The Blue Nile: Aus der Zeit gefallen

Von Christoph Dallach

Introvertierte Mitternachtsballaden von lichtscheuen Schotten: The Blue Nile veröffentlichten in dreißig Jahren nur vier Alben. Nun werden die ersten beiden Platten der Band neu aufgelegt - Zeitlupenmusik, die vom Fachblatt "Q" zum besten gezählt wird, was je im britischen Pop erschienen ist.

The Blue Nile: Der Klang der Langsamkeit Fotos
Virgin/ EMI

Nach allen gültigen Regeln des Musikgeschäfts hätten The Blue Nile nie Erfolg haben dürfen: Die drei Schotten waren zu lichtscheu, ihre Songs zu introvertiert und ihre Lust, Konzerte zu geben, lag eher bei Null. Und weil sich das seltsame Trio nur alle Jubeljahre überhaupt zu einem neuen Album aufraffen konnte, fingen sie eigentlich immer wieder von vorne an. So war es auch keine Plattenfirma, die Paul Buchanan, Robert Bell und Paul Joseph Moore einst anbot, ein erstes Album zu finanzieren, sondern eine kleine schottische HiFi-Firma namens Linn: "Die waren keine richtige Plattenfirma, und wir waren keine richtige Band. Wir passten also perfekt zusammen", erinnerte sich Sänger Paul Buchanan später.

Das vor beinahe dreißig Jahren veröffentlichte Blue-Nile-Debütalbum "A Walk Across the Rooftops" rollte dann auch nicht die Hitparaden der Welt auf, war aber dennoch der Beginn einer erstaunlichen Karriere. An die außergewöhnliche Musik von The Blue Nile erinnern nun die restaurierten (und um jeweils eine Bonus-CD erweiterten) Neuauflagen ihrer ersten beiden Alben, die auch in diesem Jahrtausend wundersam aus der Zeit gefallen klingen. Die Kunst ihrer behutsamen Mitternachtsballaden liegt vor allem in den stillen Momenten zwischen den Tönen. Perfektioniert wird der Blue-Nile-Sound von Paul Buchanans wehmütigem Gesang. Ihren minimalistischen Arrangements haben The Blue Nile auch zu verdanken, dass ihre Musik nie überholt klang, sich stets jenseits aller Moden bewegte und bis heute die Tristesse langer, dunkler Dezembernächte lindern kann.

Noch reduzierter

So gemächlich wie das Tempo ihrer Songs war auch die Veröffentlichungsfrequenz der Band: Fünf Jahre ließen sich The Blue Nile Zeit, bis ihr zweites, tolles Album "Hats" in die Läden kam. Das schlich dann tatsächlich bis auf Rang zwölf der britischen Charts und wurde vom Fachblatt "Q" unter die "100 Greatest British Albums Ever" gewählt. Weitere sieben Jahre ließen sich The Blue Nile dann Zeit bis zu ihrem dritten Werk, "Peace at Last", und dann noch mal acht Jahre bis zu ihrer vermutlich finalen Platte "High", die 2004 erschien. Warum das alles so lange dauerte, wollten die verantwortlichen Musiker nie so recht erklären.

Gut beschäftigt war zumindest Paul Buchanan trotzdem, was seine zahlreichen Kollaborationen illustrieren. Denn obwohl The Blue Nile nie gewaltige Bestseller landeten, wurden sie von Kollegen als außergewöhnliche Songwriter geschätzt. Die Liste der Stars, die in den vergangenen Jahrzehnten Paul Buchanans Stimme und Songwriting-Künste buchten, reicht von Robbie Robertson und Annie Lennox über Peter Gabriel, Michael McDonald, Rickie Lee Jones und Julian Lennon bis hin zu Spice Girl Mel C.

Nach gewohnt langer Funkstille erschien dann in diesem Frühjahr "Mid Air", Paul Buchanans erstes Soloalbum. Eine herrliche Platte mit Songs, die noch reduzierter klingen als die von The Blue Nile. Auch "Mid Air" wurde gerade um eine Bonus-CD erweitert neu aufgelegt. Ob es mit The Blue Nile weitergeht, weiß auch Buchanan nicht so genau, sagte er neulich. Er hatte noch keine Zeit, die anderen Zwei zu fragen. Und stressen lassen sich diese drei Schotten eindeutig nicht.

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