Teenie-Star Cyrus: 15 Minuten mit der Miley-Maschine

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Als Teenie-Idol Hannah Montana wurde sie reich und berühmt. Jetzt ist Miley Cyrus 20 Jahre alt, will sich als wildes Party-Girl neu erfinden. Im Interview mit ihr ist zu erahnen, welche Spuren eine Kindheit im Showbusiness hinterlässt. Eine - kurze - Begegnung der unheimlichen Art.

Miley Cyrus: So ein böses Mädchen Fotos
Getty Images

Zunächst einmal möchte ich Miley Cyrus gute Besserung wünschen, für den Fall, dass sie noch nicht wieder wohlauf sein sollte. Sie hat sich kürzlich mit Sushi den Magen verdorben, weshalb ein ganzer Pressetag ausfallen musste, unter anderem ein Live-Chat mit "Bild"-Lesern. Wäre sicher spannend geworden. Oder auch nicht.

Vier Tage lang war die US-Sängerin und Schauspielerin gerade in Berlin, um ihre neue Single, ihr für Herbst geplantes neues Album und ihren Image-Wechsel zu bewerben. Die TV-Serie "Hannah Montana" des Disney-Channels machte die Tochter des Country-Sängers Billy Ray Cyrus zu einer der erfolgreichsten Figuren im Showgeschäft. 2011 gehörte sie mit einem geschätzten Vermögen von 120 Millionen Dollar zu den zehn reichsten Teenagern Hollywoods. Doch 2011 endete mit der vierten Staffel auch ihre Karriere als süßlich-keusches Teenie-Idol.

Seitdem suchte Cyrus, 20, die Nähe zu coolen Rappern wie der Odd-Future-Crew aus Los Angeles, sie schüttelte ihren Hintern zu fetten HipHop-Beats, "Twerking" nennt man das, und sie tauschte ihre Lockenmähne gegen einen burschikosen Kurzhaar-Wuschel. Auf einer Party in einem Fetisch-Club in London, den sie mit Celebrity-Freundin Nicole Scherzinger besuchte, trug sie derart enge Shorts, dass sich sogar das sonst nicht zimperliche Boulevard-Blatt "The Sun" genötigt sah, Mileys entblößten Schritt auf den Paparazzi-Bildern zu pixeln.

Miley Cyrus - "We Can't Stop"
Mehr Videos von Miley Cyrus gibt es hier auf tape.tv!
Im Video zu "We Can't Stop" gibt sie das wilde Party-Mädchen, deutet Drogenkonsum an und mit Gesten auch Oralsex. Botschaft verstanden: Aus der Hülle des zur Züchtigkeit verdammten Disney-Stars schält sich eine lebenshungrige junge Frau, der Cheerleader wird zum Bad Girl: "It's our party we can do what we want/ It's my mouth, I can say what I want", singt Cyrus, dazu räkelt sie sich lasziv auf einem Lotterbett.

Spannend! Über diesen Emanzipationsprozess möchte man doch mehr wissen. Ein Interview wird angefragt. Doch vermutlich wäre aus der Lektüre ihrer Tweets (unter anderem Verwunderung über die deutsche Aufschrift auf der Verpackung von McDonald's-Salaten) mehr über die Persönlichkeit Miley Cyrus zu erfahren, als in einem der eng getakteten "Interview-Slots". Ein "Slot" ist im Englischen wahlweise eine Ritze, ein Spalt oder ein Sendeplatz. Im Entertainment-Sprech meint "Slot" den in der Maßeinheit Minute gerechneten Abstand zwischen einem Journalisten und dem nächsten.

Keine Fragen zum Drogenkonsum!

Es wurden 20 Minuten bewilligt, doch am Interview-Tag gibt es die üblichen Verzögerungen (Miss Cyrus blieb etwas zu lange in ihrer Adlon-Suite). Alsbald taucht eine strenge PR-Dame auf, um letzte Instruktionen zu verkünden: Keine Fragen nach der Scheidung der Eltern, keine nach der Beziehung zu Schauspieler Liam Hemsworth - und keine zu Drogen. Die britischen Journalistenkollegen seien sehr ungezogen gewesen, nun sei man gewarnt und würde sofort dazwischengehen.

Ach ja, und jetzt nur noch 15 Minuten. "Aber keine Sorge", erklärt der PR-Drachen kalt lächelnd: "Miley ist ein Profi und beantwortet Ihre nächsten drei Fragen schon in der Antwort zur ersten. So holen wir die Verspätung schnell wieder ein." Aha, überlege ich noch: Woher will sie wissen, was ich als Nächstes fragen will? Doch da werde ich bereits der Künstlerin zugeführt.

