Kammermusik-Perlen Schubert kann sehr kalt sein

Franz Schuberts Kammermusik lässt mitunter frösteln. Doch auch Joseph Haydn lädt nicht immer zum Kuscheln ein. Das Tetzlaff Quartett stellt beide gegenüber und produziert wohlige Gänsehaut.

Giorgia Bertazzi

Von


Die Zukunft klingt nicht immer hoffnungsfroh und licht, auch wenn sie von kultivierten Streichinstrumenten musikalisch ausgemalt wird. Als Franz Schubert 1826 das Tor zur Kammermusik-Zukunft öffnete, mochten das zeitgenössische Kritiker und Musikprofis erst mal gar nicht. Schubert hatte Beethovens letztes Streichquartett op. 130 gehört, das mit der Großen Fuge, und war erschüttert und begeistert zugleich.

Sein eigenes Spätwerk, dessen öffentliche Premiere er nicht mehr erlebte, wurde nicht nur vergleichbar voluminös, sondern klang auch spröde und revolutionär. Mit sinfonischen Dimensionen (rund 50 Minuten Spieldauer), ungewöhnlich vielen Doppelgriffen und einer formalen Ausweitung und Neuerforschung der Quartettform stellte Schubert viele Musiker seiner Zeit vor schwere Aufgaben. Und das Ergebnis klang noch nicht einmal gefällig, so ganz ohne übliche Harmoniefolgen. Kein Hitmaterial, würde man heute sagen.

Revolution in sinfonischen Dimensionen

Kann man aber auch anders sehen: Der deutsche Violinist Christian Tetzlaff und seine Schwester Tanja, Violoncello, bilden gemeinsam mit Hanna Weinmeister (Viola) und Elisabeth Kufferath (Violine) das Tetzlaff Quartett, und für ein Ensemble von so exzellenter Qualität kommt diese Herausforderung gerade recht.

Die häufigen Dur/Moll-Wechsel, die vielen Tremolostellen und die damit verbundene eigenwillige Dramaturgie lassen sich durchaus aufregend gestalten, und so kommt auch über die Marathon-Distanz dieses Werkes ständig Hochspannung auf. Knochentrocken und hart auf den Punkt setzen die Tetzlaffs die Akzente: Nie klang Schubert ausdrucksvoller, und selten wurde er kammermusikalisch mit solcher Schärfentiefe ausgelotet.

Nach dem extrem aufgefächerten Kopfsatz mit seinen 20 Minuten mutet das sechsminütige Scherzo/Satz drei wie ein scharfer Digestiv an, bevor das abschließende Allegro assai noch einmal die Sprache des Beginns aufnimmt, aber in positive, emotional aufsteigende Atmosphäre überführt. Aus dem Rauen ins Licht: Fast atmet man auf.

Nur scheinbare Idylle bei Haydn

Und zum Beweis, dass auch in der scheinbar idyllischen, klassischen Klassik von Joseph Haydn nicht alles klar und streng und abgezirkelt war, setzt das Tetzlaff-Quartett dem Schubert-Endzeitstück ein entsprechend sprödes Werk vom Erfinder des Streichquartett-Gedankens gegenüber. Auch hier probiert der Komponist neue Wege aus, auch wenn Schöpfer Haydn erst kurz zuvor die Regeln für das Genre geformt hatte.

ANZEIGE
Tetzlaff Quartett:
Schubert / Haydn

Ondine/Naxos; 14,99 Euro

Allein wie er im flinken Finalsatz (Allegro molto) die Pausen setzt: Als blickte man plötzlich in einen Abgrund, kurz vor dem Fall. Durch all diese Überraschungen und Gegensätze navigiert das Tetzlaff Quartett den Hörer zuverlässig und klar, man darf sowohl die Struktur goutieren wie auch den Melodienfluss genießen.

Man hört, dass es keinen Chef und keine Chefin gibt, in diesem Ensemble gehört das dichte und federnde Zusammenspiel zur Geschäftsgrundlage. Damit gehören die Tetzlaffs aus Hamburg zur Weltspitze. Seit 1994 bereits musizieren sie zusammen, und bis heute triumphiert die Inspiration stets über die Routine. Für diesen Schubert/Haydn-Mix hörbar das perfekte Rüstzeug. Dazu gibt es ein informatives Interview im CD-Booklet, auch ein Aktivposten dieser Veröffentlichung.

"Lassen Sie den Komponisten raten!"

Auch in Berlin tut sich kammermusikalisch einiges, wie das aktuelle Album des jungen Notos Quartetts hören lässt. Die Kritikerin Erica Jael des englischen "Guardian" empfahl ihren Lesern folgendes Ratespiel: "Spielen die letzten vier Tracks von dieser CD einem Klassik-Nerd vor, und lassen Sie den Komponisten raten!" Niemand käme da auf Bela Bartók, der dieses Klavierquartett 1898 mit 17 Jahren komponiert hat.

Der hochromantische Ton liegt den Notos-Musikern perfekt, denn Sindri Lederer (Violine), Andrea Burger (Viola), Philip Graham (Cello) und Antonia Köster (Klavier) stürzen sich leidenschaftlich in das Frühwerk des Komponisten, dessen spätere Streichquartette zum Kanon der neueren Kammermusik wurden. Verbunden mit einem Quartett des Bartók-Freundes Ernst von Dohnányi (1877-1960) und einem locker hingetanzten Allegretto vom Zeitgenossen Zoltán Kodály ergibt dies Dreier-Gebinde eine beeindruckende künstlerische Visitenkarte.

ANZEIGE
Notos Quartett:
Hungarian Treasures

RCA/Sony Music; 15,99 Euro

Im Konzert kann das eigentlich nur noch aufregender werden. Um die Kammermusik-Zukunft in Deutschland muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen, bei dieser Kontinuität und solchem Nachwuchs.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.