Teenie-Wahnsinn Jonas Brothers Die drei Schmusezeichen

Kein Alkohol, keine Kippen, kein Sex: Die Jonas Brothers sind total enthaltsam - und total erfolgreich. In den USA hat die Boyband dank des Disney-Konzerns die Top Ten schon für sich abonniert, jetzt sollen endlich deutsche Grundschul-Girls die drei Knuddeljungs anschmachten.

Von Thomas Winkler


Pünktlich um 17.12 Uhr öffnen sich die Schleusen. Die Welle aus Minderjährigen brandet an die Absperrgitter, kommt zum Stillstand, aber nicht zur Ruhe. Aufgeregtes Schnattern, vereinzelte Kiekser, mühsam kontrollierte Hysterie. Frisch geschminkte Freundinnen fassen sich an den Schultern, schütteln sich gegenseitig, lassen sich kneifen: Ja, wir sind hier, endlich da! Als der TV-Moderator erscheint, bricht der Sturm los.

Es sind fast ausnahmslos Mädchen, vom Grundschulalter bis hinein in die Pubertät, die seit Stunden gewartet haben, um sich die besten von nur 200 Plätzen zu sichern zu diesem exklusiven Auftritt der Jonas Brothers. Die drei Brüder aus New Jersey sind, je nach Lesart, ein geschickt aufgebautes Produkt des Disney-Konzerns, eine schlimme Ausgeburt der Teenie-Pop-Hölle oder auch die heißeste Rockband des Planeten.

Cocktail aus Dopamin, Oxytocin und Östrogenen

Die anwesende Klientel, die seit dem Ende ihres Schultages geduldig schmachtete vor den Toren des VIVA- und MTV-Geländes am Berliner Spreeufer, neigt ganz eindeutig letzterer Interpretation zu. Und wird "A Little Bit Longer", das neue, dritte Album der Jonas Brothers, umstandslos in die obersten Regionen der deutschen Charts befördern.

So geschah es jedenfalls im August in den USA, wo "A Little Bit Longer" aus dem Stand die Nummer eins der Billboard-Charts eroberte. Den Madison Square Garden in New York füllten sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen bis auf den letzten Platz, zu Ostern sangen sie vom Balkon des Weißen Hauses, vor den Hotels, in denen sie nächtigen, campieren die Fans.

Mit dem weltgrößten Konzertveranstalter Live Nation schlossen sie einen mehrere Millionen Dollar schweren Vertrag ab. Und selbst die in Ehren ergraute Rock-Bibel "Rolling Stone" kam nicht umhin, das Trio auf den Titel zu hieven. Der Reporter berichtete direkt aus dem Charter-Jet der Jungstars und von Aufläufen, die ihn an die seligen Zeiten der Beatles erinnerten. Einigermaßen befremdet befragte er eine Neurologin nach dem Hormon-Cocktail aus Dopamin, Oxytocin und Östrogenen, der "wie eine Heroin-Injektion" wirkt und die Mädchenmassen zum Kreischen bringt.

Weißer Flügel der Ekstase

Hier, am Spreeufer, fänden interessierte Mediziner allerhand Anschauungsmaterial. Die zum Teil in selbst bemalten Fan-T-Shirts angetretenen Anhängerinnen geraten schon beim Anblick des auf der Bühne plazierten weißen Flügels in Ekstase. Kaum ordnet ein Roadie Kabel, setzen Schreie ein. Als gar ein Mitglied der konkurrierenden Boyband US5 – natürlich rein zufällig - erscheint und einige Autogramme gibt, drohen einige umzufallen.

Die drei Brüder selbst kennen solche Nervosität kaum. Sie sind schließlich Profis. Nicholas, genannt Nick und mit gerade mal 16 Jahren der jüngste, trat bereits im zarten Alter von sieben in Musicals am Broadway auf, unterschrieb mit zehn seinen ersten Plattenvertrag und veröffentlichte mit elf ein erstes Solo-Album mit religiösen Songs. Anschließend tingelte er mit seinen Brüdern Joe, 19, und Kevin, 20, durch kleine Clubs und wurde nach einem ersten erfolglosen Jonas-Brothers-Album von der damaligen Plattenfirma wegen Perspektivlosigkeit fallengelassen.

