SPIEGEL ONLINE: Herr Kozalla, die Leser von Musikmagazinen wie "De:Bug", "Intro" oder "Spex" wählen Sie regelmäßig zum DJ des Jahres, weit vor Paul Kalkbrenner oder Sven Väth, den eigentlichen Stars der Szene. Wie erklären Sie sich das?
DJ Koze: Schwer zu sagen. Vielleicht ist es das Un-DJ-mäßige an mir, was die Leute fasziniert.
SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?
DJ Koze: Dass es Abgründe und Verweigerung und Selbstzweifel und Größenwahn in meiner Musik gibt. Wer mich als DJ bucht, kauft die Katze im Sack.
SPIEGEL ONLINE: Wie hört sich Verweigerung an?
DJ Koze: Ich mag keine allzu formelhaften Techno-Stücke, bei denen man nach den ersten Takten schon ahnt, wie viele Breaks es geben wird. Die Vorhersehbarkeit hemmt die Magie. Ich spiele lieber Stücke, in denen der Wahnsinn schlummert und nur hier und da kurz ausbricht. Das verstört natürlich manche Partygäste. Aber es gibt auch viele, die sich über Nicht-Unterforderung freuen. Das ist ja auch das besondere am DJing: Man konfrontiert die Leute immer mit etwas Neuem. Eine Band spielt bei einem Konzert dagegen einfach ihre Hits, und die Leute feiern sie dafür.
SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Gefahr, an einem Abend zu scheitern?
DJ Koze: Hoch! Und das Schlimme ist ja, dass diese Arbeit sehr eng mit mir als Person verbunden ist. Wenn ich scheitere, gehe ich mit dem totalen Blues nach Hause. Ich denke dann nicht nur, dass ich einen schlechten Tag gehabt habe, sondern begreife das als Absage an die eigene Kunstfertigkeit.
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SPIEGEL ONLINE: Selbstzweifel gehören zu einem kreativen Beruf dazu.
DJ Koze: Ja, klar. Aber das Gemeine ist: Wie schnell es sehr hässlich oder eben wunderschön sein kann. Wenn hooliganmäßige Jungs mit dem Handy vor mir her wedeln, während ich auflege, und "Schneller! Schneller!" rufen, habe ich das Gefühl: Alles scheiße, was ich hier mache. Wenn aber ein paar liebe Mädchen und Jungs um mich herum beseelt gucken oder mit geschlossenen Augen tanzen, denke ich: Alles ist gut, meine Musik ist phantastisch!
SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie deshalb so gern in Japan, weil das Publikum da zurückhaltender ist?
DJ Koze: Die sind richtig schüchtern und dankbar und folgen jedem Ton! Und der ganze Raum muss dunkel sein, damit sie beim Tanzen nicht beobachtet werden können. Ja, das ist phantastisch.
SPIEGEL ONLINE: In der Techno-Hauptstadt Berlin legen sie verhältnismäßig selten auf. Warum?
DJ Koze: Ich spüre da manchmal so eine komische Energie auf der Tanzfläche. Im Sinne von: Ist der jetzt cooler als ich?
SPIEGEL ONLINE: Viele Techno-DJs stehen relativ unbeteiligt hinterm Pult. Sie dagegen gelten als jemand, der auf das Publikum eingeht und seine Arbeit mit Humor nimmt. Sehen Sie sich als Entertainer?
DJ Koze: Ich bin froh, dass ich nicht mehr so viel entertainen muss. Früher habe ich mit der Wodkaflasche in der Hand aufgelegt und dabei ins Mikrofon gequatscht, aber das zampanomäßige liegt mir eigentlich gar nicht. Ich fühle mich jetzt eher wie ein alter Tai-Chi-Meister, dessen Bewegungen immer ruhiger und immer feiner werden. Auch bei meiner neuen Platte habe ich das Gefühl, dass sie komplett humor- und ironiefrei ist.
DJ Koze: Natürlich habe ich noch Lust an Inszenierung und Maskerade. Gleichzeitig gehört es für mich zu gutem Entertainment aber auch dazu, sich mal rar zu machen. Wenn man nichts auf der Schubkarre hat, sollte man auch nicht mit Dauerpräsenz nerven.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich deshalb acht Jahre Zeit für Ihre neue Platte "Amygdala" gelassen? Und nie ein drittes Album mit Ihrer gefeierten Band International Pony aufgenommen?
DJ Koze: Mit International Pony war es kein Konzept, sich zu verweigern oder so. Es war einfach ziemlich anstrengend. Und für mein Album als DJ Koze habe ich die ganzen Jahre über gesammelt.
SPIEGEL ONLINE: Die Platte klingt auch nach einer großen Sound-Bibliothek: Jeder Track scheint aus unzähligen Melodien und Geräuschen zusammengebastelt zu sein - das Gegenteil vom Techno-Gassenhauer. Über welchen Sound-Schnipsel haben Sie sich am meisten gefreut?
DJ Koze: Über das Balafon, das in "Track ID anyone?" mit Caribou vorkommt. Das Balafon ist ein magisches Instrument. Ähnlich wie eine Marimba, aber mit Kalebassen als Klangkörper, in die auf der Unterseite ein Loch gebohrt wird. Dieses Loch wird mit Spinnenkokons abgeklebt. Wenn man den Ton anschlägt, gibt es deshalb dieses Vibrieren, diese Verzerrung im Nachklang: bingwwwfffffff. Ich habe mich da richtig reingesteigert und mir YouTube-Videos angeguckt, wie man das Instrument richtig spielt. Es kommt eigentlich aus West-Afrika, in Deutschland ist es ziemlich schwer zu bekommen. Ich habe nur einen Anbieter gefunden, so einen Hippie, der sich Momo nennt. Bei dem musste ich mich erst mal vorstellen und glaubhaft versichern, dass ich das Balafon wirklich spielen will. Dann hat er gesagt: Okay, ich bau dir eins, dauert aber sechs Monate.
SPIEGEL ONLINE: Woher hatte er die Spinnenkokons?
DJ Koze: Die hat er mit Zigarettenblättchen imitiert.
Das Interview führte Christoph Cadenbach
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