Comeback der Chemical Brothers Paranoia auf dem Dancefloor

Ein neues Album von den Chemical Brothers? Braucht kein Mensch. Das dachten wir auch. Aber dann hörten wir "Born in the Echoes", waren begeistert - und wollten wissen, wie zum Teufel den britischen BigBeat-Veteranen dieses Kunststück gelungen ist.

Corbis

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Es ist ja das Schicksal vieler Pop-Pioniere, dass sie nach getaner Arbeit und gebührendem Ruhm im Abseits der Geschichte landen, in einer Schublade mit der Aufschrift "Früher mal geil".

Auch das britische Elektro-Duo The Chemical Brothers, Mitte der Neunzigerjahre mitverantwortlich für die Transformation von Techno- und Clubmusik in Mainstream-Pop, schien lange schon den Relevanz-Zenit überschritten zu haben.

Das überambitionierte Konzeptalbum "Further", das vor fünf Jahren erschien, hätte ein letztes, majestätisches Statement zum Stand der aktuellen Tanz- und Club-Musik sein können. Ein Konzertfilm von 2012 wirkte bereits wie ein Abschiedsgruß. Ruhe sanft und in Würde?

Noch nicht! Jetzt kehren die Chemical Brothers, beide Mitte 40, mit einem Album zurück, auf das niemand gewartet hat, das jedoch einige der besten Songs enthält, die Ed Simons und Tom Rowlands in den vergangenen 20 Jahren veröffentlicht haben.

Besonders verblüffend: "Born in the Echoes" wanzt sich nicht, wie man hätte erwarten können, verkrampft an aktuelle Electronic-Dance-Music-Trends heran. Stattdessen schälten die Brüder, die nur im Geiste welche sind, erneut ihren Ur-Sound hervor.

Gleich der erste Song des Albums, "Sometimes I Feel So Deserted", rast auf einem analogen Synthesizer-Laserstrahl heran und mündet in den typisch drückenden, auf Sequenzer-Quäken, Gitarren-Gegrummel und herandonnernden Beats und Bässen aufbauenden Chemical-Brothers-Groove.

Das erinnert an die damals unerhörten Sound-Attacken von "Leave Home" oder "Block Rockin' Beats", mit denen einst ein Trend begann, der BigBeat hieß und Acts wie Fatboy Slim oder The Prodigy erst in die Clubs und dann in die Charts hämmerte. Es war die elektrisierende Fusion von Pop und Techno, die letztlich aktuellen Megastar-DJs wie Skrillex, David Guetta oder Calvin Harris den Weg ebnete.

Die Kunst des Weglassens

Alles klar, eine typische "Blick zurück nach vorn"-Geschichte also: Alternde Band besinnt sich auf verschüttete Tugenden, um den Epigonen nochmal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Oder?

Ursprünglich, gibt Tom Rowlands im Interview mit SPIEGEL ONLINE zu, gab es nach "Further" "keinerlei Anlass oder Verpflichtung weiterzumachen", zeitweise gab es noch nicht einmal mehr einen Plattenvertrag. Zudem zog sich Ed Simons aus dem Live-Geschehen zurück, aktuelle Auftritte absolviert Rowlands ohne ihn. Er will sich auf universitäre Aktivitäten konzentrieren, zu denen Rowlands nur sagt: "Unspezifische akademische Tätigkeit" habe der Freund als Sprachregelung vorgegeben.

Als DJs traten die beiden aber immer mal wieder gemeinsam auf. Eine perfekte Probebühne für neue Songs, denn im Kontakt mit der tanzenden Menge merke man sehr schnell, was funktioniert und was möglicherweise überflüssig ist. "Wir finden es nach wie vor sehr aufregend zu erleben, wie eine Masse von Leuten unmittelbar auf unsere Musik reagiert", sagt Rowlands.

"Aber will am Ende jemand die Platte hören?"

So wie in den frühen Neunzigern also, als die Chemical Brothers in der Hacienda von Manchester oder im Heavenly Sunday Social Club von London auflegten und im Studio aus Samples alter HipHop- und Psychedelic-Platten ihren Sound zusammenbastelten? Rowlands winkt ab, nichts sei so wie früher: "Am Anfang deiner Karriere ist alles ganz einfach", erklärt er, "du hast nur begrenzte Mittel, also drehst du alles voll auf."