Das enge Zimmer ist voller Leute, Miley Cyrus, im roten Cocktail-Kleid, wird gerade nachgeschminkt, obwohl ich sie weder filmen noch fotografieren will. Sie sieht gut aus, ein bisschen zu makellos vielleicht, fast aseptisch. Ich sage höflich "Hi", werde jedoch ignoriert.

Erst als wir uns auf zwei gegenüberstehenden Sesseln niederlassen, nimmt sie mich wahr. Artig reicht sie die Hand, lächelt ein freundliches, abwesendes Lächeln, das man vermutlich in Einweg-Packungen à 1000 Stück erwerben kann, so wie Chirurgenhandschuhe. Drei Leute bleiben im Raum, darunter der Drachen. Anscheinend passen sie darauf auf, dass ich nicht a) das Falsche frage, b) ein irrer Fan bin, der sich auf Miley stürzen will oder halten c) den Beutel mit den Einweg-Lächeln parat, falls sich im Gesicht des Stars versehentlich eine echte Regung abzeichnen sollte.

Der Popstar als Schalterbeamter

Ein Versuch, ins Gespräch zu kommen. Fühlt sie sich nach dem Ende ihrer Kinderstar-Karriere von einer Last befreit? Es folgt, ohne das geringste Zögern, eine Kanonade im leichten Südstaaten-Twang, mit heiserer Contralto-Stimme. "Eine Last? Nein? Mein Leben ist amazing! Ich habe das große Glück, schon über eine große Fangemeinde zu verfügen, die aufgeregt verfolgt, was ich als nächstes mache. Und das, obwohl ich mich gerade neu erfinde." Aha, das also meinte der Drachen: Nach einer etwaigen Neuerfindung hatte ich ja noch gar nicht gefragt.

Sei's drum: Einige alte Fans könnten sich doch von ihrer Bad-Girl-Inszenierung abgestoßen fühlen, was dann? "Dann googelt mich nicht und schaut euch mein Video nicht an. Alles deren Sache. Ich kontrolliere nur, was ich tue. Ich bin 20, also lebe ich für die Leute meiner Generation, die sich gut fühlen, gute Musik hören und sich mit mir als Künstlerin identifizieren wollen. You don't want to? Then don't!" Sie sagt das nicht so schnippisch, wie es sich womöglich liest: Die Worte rattern einfach im monotonen Stakkato aus ihrem lächelnden Mund. Ihre Augen bleiben starr auf mich gerichtet.

Schon klar, ein moderner Popstar ist immer auch Schalterbeamter: Nach dem Spaß - Songs schreiben, Album aufnehmen - kommt die Arbeit, die Interview-Marathons mit ewig gleichen Fragen und Antworten. Man macht halt seinen Job, und Miley Cyrus, stelle ich fest, macht ihren sehr gut. Vielleicht zu gut. Sie hat gelernt, wie man effizient abfertigt, Nachfragen vermeidet. Kontaktaufnahme mit dem Gegenüber? Lohnt nicht, nach Ablauf der 15 Minuten sieht man sich vermutlich nie wieder.

Ein bisschen abgefuckt

Wir reden über ihr neues Album, das designierte Manifest ihrer Neuerfindung. Es war schwer, sich im Vorwege ein Urteil zu bilden: Nur fünf Lieder gab es zu hören, kurz vorm Interview wurden sie einmal im Hotel vorgespielt, eines davon die bereits bekannte Single. Das meiste klingt wie Rihanna oder ähnlicher R&B-Mainstream-Pop, eine Power-Ballade ist dabei - und ein von Hit-Genie Pharrell Williams produzierter Song namens "4x4", der HipHop mit Country vermengt. Interessant, immerhin. Nicht so sehr für Miley: "Das Album ist ein bisschen inkonsistent geworden", sagt sie, "zu viele Produzenten. Irgendwann habe ich einfach beschlossen, es so zu lassen." Das klingt ein bisschen abgefuckt, ein bisschen gleichgültig.

Stolz berichtet sie hingegen, wie ihr "We Can't Stop"-Clip Abrufrekorde brach und der hübsch hirnlose Song die Download-Charts dominiert. Ihre Rechnung sei aufgegangen: "Schau dir an, was auf YouTube geht: 20 Millionen Views für blödsinnige Clips wie 'Fettes Kind fällt um'? Deswegen wollten wir, dass das Video ungewöhnlich aussieht und ein paar Worte enthält, über die man spekulieren kann, was sie bedeuten. Wir wollten, dass es viral wird." Das Video sollte sie als Star zum Anfassen zeigen: "Die Leute sollen mit uns auf diese Party wollen. Sie sollen Mileys beste Freundin sein wollen, weil ich einfach das coolste Mädchen zum Rumhängen und Spaß haben bin." Sie wolle sich mit ihrer "Star-Power" nicht so unantastbar geben wie manche ihrer Kollegen.