In diesem Moment trat Disney auf den Plan. Der Unterhaltungsgigant, stets daran interessiert, die Kaufkraft Minderjähriger abzuschöpfen, erkannte das Potential von Nick, Joe und Kevin. Im Portfolio der konzerneigenen Plattenfirma Hollywood Records, die ausschließlich den Teenie-Pop-Markt beackert, fehlte noch eine Boyband. Die Jonas Brothers wurden verpflichtet und mit Hilfe aller verfügbaren Synergie-Effekte systematisch aufgebaut.

Vor dem Auftritt wird gebetet

Das Disney Radio spielte begeistert ihre Songs, und in den Serien des Unternehmens wurden schnell Aufgaben für die Brüder gefunden. Nebenrollen in der Disney-Channel-Serie "Hannah Montana" und einer gemeinsamen Tournee mit deren Hauptdarstellerin Miley Cyrus, dem aktuell strahlendsten Stern im Disney-Universum, folgten tragende Rollen im Film "Camp Rock". Außerdem im Angebot: Die in den USA momentan laufende Reality-Soap "Jonas Brothers – Living the Dream" und die demnächst startende Agenten-Ulk-Serie "J.O.N.A.S.". Sogar die Diabeteserkrankung von Nick Jonas wurde erfolgreich ins Marketing integriert.

Die Strategie führte zum Erfolg. Und das auch deshalb, weil die Jonas Brothers ideale Repräsentanten der Disney-Ideologie darstellen. Dank eines ehemaligen Pastors als Vater, der stets mit auf Reisen geht und zusammen mit seinen Söhnen vor jedem Auftritt betet, werden nicht nur zehn Prozent aller Bandeinnahmen für die Kirche gespendet, sondern - ganz im Sinne des Konzerns - Skandale verhindert und das saubere Image gewahrt.

Die von den Eltern früh aus der Schule genommenen und zuhause unterrichteten Brüder trinken nicht, rauchen nicht, nehmen keine Drogen und werden nicht müde, ihre sogenannten "Purity Rings", also "Reinheitsringe", in die Kameras der Teenie-Presse zu halten. Dass ihnen dort trotz dieses demonstrativen Sexverzichts immer wieder Affären angedichtet werden, gerne mit Kolleginnen wie Miley Cyrus, der Schauspielerin Demi Lovata und der Country-Sängerin Taylor Swift, erhöht den Bekanntheitsgrad ebenso wie die stets darauf folgenden Dementis.

Es ist dieser Spagat, mit dem Disney eine neue Zielgruppe erschließt: die sogenannten Preteens, die eindeutig kindlichen Unterhaltungsangeboten bereits entwachsen sind, aber präpubertär auch keine eindeutigen sexuellen Anspielungen verkraften mögen. Die keine Kinderlieder mehr hören wollen, aber auch noch nicht reif sind für härteren Rock oder sinnlichen R&B.

Kreuzzug von herzerweichenden Klagen

Für sie spielen die Jonas Brothers einen weitgehend von Unreinheiten gesäuberten Emo-Rock mit gelegentlichen Ausflügen in die Ballade. Die Melodien sind, wie nicht anders zu erwarten, eingängig, die Gitarren steril abgemischt, die Selbstentäußerung gesangstechnisch einwandfrei. Das vorherrschende Thema ist zwar die Liebe, aber meistens die vergebliche Suche nach der einzig wahren. Unterbrochen wird dieser Kreuzzug nur von herzerweichenden Klagen auf die Verlogenheit des amerikanischen VIP-Betriebs.

Hierzulande immer dabei: die "Bravo". Das Magazin hat eigens eine Reporterin abgestellt, denn in keiner Ausgabe der Teenie-Postille dürfen "die süßen Boys" fehlen. Auch am Spreeufer ist das Magazin vor Ort und fotografiert die hyperventilierenden Fans. Als die Band schließlich, ergänzt durch einige, deutlich ältere Studiomusiker, endlich auf die Bühne kommt, entlädt sich die Spannung.

