Britischer Pop und Brexit Damon Albarns nationaler Gesundheitsdienst

Kaum eine andere Band repräsentiert das weltoffene Großbritannien besser als The Good, The Bad & The Queen: Sänger Damon Albarn schreibt seiner Heimat mit "Merrie Land" einen wehmütigen Abschiedsbrief.

Pennie Smith/ Warner Music

Als Damon Albarn am 24. Juni 2016 aufwachte, war die Welt eine andere geworden. Albarn ist ein Kind Europas: Geboren im London der Swinging Sixties, die Eltern bildende Künstler, der Vater eine Weile lang Manager der Band Soft Machine. Eine liberale Bohème-Familie, in der Offenheit, Toleranz und die Liebe zu den Künsten maßgebende Werte waren. Genau dieses Lebensmodell war aber nun an jenem Junimorgen von einer sehr knappen Mehrheit der Briten indirekt abgewählt worden. Seitdem ist das Brexit-Referendum zum künstlerischen Hauptantrieb für Damon Albarn geworden. "Als Mensch und Engländer fühle ich mich abgekoppelt", sagt er, "es geht mir darum, wieder eine Verbindung herzustellen."

Zuletzt ging es auf gleich zwei Alben von Albarns teilvirtueller Comicfigurenband Gorillaz um gesellschaftliche Spaltung, Rechtsruck, Europaskepsis, Rassismus. Dort verhandelte er die großen Themen der Zeit aus einer globalen Perspektive, persönlich wird es erst hier: "Merrie Land", das zweite Album seines Gelegenheitsprojekts The Good, The Bad & The Queen, ist ein wehmütiger, oft wütender und verzweifelter, aber immer wieder auch optimistischer und zärtlicher Brief eines Verlassenen an seine große Liebe.

Metaphorischer Abschiedsbrief

"Don't leave me now", heißt es in "Last Man to Leave", "and where do I go now, and where does it seem to be free?" in "Lady Boston" und "I'll pack my case and get in a cab and wave you goodbye" im Titelsong. Es ist also ein Abschied, aber zunächst ein metaphorischer: "Ich habe nicht vor, das Land zu verlassen", sagt Albarn am vergangenen Samstag im Telefoninterview. "Ohnehin geht es nicht nur um England. Die Idee einer multiethnischen, progressiven Gesellschaft, mit der ich aufgewachsen bin, ist überall in Gefahr. Es ist eine europäische Platte, ich will einen Dialog anstoßen."

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The Good, The Bad & The Queen: Melancholie und Brexit

Kaum jemand eignet sich so gut für dieses Anliegen wie die personell und stilistisch multikulturelle Band The Good, The Bad & The Queen: Neben Albarn spielen darin der ehemalige Bassist von The Clash, Paul Simonon, der vormalige Fela-Kuti-Schlagzeuger und Afrobeat-Miterfinder Tony Allen sowie Simon Tong (früher The Verve), ein All-Star-Ensemble, mit dem Albarn bereits 2006 ein Album aufgenommen hatte, auf dem es ebenfalls um England ging. Damals gelang eine zauberhafte Verschmelzung aus Dub, Afrobeats, Britpop und Folk.

Dieser Überraschungseffekt ist auf "Merrie Land" naturgemäß nicht mehr gegeben, aber langweilig ist das Album deswegen nicht, ganz im Gegenteil. Es enthält eine volatile und ätherische, auf die britische Folktradition zurückgreifende Musik: Dichte Texturen, nahtlose Übergänge, die scheinbar ziellos tänzelnden Dub-Beats von Allen und Simonon ergeben fast schon paranoide Meditationen über verpasste Möglichkeiten und vertane Chancen.

Damon Albarn war mit dem Zug durch das ländliche England gefahren, wo er Regionen aufsuchte, für die es das "Cool Britannia" der Blair- und Britpop-Jahre nie gegeben hatte. "Diese Gegenden wurden über Jahrzehnte vernachlässigt", sagt er. "Das haben dunkle Kräfte ausgenutzt und sich in den Köpfen der Leute breitgemacht. Es ist sehr leicht, mit den Ängsten und Hoffnungen dieser Menschen zu spielen." Albarn führte Gespräche, und die Gedanken in seinem Kopf verdichteten sich immer mehr, bis er sie schließlich in elf Songs formulierte, die seine Band mit dem Bowie-Produzenten Tony Visconti aufnahm.

Der kritisch-liebevolle Dialog mit seiner Heimat ist ein Kontinuum in Damon Albarns Karriere, seit er 1994 mit Blur und dem Album "Parklife" den britischen Zeitgeist der Neunziger eingefangen hatte. Der damaligen Euphorie hatte Albarn misstraut, ein Flaggenschwenker ist er nie gewesen. Nun scheint das damalige Gefühl des Aufbruchs endgültig einer tiefen Melancholie gewichen zu sein.