Die 15 Minuten sind um. Miley steht auf, sagt, was sie in den letzten Tagen wahrscheinlich 300-mal gesagt hat: "Thank you. Nice talking to you." Dann verschwindet sie zum nächsten "Slot", und ich denke darüber nach, was sie damit meint, ein Star zum Anfassen sein zu wollen, ein "Homie", wie es im HipHop-Slang heißt, mit dem man gerne herumalbert, mit dem man Quatsch macht. Vielleicht ist das ja wirklich ihre größte Sehnsucht, seit sie damals als 12-Jährige in die Entertainment-Maschine geriet und seitdem in ihr bestens funktioniert. Heute nur in einer anderen, neuen Rolle.

Gute Besserung, liebe Miley.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
dosmundos 29.07.2013
Tja, sieht so aus, als käme man nur als Reporter von "Horse & Hound" dem Intervievobjekt etwas näher :-) Andererseits interessant, so ein Modellversuch der Neuerfindung. Für einen richtigen Absturz á la Britney Spears oder Lindey Lohan scheint das Mädel dann doch etwas zu geerdet und diszipliniert zu sein. Und ob sie musikalisch genügend drauf hat, um etwas wirklich Eigenständiges auf die Beine zu stellen, kann bezweifelt werden. Warten wir's mal ab...
2. Kein Wunder...
aldamann 29.07.2013
...dass so viele ex-Kinderstars zu Drogen greifen/zum Durchdrehen neigen etc. Die Pubertät ist eine Zeit der Selbstentdeckung. Man probiert sich aus, trifft falsche Entscheidungen, erfährt Konsequenzen und wächst daran zu einer Persönlichkeit. Wenn man es allerdings gewohnt ist, seit Kindertagen eine Rolle zu spielen und von Jasagern umgeben zu sein: wie will man denn da zu sich selbst finden? man findet doch allerhöchstens eine neue Rolle und fragt sich in den 15 Minuten am Tag, in denen man wirklich mal für sich ist: "wer bin ich eigentlich?" Wenn dann keine Antwort kommt, betäubt man eben den Fragesteller. Ich denke, letzten Ende wird es Frau Cyrus ergehen wie Frau Spears und anderen: irgendeine Form von Burn-out und PR-Katastrophe wird eintreten und dann wird sie sich nach Monaten psychotherapeutischer Sitzungen entweder ins Privatleben zurückziehen oder kaputt gehen. Eigentlich bemitleidenswert, wobei ich persönlich mein Mitleid bei 120 Millionen Dollar für andere Leute aufspare.
3.
Sonrisa 29.07.2013
Ich kann wirklich nicht versehen, warum sie überall so einen Hype auslöst. Ihre Lieder sind flach und besonders gut sieht sie auch nicht aus. Dazu ihr kühles, arrogantes und aufgesetzt freundliches Verhalten gegenüber Journalisten und Fans, schade. Meiner Meinung nach hat sie sich nur zum negativen hin entwickelt. Als Hannah Montana fand ich sie ganz nett, aber jetzt? Selbstinszenierung und -vermarktung ohne Ende, finde sie einfach nur noch ätzend.
4. optional
banteng 29.07.2013
Mileys Kommentar zu Ihrem eigenen Album fand ich überraschend ehrlich: Sie fand es nicht so toll, und hakte es einfach mit einem "Whatever" ab. Es ging ihr mehr, mit Ihrem Video viele Klicks zu bekommen als etwas musikalisch gutes zu machen. Ich habe das Gefühl, sie holt gerade Ihre Pubertät nach...
5. Faszinierend
monotofu 29.07.2013
Und der Spruch zum Album ist ja für dieses Business fast schon sensationell. Sie findet es also scheiße und hätte offenbar eine andere Idee gehabt, wie es werden soll. Ganz ehrlich: Womöglich wird sie ja eines Tages einmal keine Plastikpüppchen-Musik mehr machen, in der 100 chartsichere Produzenten rumrühren, sondern was eigenes. Der Kommentar lässt das zumindest erahnen. Das Verhalten, wie es der Journalist hier beschreibt, sieht für mich übrigens nach Selbstschutz aus. Es gibt Schlimmeres.
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