannhäuser ohne Papst, das geht gar nicht" hat schon Wagner anno 1844 in Venedig in der Basilikus Marcus Basilika gefordert! Und seit der Uraufführung 1845 war immer ein Papst dabei!
Tuxeedo 31.07.2011
5. einwurf
Zitat von horstmaIch denke, die Gründe liegen an der Balance, die sich im Lauf der Zeit ständig zugunsten des Orchesters verschoben hat. Bei den Bläsern war es die hauptsächlich die technische Entwicklung. Wer heute als Streicher in ein Orchester will, braucht einen Ton wie eine Kanone, um den ihn ein Solist vor noch nicht langer Zeit beneidet hätte. Aber auch die Dynamik der Chöre wird ständig größer, aufgrund der harten Auslese. Heute singen im Chor in Bayreuth Leute, die vor ein paar Jahrzehnten noch eine Weltkarriere vor sich gehabt hätten. Was macht da der Wagnersänger? Er erkennt: Wenn ich diese Dynamik mitgehen will, ist meine Stimme nach 10 Jahren kaputt. Ich habe fast alle Wagner-Opern gehört, aber nur häppchenweise. Ich muss sagen: Es ist schon blanker Unsinn, was da manchmal orchestriert wurde. Was macht es musikalisch für einen Sinn, eine Blechbläser-Armada und einen ganzen Chor gegen einen Gesangssolisten antreten zu lassen? Das ergibt künstliche Emotion und Brüllen, auf Kosten der Tonschönheit und der Textverständlichkeit. Für mich macht das keinen Sinn, es klingt nicht schön, und daher habe ich Wagner seit geraumer Zeit ruhen lassen. Vielleicht gibt es heute keine Wagner-Orchester und -Chöre mehr, die auf die Solisten entsprechend Rücksicht nehmen?
Vielleicht sollten Sie mal nicht häppchenweise hören? Aber danke für Ihre interessanten Einwürfe, an denen sicher etwas dran ist. Nur wird Wagner, spätestens seit Boulez, sehr viel "schlanker" und filigraner dirigiert als in früheren Zeiten, wo das Blech zuschlug, und zumindest in Studioaufnahmen könnte man ja da bestens ausbalancieren. Wenn es denn die Sänger gäbe... Grade im Ring hat Wagner so orchestriert, daß die Sänger kaum je gegen das volle Orchester anzusingen haben. Natürlich sind die Partien tückisch und schwierig, aber gleichwohl ohne Gebrüll zu bewältigen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.