Technolabel Pampa Records: Wo Koze die Vögel fliegen lässt

Von Christoph Cadenbach

Marke Eigenschraub: DJ Koze ist einer von Deutschlands beliebtesten Techno-DJs. Doch er selbst findet, dass in den Clubs zuviel Einerlei gespielt wird. Dagegen hat er jetzt ein eigenes Plattenlabel gegründet - und mit der ersten Veröffentlichung gleich einen kleinen Hit gelandet.

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Stefan Kozalla: Der Multifunktions-DJ
Was bleibt von einer Clubnacht übrig? Meist nicht mehr als ein ordentlicher Kater. Nur manchmal geistert am nächsten Morgen noch ein Stück Musik im Kopf herum, das besonders war, nach dem man später seine Freunde fragt: Mensch, wie heißt denn der Track mit der Tuba?

"Blaue Moschee" heißt er, von einem Produzentenduo, das sich Die Vögel nennt und hinter dem die Hamburger Musiker Mense Reents (Die goldenen Zitronen, Egoexpress) und Jakobus Siebels (JaKönigJa) stehen. Ein Stampfbeat mit einer Tuba drüber - so einfach kann tolle Musik sein. Das hat sich wohl auch Stefan Kozalla, also DJ Koze gedacht, der extra das Label Pampa Records gegründet hat, um die Musik seiner Freunde von den Vögeln zu veröffentlichen.

Pampa Records ist so ziemlich das Gegenteil von einem Plattenmulti. Ein Zweimannbetrieb, den Stefan Kozalla gemeinsam mit Marcus Fink führt. Ein paar hundert Vinylpressungen, ansonsten kann man sich die Tracks als mp3 herunterladen. Fink, der in Berlin noch das größere House- und Technolabel Get Physical managt, ist für das Geschäftliche zuständig, Kozalla für die Musik.

Fragt man ihn, ob diese digitalen Zeiten wirklich noch ein Plattenlabel gebrauchen können, dreht sich das Gespräch schnell um Stagnation in der Musik, um eine Tendenz zur Formatierung, um eine Soundidee also, die einmal erfolgreich war und daher immer weiter fortgeschrieben wird. Da seien sich Popmusik im Allgemeinen und Techno und House im Speziellen gar nicht so unähnlich, sagt Kozalla. "Weil auf der Suche nach dem Jackpot, nach dem Nummer-Eins-Hit, sich kaum noch jemand etwas traut."

Vocals, die sich einem in den Kopf schrauben

Man kann es auch so sagen: Techno hat im Grunde nur eine Regel - den stumpfen Rhythmus. Alles andere ist offen, Grenzen gibt es eigentlich nicht. Deshalb, betont Kozalla, liebe er ja so diese Musik. "Aber wenn ich weiß, dass ich mit meinem Computer ziemlich einfach Tracks produzieren kann, die laut, mächtig und nach Alarm klingen, dann muss ich nicht den schwierigeren Weg nehmen." Die Software prägt also zu oft die Musik.

Kozallas eigene Veröffentlichungen konzentrierten sich dagegen zuletzt vor allem auf das Stilmittel Reduktion. Es sind aufs Dahinrollen verdichtete Stücke, die zwar nie ausbrechen, in denen es aber trotzdem ständig irgendwo rumort und Glocken scheppern wie in "Mrs. Bojangels" oder "Dr. Fuck" zum Beispiel. Sie klingen gereizt, wie ein nervöses Tier in seiner Höhle. Auch "Discodisco2" von den Produzenten Jackmate & Missing Lynx funktioniert nach diesem Prinzip der Andeutung und Auslassung: ein gerader Beat, ein Gitarrenloop bestehend aus nur drei Tönen und Vocals, die sich einem in den Kopf schrauben. Der Track erscheint Mitte März und ist die zweite Veröffentlichung auf Pampa.

Die Vögel bedienen dagegen eher das Moment der Überraschung, bedingt durch die Wahl unkonventioneller Musikinstrumente wie eben Tuba oder Flöte. Tracks also, die irritieren und dadurch das Set eines DJs aufbrechen können. "Ich habe in den letzten 15 Jahren ungefähr 40.000 Mal den Peak-Time-Klassiker gehört", sagt Kozalla: "Bassdrum raus, Snarewirbel, Bassdrum wieder rein, jetzt aber alle. Da kommt bei mir nicht mehr viel."

Auch im Club also überlagert oft Gewohntes die Experimentierfreude. Gerade in der Technostadt Berlin sind die Erwartung hoch, dass es im Club gefälligst abzugehen habe. Kozalla sagt, dass er daher lieber im Ausland auflege. Auf YouTube kann man sich übrigens ein Video von der Mayday in Polen anschauen, ein Auftritt von Sven Väth, der gerade "Blaue Moschee" spielt. Die Vögel funktionieren also auch in der Großraumdisko.


Jackmate & Missing Lynx - "Discodisco2" (Pampa), erscheint am 15. März.

Die Vögel - "Blaue Moschee" (Pampa), bereits erschienen.

Die Vögel, Jackmate und DJ Koze treten am 20. März gemeinsam im Hamburger Club "Uebel und Gefährlich" auf.

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