Bob Dylans Begleiter Die Band, die sie The Band nannten

The Band wurden berühmt, als sie Bob Dylan bei seiner "elektrischen" Tournee begleiteten. Die eindrucksvollen Alben, die sie ohne ihn aufnahmen, werden nun frisch aufgelegt. Sie waren in den Sechzigerjahren schon retro im besten Sinne.

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Es passt, dass keiner mehr genau weiß, wer eigentlich am Telefon war, als Levon Helm 1965 den Hörer abnahm - weil die auf den Anruf folgende Geschichte ohnehin so mythenumrankt ist wie wenige andere im Pop-Universum.

Helm berichtete später, dass "His Bobness" höchstpersönlich angerufen habe, während sein Kollege Robbie Robertson auf die Bibel schwört, dass es Dylans Sekretärin Mary Martin war. Fest steht nur, dass Levon Helm und seine Band-Kumpane Robertson, Garth Hudson, Rick Danko und Richard Manuel bei diesem Telefonat das Angebot bekamen, Bob Dylan zu begleiten - das sie einigermaßen verblüfft annahmen.

Sie mussten sich dann erst mal Dylans Platten anschaffen, um sich mit seinem Repertoire vertraut zu machen, wie der Schlagzeuger Helm mal einem Interviewer verriet.

Dickes Fell dank Dylan-Tour

Im Herbst 1965 startete dann die sagenumwobene Dylan-Tour, die von einem Orkan der Empörung begleitet wurde. Dylan hatte den heiligen Zorn der braven Folk-Fans dadurch entfacht, dass er die akustische gegen eine E-Gitarre eingetauscht hatte.

"Wir reisten um die Welt und wurden überall ausgebuht. In jeder Stadt, in jedem Land. Immerhin lernten wir als Musiker uns ein dickes Fell zuzulegen", erinnerte sich Robbie Robertson, Gitarrist und Songwriter, später an die turbulente Konzertreise.

In Top-Form war die Band lange bevor sie auf Bob Dylan traf. Das eigentlich in Toronto ansässige Quintett hatte sich als Begleitband des Rockabilly-Sängers Ronnie Hawkins warmgespielt und nannte sich zu der Zeit noch The Hawks. In irgendeiner Pinte in Toronto bestaunte sie dann eines Nachts Mary Martin und schwärmte ihrem Chef vor, als der mal Verstärkung auf der Bühne suchte.

Nach der elektrisierten Tournee verunglückte Dylan mit seinem Motorrad und zog sich zurück in sein Haus im ländlichen Woodstock, um in der Abgeschiedenheit seine Wunden zu lecken, sein Leben zu überdenken und ungestört Musik zu machen.

Seine neuen Begleiter, die mittlerweile schlicht The Band genannt wurden, folgten ihm. Im Keller eines rosa angepinselten Hauses, dass sie Big Pink nannten, schrammelten sich Dylan und The Band allen Ärger von der Seele mit Songs, die als "Basement Tapes" bis in dieses Jahrtausend CD-Boxen füllen.

Mindestens so wichtig aber ist, dass sich The Band damals als eigenständige Künstler freischwammen. Von Dylan hatten sie gelernt, was die Struktur und Magie eines guten Songs ausmacht. Dylan bot dann auch an, auf ihrem Debütalbum "Music from Big Pink" mitzuspielen, was The Band aber dankend ablehnten, um endlich aus seinem Schatten zu treten.

Immerhin finden sich auf der Platte die mit Dylan verfassten Songs "Tears of Rage" und "This Wheel's on Fire" sowie die Dylan-Nummer "I Shall be Released". Aber "The Weight", das wohl bekannteste Lied des Albums, hatte Robbie Robertson beigesteuert.

Songs wie vom Saloon-Tresen

Kurz gesagt: "Music from Big Pink" geriet erstklassig, gilt längst als Klassiker und etablierte The Band in der Champions League der Branche. Als ihr Meisterwerk aber gilt das schlicht "The Band" betitelte Nachfolgealbum.

Auf dem in Braun getünchten Plattencover schauen die fünf Künstler aus, als kämen sie gerade vom Goldschürfen. Diese aus der Zeit gefallene Pose reflektiert den Sound ihrer Songs, wo sie meisterlich den Geist des "alten, unheimlichen Amerika", wie der Kritiker Greil Marcus es treffend nannte, beschwören.

Songs wie Robbie Robertsons "The Night They Drove Old Dixie Down" kommen daher, als wären sie seit einer Ewigkeit an Saloon-Tresen gesungen worden. Auch der Rest des Albums klingt wie aus alten Zeiten herübergerettet, was in den gesellschaftlich turbulenten, von Rassenunruhen und der Bürgerrechtsbewegung geprägten späten Sechzigerjahren ein erstaunlicher Coup war.

Mit dieser die Sinne beruhigenden Rückwendung zu althergebrachten Traditionen faszinierten The Band damals ein großes Publikum. Dass sie dazu Bärte, merkwürdige Hüte und alte Anzüge trugen und kaum Interviews gewährten, rundete die mysteriöse Retro-Show ab.

Wie eindrucksvoll ihre Musik auch im digitalen Zeitalter daherkommt, belegt nun der Kasten "The Band - The Capitol Albums 1968-1977" mit den restaurierten glorreichen ersten beiden Alben, sowie sechs weiteren auch nicht schlechten Platten - alles ganz altmodisch auf Vinyl.

The Band sind längst Geschichte. Levon Helm, Rick Danko und Richard Manuel leben nicht mehr. Und dass es davor viel Zank um Geld und Eitelkeit gab, gehört zum Geschäft. Ein letztes großes Denkmal setzte ihnen Martin Scorsese 1978 mit dem Film "The Last Waltz". Aber alles, was auch Bob Dylan an The Band begeisterte, steckt in den frühen Platten, die eine Wiederentdeckung wert sind.


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Morrison 11.09.2015
1. Dieser Film wird in Konzertlautstärke ausgestrahlt
Legendär wie Robbie Robertson auf The Last Walz Eric Clapton bei dessen Further on up the Road schindelig spielt, so dass dieser nur noch lächeln kann! Ich durfte diesen Film noch seinerzeit im Kino erleben! Hinweisschild am Eingang: "Dieser Film wird in Konzertlautstärke ausgesstrahlt!" Herrliche Zeiten!
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