Später gebe es viele Optionen, eine große Gefahr. Schließlich sei es im Studio verführerisch, immer mehr auf die Tracks draufzupacken. Die Antwort darauf: "Wir mussten irgendwie vergessen, was wir alles drauf hatten." Einfachheit zu erreichen, sich auf eine wirklich gute Idee zu konzentrieren und ihr zu vertrauen, das sei eine echte Herausforderung gewesen - aber eine wichtige. Denn sonst verliere man sich im Prozess: "Klar, wir können uns auch für sieben Monate in einem legendären Berliner Studio einmieten, es wäre bestimmt total aufregend, da aufzunehmen. Aber will am Ende jemand die Platte hören?"

The Chemical Brothers - "Born in the Echoes"

The Chemical Brothers: The Chemical Brothers - Born In The Echoes auf tape.tv.

Diese Frage stellt sich natürlich trotzdem, obwohl sich Rowlands und Simons einfach nur im eigenen, mit analogen Gerätschaften vollgestopften Heimstudio nahe London verschanzt haben. Nostalgiker und alte Fans werden "Born in the Echoes" umarmen, aber auch für Jüngere bieten die Chemical Brothers eine Alternative zum Niedlichkeitsbombast und Wohlfühl-Terror des Guetta-, Avicii- oder Robin-Schulz-Sounds: Sie bringen die Alarmsirenen und den Stress in die Tanzmusik zurück.

Die stete Anspannung ihrer auch von New Wave und Post-Punk beeinflussten Musik entstand schon immer auch aus der Balance zwischen totaler Ekstase und der frustrierenden Alltagstristesse - gespiegelt in der manchmal aggressiven Härte, neuerdings aber auch oft schwebend-ambienten Melancholie dieses Sounds: "Sometimes I Feel So Deserted", manchmal fühle ich mich so im Stich gelassen.

Es gibt fantastische Tracks auf "Born in the Echoes": den hibbeligen Discobeat von "Go" mit Gast-Rapper Q-Tip, aber auch das irrlichternde "Under Neon Lights", bei dem St. Vincent mit bedröhnter, banger Stimme singt. Ali Love verbreitet im wehklagenden "EML Ritual" Paranoia auf dem Dancefloor.

"I'll See You There", das zentrale Stück der Platte, ist noch einmal die große, in Wahnsinn und Wabergitarren abdriftende Verbeugung vor der Ursuppe des Chemical-Brothers-Sounds, "Tomorrow Never Knows" von den Beatles. "Es ist so ein Geniestreich, oder!?", begeistert sich Rowlands über das 1966 revolutionäre Stück vom "Revolver"-Album. "Es katapultiert dich hinaus in eine andere Dimension, aber es ist trotzdem immer noch ein einfacher Popsong. Struktur und Chaos, diese beiden Welten zusammenzubringen, darum geht es!"

"The future? I'll see you there", kräht eine verzerrte Spottstimme in diesem wohl rückwärtsgewandtesten Stück des Albums: Wir sehen uns in der Zukunft. In die "Früher mal geil"-Ablage kommen die Chemical Brothers vorerst nicht.

