The Dresden Dolls Mit Sex, Charme und Melone

Vaudeville, Alternativrock und sexuelle Spannung - mit diesen Zutaten wurden die Dresden Dolls zum Geheimtipp. Auf seinem neuen Album klagt das US-Duo über Geschlechterzwänge und Rollenklischees - eingebettet in eine faszinierende Welt musikalischer Gegensätze.

Von Thomas Winkler


Das Unterhaltungsgewerbe hat einige undankbare Jobs mit verschwindend geringen Erfolgsaussichten im Angebot: Psychiater von Brian Wilson zum Beispiel. Oder Ghostwriter von Dieter Bohlen, Brillenputzer von Elton John oder Fanbriefbeantworter von Tokio Hotel. Oder man kann sich als Vorgruppe bei Nine Inch Nails versuchen. Die Dresden Dolls haben sich zumindest tapfer geschlagen: "Was man so von anderen hört", lächelt Amanda Palmer, "hatten wir noch Glück."

Rock-Duo Dresden Dolls: Der Geist von Kurt Weill, die Härte von heute

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Die Vorstellung, ausgerechnet das Duo aus Boston sei in der Lage, eine Horde als eher intolerant bekannter Nine-Inch-Nails-Fans darauf einzustimmen, von einem ohrenbetäubenden Industrial-Brett niedergeprügelt zu werden, scheint schon allein von der Besetzung her absurd: Schließlich stehen der gern in tiefschwarzen Spitzenkleidern gekleideten Palmer lediglich ein Piano und ihre Stimme zur Verfügung. Unterstützt wird sie vom Schlagzeug ihres Melone und Samtanzug tragenden Partners Brian Viglione. Allerdings stammte die Idee, gemeinsam auf Tour zu gehen, vom Nine-Inch-Nails-Mastermind Trent Reznor höchstselbst. Und tatsächlich: "Wir spielten einfach hart, schnell und laut", erzählt Palmer, und die hartgesottenen Zuhörer waren’s zufrieden. "Und", ergänzt Viglione, "zumindest 'War Pigs' funktioniert immer".

Den Hardrock-Klassiker von Black Sabbath haben die Dresden Dolls mittlerweile schon fast zu ihrem eigenen Song gemacht, auch wenn sie sich mit ihrem eigenen, weitaus feinsinnigeren Material bereits ein erstaunlich großes Publikum erspielt haben. Die 30-jährige Palmer, die in den Neunzigern zwei Jahre in Köln lebte, und der drei Jahre jüngere Viglione sind zwar inspiriert von der deutschen Cabaret-Tradition der zwanziger Jahre und den Liedern von Kurt Weill, wissen aber auch, wie moderner Alternativ-Rock funktioniert. Ihre Herangehensweise an Musik haben sie dem Punk entliehen. Dieser weltweit wohl einzigartige Ansatz hat die Dresden Dolls zum Geheimtipp werden lassen und zündet vor allem auf der Bühne, wenn die beiden Musiker und Schauspieler, die reichlich Erfahrungen in Off-Theatertruppen gesammelt haben, trotz Minimalbesetzung rocken, dass die Weimarer Republik ein zweites Mal in ihren Grundfesten erschüttert wird.

Die Dresden Dolls haben versucht, diese überwältigende Energie auf ihrem zweiten Album "Yes, Virginia" einzufangen. Das ist ihnen nicht immer gelungen, aber nichtsdestotrotz entwickelt ihre gewagte Kombination aus Rock und Vaudeville, tiefgründigen Balladen und Songs, die, so Palmer, "ausdrücklich ans Musiktheater angelehnt sind", eine Faszinationskraft, die vor allem aus der Differenz ihrer einzelnen Bestandteile entsteht und deren scheinbar schwereloser Aufhebung. "In unserer Musik steckt Unschuld, Kindheit, die Erinnerung an goldene Zeiten", erklärt Palmer, "andererseits aber auch Ironie, vielleicht sogar Sarkasmus und ganz bestimmt die dunklen Seiten des Daseins. Einerseits Freude, andererseits Trauer, das eine ist nicht ohne das andere zu haben." So entsteht aus der schlichten Kombination aus Stimme, Schlagzeug und Piano eine, in den Worten Palmers, "fundamentale Schönheit".

Die allerdings ist keine wohlige Hochglanzschönheit, sondern die der menschlichen Abgründe und gesellschaftlichen Defizite, die Palmer in ihren Texten verarbeitet. Sie ist problemlos in der Lage, Oklahoma auf Homer zu reimen, und "enterprise" auf "paradise", setzt aber trotzdem ausgiebig das F-Wort ein und bedichtet überaus freimütig die Onanie. Songs heißen "Sex Changes", "First Orgasm" oder "My Alcoholic Friends". In "Delilah" spielen prügelnde Männer und erduldende Frauen die Hauptrollen, in "Dirty Business" ein Mädchen, das absichtlich Kondome herum liegen lässt, um ihre Männer eifersüchtig zu machen. Kurz, es ist eine grausame Welt, weil sie geschunden ist von Geschlechterzwängen und Rollenklischees: "All I know is that all around the nation/ The girls are crying and the boys are masturbating”.

Die Sexualität ist es, die, die im Mittelpunkt des Œuvres der Dresden Dolls steht, seit sie sich vor sechs Jahren auf einer Halloween-Party kennen lernten, und das bleibt nicht nur auf Palmers Texte beschränkt. Mit den White Stripes verbindet das Duo nicht nur der minimalistische musikalische Ansatz, sondern auch die gern etwas zweideutig gehaltenen Informationen zu ihrer Beziehung miteinander. Palmer und Viglione waren wohl nie ein Paar, hatten aber Sex und halten weiter eine sexuelle Spannung untereinander aufrecht.

Nicht zuletzt darauf fußt die außerordentliche Bühnenchemie zwischen den beiden, die jeden Auftritt zu einer Inszenierung geraten lässt. "Wenn Brian und ich uns in die Augen sehen, dann ist es egal, wie die Bühne aussieht oder was wir anhaben, alles wird zweitrangig im Vergleich zu dieser Energie, die zwischen uns entsteht", verspricht Amanda Palmer. Zumindest ein großer Teil der widerspenstigen Fans von Nine Inch Nails sind bereits davon überzeugt.


Dresden Dolls: "Yes, Virginia" (Roadrunner/ Universal, bereits erschienen)

Live: 14.5. Berlin, Spiegelzelt am Postbahnhof, 16.5. Hamburg, Spiegelzelt an den Deichtorhallen



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