Techno-Club Tresor: Die Stahltür fällt zu

Von Fritz H. Köser

Der legendäre Berliner Techno-Club "Tresor" muss einem Büro-Komplex weichen. Fast 14 Jahre tummelte sich die internationale Raver-Szene im einstigen Kellergewölbe des Kaufhauses Wertheim. Club-Gründer Dimitri Hegemann will seinen unterirdischen Tanztempel nun ausgraben und an die Spree verlegen.

Techno-Club "Tresor": Dumpfe Bässe im Keller
Maya Rieck

Techno-Club "Tresor": Dumpfe Bässe im Keller

Es war eine Märchenwelt, mitten in Berlin: Das Kaufhaus Wertheim, 1906 erbaut, glich einem Palast. Ein 24 Meter hoher Lichthof, marmorverkleidete Säulen sowie Gold- und Silber-Ornamente an den Wänden verwöhnten das Auge der Kunden. In der Teppichabteilung grüßte sie eigens ein Mohr mit Turban und exotischem Gewand, wie aus der Sarotti-Werbung entsprungen. Aus, vorbei. In den fünfziger Jahren sprengten die DDR-Oberen das Kaufhaus, es lag zu dicht an der Grenze. Geblieben ist eine Brache. Märkischer Sand bedeckt endlose Kellergewölbe - und den ehemaligen Tresor, den Wertheim 1926 nachträglich einbauen ließ. Einst lagerten hier Geld und Wertpapiere, doch seit Jahren wummern ohrenbetäubende, schnelle Beats durch den langen, engen Raum. Der "Tresor" zählt seit 1991 zu den besten Techno-Clubs von Berlin - für die schnelllebige Szene eine Ewigkeit.

Doch morgen ist auch hier Schluss: Am Samstag steigt die letzte Party. Der Vermieter, die Bauwert Development Delta GmbH & Co., will auf dem Grundstück ein Bürogebäude für die Volksfürsorge errichten. Schon immer war der "Tresor" ein bedrohtes Pflänzchen der Subkultur. Von Anfang an hatte der Eigentümer nur Mietverträge über zwei bis drei Monate akzeptiert, genau wie zuvor das Bundesvermögensamt, das das ehemalige Volkseigentum verwaltete.

"Tresor"-Gewölbe: DDR-Insignien und 6000 Ost-Mark in bar
Maya Rieck

"Tresor"-Gewölbe: DDR-Insignien und 6000 Ost-Mark in bar

"Berlin verschläft eine Chance", sagt Club-Chef Dimitri Hegemann. Erneut habe das Kapital ein Stück Geschichte einfach ausgelöscht, denn Politik und Investoren seien einseitig auf Kommerz und Konsum fixiert. Sie unterschätzten die Szene als Wirtschaftsfaktor. Gerade das Nachtleben an solch einmaligen Orten wie dem "Tresor" wirke wie ein Magnet auf junge Besucher - und bringe Geld in die Stadt. Daher hätte auch das einst geplante Projekt "Tresor-Tower" durchaus funktionieren können: Auf der Wertheim-Brache sollten sich branchennahe Unternehmen, Verlage, Labels und Radio-Stationen ansiedeln.

Noch steht in großen Leucht-Buchstaben der Namenszug an dem unauffälligen Behelfsbau an der Leipziger Straße. Achtlos brausen die Autos an der ehemaligen Intourist-Lagerstätte vorbei zum Potsdamer Platz mit seiner sterilen Konzern-Architektur. Szenegänger stehen vor dem Eingang, aus dem die Beats dröhnen. Wer die Türsteher passiert hat, gelangt zunächst in den Club "Globus" mit dem angrenzenden Tresor-Garten. Aber die meisten Gäste gehen gleich die enge Treppe runter.

Hier, im Keller, tropft Kondenswasser von der niedrigen Decke. Bis zu 120 Dezibel laute, dumpfe Bässe lassen die Magenwände vibrieren. An der langen Bar stärken sich die Raver mit dem Kult-Bier "Brooklyn Lager". Bis auf Bar, Soundanlage und Notausgänge sehen die Räume noch wie zur Zeit ihrer Entdeckung aus: schwarze, bis zu 1,40 Meter dicke Stahlbeton-Wände, Gitterstäbe, gepanzerte Türen und unzählige, nun offen stehende Schließfächer - es wurde nichts verändert.

Club-Chef Hegemann: "Der Tresor ist zeitlos"
Maya Rieck

Club-Chef Hegemann: "Der Tresor ist zeitlos"

Das rohe, puristische Ambiente und der minimalistische, harte Techno-Sound prallen im "Tresor" aufeinander. Die Musik ist aktuell, die Wände erzählen Geschichten aus einer anderen Zeit. "Das macht die Energie dieses weltweit einmaligen Clubs aus", sagt der Inhaber. "Der Tresor ist zeitlos, trendlos schön." Hier sei nichts gekünstelt, nichts kopiert. Von den Räumlichkeiten her sei er eine der stärksten Locations in der Stadt.

Einst wollte Hegemann sogar eine Dependance gründen. Einen "Tresor West" in einem alten Heizkraftwerk in Werl. Das rief Bürger und Stadtobere des Westfalen-Städtchens auf den Plan. "Tresor"? Das heißt doch Drogen und sei das letzte, was der Ort gebrauchen könne. Zwei Sportvereine, drei Büchereien, eine Tanzschule, das reicht, fand der Schulleiter der Realschule. "Als er erfuhr, dass auf seinem Schulhof gedealt wurde, brach für ihn eine Welt zusammen", sagt Hegemann.