Abgehört-Wertung: 8.0



insgesamt 49 Beiträge
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gmarzahn 17.07.2015
1. Das ist aber kein Techno
Die chemical Brothers hatten ja wohl noch nie was mit Techno zu tun. Weder damals noch heute. Ich finde es schade dass in den deutschen Mainstream Medien so wenig Kompetenz zu finden ist für eine Musik die zum Teil aus Deutschland stammt und hier aber auf jeden Fall ein Zuhause gefunden hat. Ständig erscheinen neue ausgezeichnete Techno und House Alben/mixes von deutschen Künstlern oder Labels die fast nie erwähnt werden. Kommt mir spontan der grandiose panoramabar 06 mix von letztem Jahr in den Sinn, den es auch noch gratis gibt, kein Wort in den Medien. Aber diese abgehalfterten Rave Machos aus England kriegen den roten Teppich. Aber wahrscheinlich liegts daran dass nicht Universal Music dahintersteht und Geld und Tickets an Journalisten verteilt damit die schön Wörter ausspucken. Gute Musik erkennt man oft daran dass sie nicht auf großen Labels rauskommt, sondern auf kleinen, obskuren.
freddykrüger 17.07.2015
2. @gmarzahn
gute Musik erkennt man daran das sie von Musikern gemacht wird und nicht von Knöpfchendrehern wie z.b. Techno und Housetanzbären.
klogschieter 17.07.2015
3. Na und?
Keine Ahnung, ob das Techno ist. Ehrlich gesagt habe ich mit diesem ganzen Geboller und den gesampleten Breitwandgitarren schon vor zwanzig Jahren nicht viel anfangen können. Jedoch verdient es immer und jederzeit Respekt, wenn mal wieder jemand erfolgreich die Lust am Krach und schieren Eskapismus in die Charts einschleust und einen Haufen Leute wenigstens kurzzeitig für Geräusche und LAUTSTÄRKE begeistert. Das nennt man dann vielleicht nicht Techno, sondern Pop, in einem Sinne, dem ich Beifall zu spenden bereit bin. Sehen Sie, ganz bestimmt wird auf obskuren Kleinstlabels jede Menge tolle Musik veröffentlicht. Das ist aber nichts, das sich eignet, es sozusagen als Schild vor sich herzutragen um sich als Statthalter "guter Musik" zu inszenieren. Die Leserbriefseiten der verbliebenen einschlägigen Musikzeitschriften, die vorzugsweise von alten Männern wie mir gelesen werden, sind pickepackevoll mit verzichtbaren Beiträgen von Trotteln, die genau wie Sie auf der "guten Musik" rumreiten und damit nur ihren eigenen engstirnigen Betongeschmack beweihräuchern wollen. Musik soll mir bitte auch weiterhin im Idealfall sämtliche Körperhaare aufstellen. Gern auch in einem ranzigen winzigen Club in einem ehemaligen Bunker, in dem nur DJs auflegen, die ihren Kram noch nicht einmal auf einem obskuren Kleinstlabel veröffentlicht haben. Und am nächsten Tag freue ich mich, wenn im Radio die neue Single der Pet Shop Boys gespielt wird. Und kriege anschließend Lust auf zwei Stunden Gitarrenfeedbackloops. Und erzähle anschließend irgendwem am Telefon, dass ich die Chemical Brothers im Jahre 2015 ziemlich öde finde. Weil ich sie öde finde. Aber doch nicht, weil ich irgendeine Ahnung davon habe, was zum Teufel "gute Musik" ist. Niemand weiß, was gute Musik ist. Das ist ja das Spannende.
erselbst 17.07.2015
4. Die neuen 90er
Neben einer fantastischen neuen „The Orb“, einer ziemlich guten neuen „Leftfield“ jetzt also eine neue, großartige „Chemical Brothers“. Alle drei haben mir Mitte der 90er-Jahre die Rock-Ohren geöffnet und meinen persönlichen Musik-Horizont erweitert. Und manchmal gibt es so besondere Tage: Wilco schenkt uns über Nacht ein neues Album gratis. Für das andere Geschmacksende. Jetzt aber erst mal „Born in the Echoes“. Laut. Mit viel Bass. Schöne Grüße an die Nachbarn. Da müssen sie jetzt durch.
peteftw 17.07.2015
5. soso
Zitat von freddykrügergute Musik erkennt man daran das sie von Musikern gemacht wird und nicht von Knöpfchendrehern wie z.b. Techno und Housetanzbären.
Soso, Knöpfchendreher. Man muss den Computern und Knöpfchen aber immer noch Input geben, von alleine fällt denen nichts ein, insofern ist ihr Kommentar Unsinn. Gute Musik muss die Seele berühren und Elektronische Musik tut das erfolgreich für viele Menschen seit Jahren. Aber was erzähl ich, weiterhin viel Spaß mit der Akustikgitarre am Lagerfeuer.
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