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"Am liebsten würde ich 'Parklife' und 'Merrie Land' bei den kommenden Konzerten direkt hintereinander spielen", sagt er, "es gibt eine starke Verbindung zwischen diesen Alben. Damals wie heute singe ich über eine große Vertrautheit und aufrichtige Liebe. Es ist weder Patriotismus noch Nationalismus, sondern ein Angebot, diese Liebe mit anderen Menschen zu teilen und mir ihre Orte, ihre Heimat zeigen zu lassen."

Es gibt noch Hoffnung

Es ist ein Satz, den man naiv finden kann. "Ist ein 50-jähriger, millionenschwerer Popstar der richtige, um die Lage der Nation auf den Punkt zu bringen?", schrieb der "Guardian" vor einigen Tagen über "Merrie Land". Die alte Frage also: Welche politische Kraft kann Musik überhaupt entfalten? "In England ist Pop quasi klassenübergreifend ein Teil der staatlichen Gesundheitsfürsorge", sagt Albarn. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Musik eine emotionale Verbindung herstellen kann, zu der die Politik nicht in der Lage ist."

Die eigentlichen Grenzen verlaufen heute nicht mehr zwischen Staaten, sondern immer mehr zwischen unten und oben, Stadt und Land, Jung und Alt, gebildet und bildungsfern. Wenn ein kosmopolitischer Popmillionär aus London in gottverlassene nordenglische Pro-Brexit-Gemeinden wie Blackpool und Preston fährt, um dort mit den Menschen zu reden, ist das nicht der schlechteste Anfang, diese Klüfte zu überbrücken. Seine Hoffnung, den Austritt Großbritanniens aus der EU doch noch zu verhindern, hat Damon Albarn jedenfalls nicht verloren: "Wir können unmöglich bei einer Wahlentscheidung bleiben, die auf derart zweifelhafte Weise zustande gekommen ist und seitdem in ein immer größeres Chaos führt."

Zwei Tage vor dem Interview hatte Theresa May ihren Brexit-Entwurf vorgestellt. Ab Ende November sind The Good, The Bad & The Queen in England auf Tournee, um ihr ihr Anliegen bis in die hintersten Winkel des Landes zu tragen.



insgesamt 3 Beiträge
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botschinski 20.11.2018
1. Freunde herrscht
Das erste Album war zunächst eine Enttäuschung, wohl weil meine Erwartungen wegen der Besetzung übertrieben hoch waren, aber mit den Jahren ist es zu einem meiner meistgehörten Alben geworden und ich möchte es nicht mehr missen. Ich freue mich auf die Fortsetzung. Zur Frage kann ein millionenschwerer Popstar der Richtige sein, die Lage der Nation (eher 1st Welt Lage?) auf den Punkt zu bringen? Ganz klar ja. Der Mann hat seine Klienten nie betrogen, sich nie verkauft (soweit man das von einem Popmusiker sagen kann) und dass er reich geworden ist liegt, für mich, ganz einfach an seiner überragenden Kreativität und seinem Talent. Einer der erkennt, dass die Spaltung der Gesellschaft viel mit Bildung zu tun hat. Man braucht sich jeweils nur die Grammatik in den Foren diverser Medien vor Augen zu halten, um dies nach zu vollziehen.
.patou 20.11.2018
2.
Ich habe das Album seit letzter Woche einige Male gehört und finde es vor allem zutiefst melancholisch. Alles verströmt eine Art Fin-de-Siècle-Atmosphäre. Visconti als Produzent hat ganze Arbeit geleistet. Albarn selbst scheint sich eine Mitschuld zu geben, dass er den Ausgang des Brexit-Votums nicht hat kommen sehen und sich nicht rechtzeitig entsprechend engagiert hat. Die Texte klingen teilweise nach Selbstgeißelung. Das Album ist insgesamt etwas sperrig und zum Teil beklemmend, aber es lohnt sich. Albarn mag zwar ein ziemlich großes Ego haben, aber bei all den erfolgreichen musikalischen Projekten der letzten 25 Jahre sei es ihm verziehen. Ich hoffe sehr, die Liebe zu Europa manifestiert sich auch in einer Tour diesseits des Kanals im nächsten Jahr. Ich habe die Band nur einmal live gehört, vor gut zehn Jahren in Frankreich, und würde dieses Erlebnis gerne wiederholen. :-)
lanzelot72 20.11.2018
3. England ?
Ich lese in dem Artikel immer nur von England. Kein Wort von Britain, Great Britain, geschweige den von Wales oder Schottland, und von Nordirland natürlich erst recht nichts ... immer nur England, England, England ... traurig!
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