Der "Tresor": Berühmt bei den Ravern rund um den Globus, berüchtigt bei konservativeren Gemütern, wo die Clubkultur generell wenig Beifall hervorruft. "Tresor" gleich Drogen, so lautet das gängige Vorurteil. "Der Club ist sauber", versichert Hegemann, zumindest weitgehend. Dass der eine oder andere mal ein Pillchen einwirft, sei nun mal nicht auszuschließen.

Die Szene wiederum schätzt den Club als einen jener vielen Berliner Orte mit Geschichte, die nach dem Fall der Mauer neu bespielt wurden. Vor allem im Stadtteil Mitte machte sich die Subkultur breit. Raum gab es reichlich, die Mieten waren preiswert, die Eigentumsverhältnisse oft ungeklärt. In Ruinen, Kellern, Bunkern oder alten, leer stehenden Warenhäusern wie dem ehemaligen Kaufhaus "Jandorf" gab es Partys, Konzerte, Performances, Off-Theater-Stücke oder Ausstellungen. Das Verfallene, der Charme des Morbiden, zog das Publikum an.

"Tresor"-Eingang an der Leipziger Straße: Letzte Bastion der Subkultur
Maya Rieck

"Tresor"-Eingang an der Leipziger Straße: Letzte Bastion der Subkultur

Zugleich boten die neuen Clubs eine Bühne für völlig neue Musik: Techno aus Detroit, House aus Chicago. Hegemann holte amerikanische DJ-Größen wie Jeff Mills oder Juan Atkins in die deutsche Hauptstadt und ließ sie im "Tresor" auflegen - und schrieb so ein Stück Musikgeschichte mit. Er brachte den Sound nach Deutschland und schuf das clubeigene Label.

Im "Tresor" gilt bis heute die reine Lehre des unverwässerten, Detroit-orientierten Techno. Ein Musikstil, der als Experiment begann und bereits wenige Monate später zur respektablen Bewegung mutiert war - besonders hierzulande. "Vielleicht liegt es an dem Bedürfnis der Deutschen nach klaren Linien und Strukturen", hatte der "Tresor"-Chef einst dem englischen Magazin "Wax" erklärt.

Der gebürtige Westfale Hegemann ist ein klassischer Provinz-Flüchtling. "Nichts wie weg" wollte er aus dem Nest Büderich bei Werl, wo er ein streng humanistisches Gymnasium besuchte: "Diese ganze heile Welt. Ich wollte da raus, neue Grenzen kennen lernen." Doch zunächst studierte er Musikwissenschaften an der Uni Münster. "Da war alles sehr konservativ, klassisch - und verdammt langweilig." Dann hörte er von einem Professor an der FU in Berlin. Der bot - europaweit einmalig - Vorlesungen über aktuelle Trends an, Punk und Jimi Hendrix inklusive. Hegemann zog in die damals noch geteilte Stadt, spielte in einer New-Wave-Band und betrieb in den Achtzigern seine erste Kneipe, das "Fischbüro" in Kreuzberg. In dessen Keller startete er schließlich den Ufo-Club, wo House-Partys stattfanden.

Techno-Party im "Tresor": Treffpunkt der internationalen Raver-Szene
Maya Rieck

Techno-Party im "Tresor": Treffpunkt der internationalen Raver-Szene

Da der Club-Betreiber immer öfter Probleme mit Lärmbeschwerden bekam, suchte er eine möglichst schallisolierte Location. Als er und seine Kollegen einmal aus Neugier in das damals nur schlecht abgesicherte unterirdische Labyrinth am Leipziger Platz eindrangen, standen sie mit einem Mal in einer Stahlkammer. Ein späterer Blick in ein altes, damals noch nach Adressen geordnetes Telefonbuch aus den zwanziger Jahren bestätigte: das war der Wertheim-Tresor. Die endlosen Kellergemäuer rund herum ließen sie zumauern. Die Leute hätten sich sonst darin verlaufen.

Neben 6000 Ost-Mark in bar entdeckte Hegemann in den Tresor-Räumen auch DDR-Insignien von den Weltjugend-Festspielen von 1951. Letzteren gab der Club-Inhaber eine neue Bedeutung. Ost-Parolen wie "For Lasting Peace" tauchten nun auf "Tresor"-T-Shirts auf. Das berühmte Club-Symbol, ein Kreis mit Balken, erblickte er an einem Türschloss. Hegemann sah darin eine aufgehende Sonne am Horizont. "Ich hatte immer gehofft, dass die noch lange scheint."

Doch nach den berühmten Szene-Clubs der ersten Stunde - E-Werk und Bunker - fällt nun auch in diesem Tempel des Undergrounds die Stahltür endgültig zu. Bis dahin legen seit dem 1. April jeden Abend Techno-Stars wie Dr. Motte, DJ Tanith oder Marusha auf. Ab 20. April findet der Club zunächst in den Räumen des "Maria am Ufer" Asyl. Das Kapitel Tresor soll damit noch nicht abgeschlossen sein. Hegemann will den ganzen Club ausbuddeln und versetzen lassen wie ein Fertig-Bauteil. "Kein Witz", sagt er. "Rauf auf einen Tieflader und an einer anderen Stelle wieder eingraben." Und wo? An der Spree, mit Blick aufs Wasser. "Das hat dem Tresor bisher gefehlt."

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