Denn ob eine Boyband Erfolg hat, das kann man hören. Nicht allerdings an der Musik, die die Jonas Brothers gefällig und mit professionell souveräner Inszenierung abspulen. Sondern in den Sekunden zwischen der Musik. In diesen Sekunden entscheidet sich das Schicksal einer Boyband, in diesen Sekunden werden Karrieren gemacht oder beendet. Diese Sekunden müssen mit Kreischen gefüllt werden, mit gewaltigem, atemlosen Kreischen, und dann ist alles gut, dann ist die Band auf dem richtigen Weg.

An diesem Nachmittag am Spreeufer wird es in den Sekunden zwischen den Songs der Jonas Brothers wieder mal laut. Sehr laut sogar.


Jonas Brothers - "A Little Bit Longer", erschienen bei Universal



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
MarkH, 13.10.2008
1. ooo
Zitat von sysopKein Alkohol, keine Kippen, kein Sex: Die Jonas Brothers sind total enthaltsam - und total erfolgreich. In den USA hat die Boyband dank des Disney-Konzerns die Top Ten schon für sich abonniert, jetzt sollen endlich deutsche Grundschul-Girls die drei Knuddeljungs anschmachten. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,583409,00.html
genau Letzteres wird langsam zum Verhängnis für die nordischen Industriestaaten. Kapital fliesst zunehmend in die Demographie.
Gyl 13.10.2008
2. Teenie-Wahnsinn Jonas Brothers: Die drei Schmusezeichen
Zitat von sysopKein Alkohol, keine Kippen, kein Sex: Die Jonas Brothers sind total enthaltsam - und total erfolgreich. In den USA hat die Boyband dank des Disney-Konzerns die Top Ten schon für sich abonniert, jetzt sollen endlich deutsche Grundschul-Girls die drei Knuddeljungs anschmachten. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,583409,00.html
Auch SPON sollte alsbald mal das Gespräch mit Herrn Reich-Ranicki suchen...
kizmiaz77 13.10.2008
3. Tennie-Wahnsinn Jonas Brothers: Die drei Schmusezeichen Auf Thema antworten
Zitat von sysopKein Alkohol, keine Kippen, kein Sex: Die Jonas Brothers sind total enthaltsam - und total erfolgreich. In den USA hat die Boyband dank des Disney-Konzerns die Top Ten schon für sich abonniert, jetzt sollen endlich deutsche Grundschul-Girls die drei Knuddeljungs anschmachten. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,583409,00.html
[QUOTE=sysop;2846208]Kein Alkohol, keine Kippen, kein Sex: Die Jonas Brothers sind total enthaltsam - und total erfolgreich. In den USA hat die Boyband dank des Disney-Konzerns die Top Ten schon für sich abonniert, jetzt sollen endlich deutsche Grundschul-Girls die drei Knuddeljungs anschmachten. ...tja, selber Schuld kann ich da nur sagen. Selber Schuld wer sich in Enthaltsamkeit übt und selber Schuld, wer sich von diesem billigen Retorten-Terror einnehmen läßt. Auf jeden Fall schon mal vielen Dank an den Disney Konzern für seinen neuerlichen Beitrag zur sinnlosen Weltvermüllung!
Humboldt 13.10.2008
4. Wenn die nächste Lüge platzt
Ich kann mich meinen vorrednern nur anschließen. Und außerdem bin ich überzeugt, das es heimlich bei den Jungs mal wieder (oder wie fast immer) ganz anders aussieht. Aber so etwas nennt man wohl Marketing, wobei ich besorgten eltern rate, dieses Lebensmodell für junge Menschen sehr kritisch zu hinterfragen. Ok, die Kippen kann mann wirklich weglassen!
Kaiserbubu 13.10.2008
5. Köhler Boys
Da liegen sie ja im neuen Trend der Bescheidenheit. Vielleicht sollte die Bubdeskanzlerin die Buben einladen wenn Köhler gekürt wird. Ganz nach dem FDP Motto "Weniger ist mehr", dass Friedrich Merz auf dem "Neo-Liberalen" Parteitag ausrief, der mehr Kapitalismus wagen will, aber für Hartz IV ler kein erbarmen hat.
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