Von Theresa Rentsch
Manchmal begegnet man Menschen, die einen so mit Fröhlichkeit überschütten, dass man sich selbst wie ein Stinkstiefel vorkommt. Die indisch-hamburgischen Brüder Lovely und Monty Bhangu zählen zu diesen Menschen. Seit 28 Jahren leben sie in Hamburg. Sie lieben die Stadt. Sie lieben die Deutschen. Sie lieben die Sprache. Und das alles im Überschwang.
Hauptberuflich fahren die Brüder Taxi. Seit vier Jahren nehmen sie aber auch gemeinsam Songs im typisch indischen Bollywood-Stil auf - Lovely als Songwriter, Monty als Sänger, als "Bügeleisen, das das wunderschöne Hemd bügelt", wie er selbst seine Funktion beschreibt. 2010 brachten die Brüder ihr erstes Album "Bolly-Pa" auf den Markt - damals allerdings noch in der Sprache ihrer alten Heimat. Damit ihre Taxigäste auch mitsingen konnten, begann Lovely schließlich, deutsche Texte über seine Melodien zu legen. Schnell war die Idee Dollywood geboren - Bollywood auf Deutsch.
Eigentlich, erklären sie geduldig, nennt sich ihr Musikstil aber Bhangra - so wie etwa 85 Prozent der Songs, die für Bollywood-Filme verwendet werden. Ein paar Hip-Hop-Beats sind auch dabei. "Aber wenn die Leute 'Bollywood' hören, wissen sie schon, was sie erwartet", lacht Lovely.
Inspirationsquelle Otto Waalkes
Wir treffen die singenden Taxifahrer in einem Café im Hamburger Stadtteil Lurup. Dort werden sie sofort angesprochen: "Mensch, Lovely und Monty. Ich kenn euch aus dem Fernsehen." Die Brüder haben ihre ansteckend gute Laune schon in einigen Fernseh-Talkshows verbreitet. Das funktioniert auch im Café: Immer wieder rufen die Beiden etwas zum Nachbartisch rüber und animieren die anderen Gäste zum Mitsingen.
Den Anstoß, die Songs auch außerhalb ihres Taxis zu vermarkten, gab Otto Waalkes - Lovelys großes Vorbild. Wie jedem seiner Fahrgäste präsentierte Lovely dem Comedian ihren ersten Dollywood-Song. Ottos Reaktion: "Ihr seid bescheuert, wenn ihr das nicht auf den Markt bringt." Eine von Monty ausgetragene Pizza bei einer Hamburger Journalistin später, und die Medien wurden auf die singenden Brüder aufmerksam. Seither touren sie lachend von Talkshows zu Zeitungsinterviews, zu kleinen oder großen Konzerten.
Hamburg, "beste Stadt der Wehehelt"
Zu ihren Fans in Deutschland zählen auch viele andere Punjabis. In den YouTube-Kommentaren des Musikvideos zu "Wenn du jemand von Herzen liebst" werden sie von einer Nutzerin sogar "Stolz der ganzen Punjabis in Deutschland" genannt. Auch ihre anfangs skeptische Familie ist mittlerweile begeistert von dem Dollywood-Projekt. Lovely freut sich über die Zustimmung von anderen Indern: "Uns Punjabis liegt die Musik eben einfach im Blut."
1984 folgten die Söhne eines Schriftstellers aus Nordindien ihrem Vater nach Deutschland. Beruflich haben die "Bhangu Brothers", wie sie auch genannt werden, seither schon viel erlebt: Vermögensberatung, Pizza-Fahrdienst, Kurier. Seit acht Jahren fährt Lovely nun schon Taxi, seit Anfang 2011 ist auch sein Bruder dabei. Dank ihres musikalischen Erfolgs läuft auch das Taxigeschäft immer besser. Ihre Stammgäste haben selbstverständlich die Telefonnummer ihrer Lieblingfahrer abgespeichert, Neugierige fragen im Taxiunternehmen explizit nach ihnen oder bestellen Monty direkt über die "My Taxi"-App.
Mittlerweile besingen Lovely und Monty Bhangu so ziemlich alles, was gute Laune macht. "Hamburg, beste Stadt der Wehehelt, Hamburg". Zur Europameisterschaft hat der Fußballfan Lovely sogar eine Multi-Kulti-Hymne geschrieben: "Wir trauen euch alles zu. Oh, Germany, we love you." Ein gesungene Liebeserklärung an die DFB-Elf, Land und Leute.
"Es gibt so viele Jammerlappen"
Aber die Bhangu Brothers können auch anders. Einen Titel haben sie "Integrationssong" genannt, ihr Anliegen zu diesem Thema erklären sie so: "Die Menschen sollen sich integrieren. Das ist auch ein gewisser Respekt vor dem Land. Und wir sind Ausländer, wir dürfen das sagen." Im Refrain besingen sie ihre geliebte Wahl-Heimat Deutschland: "Wir sind Deutschland. Bunte Frauen und Männer, wir alle sind Deutschland. Wo gibt es schöne Bundesländer? Wir sind Deutschland. Jeder hat eigene Normen, soll es auch genießen. Aber auch die Regeln von diesem Land soll man wissen."
Die Hierarchie zwischen den Brüdern ist klar: Als der Jüngere darf Monty Lovely nicht allzu sehr widersprechen und hält sich eher zurück. In kleinen Bewegungen und Blicken zeigt sich jedoch eine rührende Beziehung. Immer, wenn Monty ein Lied anstimmen will, formt er zuvor mit Daumen und Zeigefinger ein "O" - der Hinweis für Lovely, sogleich den Takt mit den Fingern mitzuschnipsen. Nachdem der letzte Ton verklingt, brechen beide in schallendes Gelächter aus und beglückwünschen sich mit ihrem ganz persönlichen Ritual - Zeigefinger klatscht Zeigefinger ab.
Nur in einem kurzen Moment fällt die Strahle-Maske - und zwar als es um die Einstellung der Deutschen zum Leben geht: "Es gibt so viele Jammerlappen da draußen, die überhaupt nicht wissen, wie gut es ihnen hier geht. Die sollten mal ein Jahr lang nach Indien, dann würden sie überhaupt erstmal zu schätzen wissen, was sie in Deutschland für ein Glück haben."
Im Juli erscheint nun ein neues Album mit acht deutschen Songs und drei Punjabi-Liedern. Auch wenn der große, musikalische Durchbruch schon bald kommen sollte, versprechen Lovely und Monty, werden sie weiter Taxi fahren. "Unser Taxi ist wie unsere Füße - du brauchst Füße zum Stehen, sonst fällst du um." Darauf den Zeigefinger.
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