München-"Tatort" über rumänische Bettler Weihnachten brutal

München wartet gestresst auf Heiligabend, in einer Kapelle liegt ein totes Baby. Der "Tatort" über rumänische Bettler sucht die Balance zwischen Weihnachtsschnurre und Elendsreport. Vergeblich.

ARD/ BR/ Walter Weh

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Der Polizeichor singt "Heilige Nacht", die Beamten krallen sich an ihren Wichtelgeschenken fest. Draußen vor dem Polizeirevier stecken die Rumänen ihr Bettelrevier ab. Die Passanten in den Einkaufsstraßen sind spendabel, es klingelt allenthalben im Becher, der Heilige Abend ist in diesem "Tatort" sehr nah. Auf dem Altar einer kleinen Friedhofskapelle liegt ein winziger Körper; es ist nicht das Christkind, sondern die Leiche eines Neugeborenen.

Der Krimi läuft am Montag, wenn die Festtage fast schon wieder vorüber sind. Doch als weihnachtliches Abklingbecken ist der "Tatort" stets eine heikle Angelegenheit. Und in diesem Fall geht die Versuchsanordnung leider nach hinten los, denn die Münchner Folge will zu viel. Und zugleich viel zu wenig.

Zu viel, das meint den Versuch, die für deutsche Behörden wenig transparenten Strukturen rumänischer Bettlerbanden in einen Krimiplot zu integrieren. Zu wenig, das heißt, beim Entwickeln der Story den Autopilot einzuschalten und sich die Ermittler drollig durch den üblichen Festtagsfrust muffeln zu lassen. Die Weihnachtsschnurre und der Elendsreport sind einfach zu lieblos aneinandergeflickt.

Auf der einen Seite sehen wir, wie Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) per Handy genervt die Weihnachtsanweisungen seiner Mutter über sich ergehen lassen muss, während Kollege Batic (Miroslav Nemec) eine Festtagsabsage nach der anderen erhält. Auf der anderen Seite begleiten wir zwei junge, in München aufgeschlagene Rumäninnen (Cosmina Stratan und Mathilde Bundschuh), von denen eine heimlich in einem Wäschekeller ein Kind zur Welt bringt, das wenig später auf grausame Weise ums Leben kommt.

Grausames Elend, bräsige Saturiertheit

Drehbuchautorin Dinah Marte Golch hat einige starke Münchner "Tatort"-Episoden geschrieben, etwa die 2015 ebenfalls um die Weihnachtszeit ausgestrahlte Folge "Einmal wirklich sterben" über einen erweiterten Suizid, die Regisseur Markus Imboden bei aller Härte des Themas mit einigen bewegenden poetischen Passagen in Szene gesetzt hat. Imboden hat auch den kontrovers diskutierten Big-Data-"Tatort" aus Frankfurt von letzter Woche gedreht, bei dem er das schwierige Thema in heiterem Ton anging. Bei dem gemeinsamen Bettler-"Tatort" geht der Autorin und dem Regisseur leider die Balance verloren.

Natürlich, Wohlstandsfrust und Obdachlosenelend stehen in dieser Welt oft krass nebeneinander. Aber in "Klingelingeling" wird sich weder für das eine noch für das andere richtig interessiert; zwischen grausamem Elend und bräsiger Saturiertheit stellt sich keine rechte Dynamik ein.

Die Strukturen der rumänischen Obdachlosengemeinschaft, die hier immer wieder als Bettler-Mafia bezeichnet wird, bleiben diffus, während die deutschen Obdachlosen ein bisschen zu sehr auf Clochard-Folklore getrimmt sind. Ein bisschen fühlt man sich da an den letzten Dresdner "Tatort" erinnert, wo die Obdachlosen immer wieder für ein paar Späße herhalten mussten.

Im Münchner "Tatort" müssen nun zwei vermeintlich lustige Zausel, die auf dem Friedhof nahe der eingangs erwähnten Kapelle leben und immer gut aufgelegt sind, für Witz und Wärme im Elendsschauspiel sorgen. Ein bisschen Weihnachten soll es dann eben doch schon noch im Weihnachtsabklingbecken der ARD.

Bewertung: 4 von 10 Punkten

"Tatort: Klingelingeling", Montag, Zweiter Weihnachtstag (!), 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
spontanistin 23.12.2016
1. Oh du fröhliche,...!
Worin besteht nur Reiz solcher fiktionalen Tatort-Inszenierungen? Befriedigung einer Lust am Abnormen und Perversen? Handlungsanweisung für potentiell Kriminelle, deren Heldentaten filmwürdig sind? Mitleid erzeugen mit den ach so überforderten Polizisten mit ihrem so stressigen Privatleben? Umsetzung des öffentlichen Informations- und Bildungsauftrags? Und wer schaut sich soetwas überhaupt (noch) an?
franxinatra 23.12.2016
2. Wie würde das Traumschiff&Tatort-Publikum auf House of cards reagieren?
So wie sich die Filmkritik liest müßten die Netflix-Produkte das ÖR-Rezipientumtum glatt in die Arme(e) der AfD treiben. Aber aus einem Elfenbeinturm betrachtet ist ein Stein des Anstoßes in seiner Wirkung nie wirklich begreifbar...
upalatus 23.12.2016
3.
Ein Tatort oder ähnliches kann schwere und berechtigte Themen haben, aber lasst doch bitte die Menschen wenigstens die paar Tage um Weihnachten rum einfach mal so etwas wie ein wenig Ruhe. Manchem mag nun das Wort 'Realitätsverweigerung' auf der Zunge liegen, ich nenn's Verschnaufpause.
Bernd.Brincken 23.12.2016
4. Unterhaltung
Wie kann man nur dieser ewig klischeehaften Krimi-Serie eine gesellschaftliche Bedeutung beimessen? Bitte demnächst auch die aktuelle Folge von "Cobra Autobahnpolizei" auf zeitgeschichtliche Konnotationen abklopfen.
betaknight 23.12.2016
5.
Zitat von upalatusEin Tatort oder ähnliches kann schwere und berechtigte Themen haben, aber lasst doch bitte die Menschen wenigstens die paar Tage um Weihnachten rum einfach mal so etwas wie ein wenig Ruhe. Manchem mag nun das Wort 'Realitätsverweigerung' auf der Zunge liegen, ich nenn's Verschnaufpause.
Ihnen da nur zustimmen kann, es wäre sehr angenehm zumidnest einmal im JAhr 3 Tage haben wo man von all der Negativität verschont bleibt. Man braucht sich über die Stimmung der Menschheit nicht wundern wenn man jeden Tag damit angefüttert wird.
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