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The Roots über Obama: "Es lohnt sich, zur Wahl zu gehen"

Düster, radikal, The Roots: Die HipHop-Truppe um Tariq "Black Thought" Trotter gibt sich auf ihrem neuen Album betont politisch. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der US-Rapper über Klimawandel, Kriminalität - und erklärt, warum er Sandwiches für Barack Obama schmiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie tragen einen Barack-Obama-Sticker an Ihrer Jacke?

Rap-Aktivist Black Thought: "Es geht ums Universum"
Universal Music

Rap-Aktivist Black Thought: "Es geht ums Universum"

Black Thought: Für mich verkörpert Obama ein Gegengewicht zu den Anliegen der großen Konzerne. Hat er nicht sogar einige von ihnen mit ihren Wahlkampfspenden abblitzen lassen? Ohne Obama jedenfalls hätte ich mich nicht als Wähler registrieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben noch nie gewählt?

Black Thought: Ich hatte früher nie das Gefühl, dass meine Stimme etwas ändern könnte. Nun liegt da plötzlich diese Möglichkeit eines Wandels in der Luft. Oft erzähle ich Schulkindern meine Geschichte: Dass ich aus dem Ghetto von Philadelphia komme, jede Menge Zusammenstöße mit der Polizei hatte, vielleicht im Gefängnis säße, hätte ich nicht Questlove getroffen und mit ihm Ende der achtziger Jahre The Roots aus der Taufe gehoben. Vor allem aber sage ich ihnen, dass es sich diesmal unbedingt lohnt, an die Urne zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Ganz im Gegensatz zu Obamas Hoffnungsbotschaft klingt "Rising Down" so düster und radikal wie kaum ein HipHop-Album seit den Glanzzeiten von Public Enemy.

Black Thought: Wenn wir Lösungen finden wollen, dann müssen wir erst einmal die Realität anerkennen. Genau das tut "Rising Down". Auf unserem letzten Album "The Game Theory" sind wir nach dem Tod unseres Produzentenkollegen J. Dilla einem sehr persönlichen Schmerz nachgegangen. Diesmal aber geht es um das Universum.


SPIEGEL ONLINE: Wie beim Titelstück "Rising Down", wo Sie das nicht gerade HipHop-übliche Thema Klimaerwärmung und Umweltschutz anschneiden ...

Black Thought: Der Song war eine Herausforderung für mich. Weil ich auf keinen Fall predigen möchte. Andererseits kannst du nicht jeden Tag in den Nachrichten vom Klimawandel hören, es aber in deiner Musik verschweigen. Rapper wie Paris und Public Enemy haben mich eines gelehrt: Wir sind alle für den Zustand unserer Gesellschaft mitverantwortlich. Du musst die Medizin nur auf ein Stück Zucker träufeln, damit deine Hörer sie auch schlucken.

SPIEGEL ONLINE: Der Titel Ihres Albums ist einer Gewaltstudie von William T. Vollmann namens "Rising Up Rising Down" entlehnt.

Black Thought: Der Titel passt zu unserer Heimatstadt Philadelphia. Dort haben wir eine der höchsten Verbrechensraten Amerikas. Ein Mord pro Tag ist normal. Aber sind die Einwohner von Philly deswegen krimineller veranlagt? Und warum kommt jemand mit der Three-Strikes-Regel - einer hohen Strafe beim dritten Delikt - wegen einer gestohlenen Videokassette jahrelang ins Gefängnis, während uns unser Präsident etwa ungestraft über die Kosten des Irakkrieges anlügt? In dem Song "Criminal" erzähle ich von einem Menschen, der das Geld für seine Familie verdienen will, wegen seiner Vorstrafe keine Arbeit erhält und letztlich gezwungen ist, zu brutalen Methoden zu greifen.

SPIEGEL ONLINE: Anders als viele Ihrer Gangsta-Rap-Kollegen verherrlichen Sie das Verbrecher- und Gefängnisleben nicht.

Black Thought: Ich verstehe aber, warum andere es tun: Das Gefängnissystem ist wie eine Reproduktion deines Blocks im Ghetto. Nur der Zäheste überlebt. Bleibt dir also als einzige Verteidigung, den Macho zu markieren. Warum sonst bräuchte ein Stachelschwein seine Stacheln?

SPIEGEL ONLINE: In "Singing Man" erweitern Sie Ihre Einsichten auf Konfliktherde in aller Welt.

Black Thought: Während die Gastrapper Porn und Truck North jeweils die Perspektive des Highschool-Amokschützen von Virginia Tech und eines arabischen Selbstmord-Attentäters einnehmen, rappe ich aus der Sicht eines Kindersoldaten in Sierra Leone.

SPIEGEL ONLINE: In den USA haben Sie den Veröffentlichungstermin Ihres Albums auf den 29. April gelegt, den 16. Jahrestag der Rodney-King-Unruhen in Los Angeles, die nach dem Freispruch weißer prügelnder Polizisten insgesamt 53 Menschenleben forderten.

Black Thought: Ich habe Kinder, die alt genug sind, um zu fragen, was mein Beruf eigentlich bedeutet. Da werden mir plötzlich ganz neue Dinge wichtig. Etwa die Erinnerung daran, dass schwarze Menschen in diesem Land für mehr kämpfen als ihr Recht auf Party.

SPIEGEL ONLINE: Mit über 300 Auftritten im Jahr gelten die Roots immer noch als beste Live-Band im HipHop. Bietet sich da nicht der Einsatz als Wahlkampftruppe für den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama an?

Black Thought: So etwas kommt doch bestenfalls den Medien zu Gute. Aber ich habe mit DJ Green Lantern ein paar Obama-Verse für ein Mixtape aufgenommen. Außerdem machen Questlove und ich in Philadelphia Grassroots-Arbeit für die Obama-Kampagne: Flyer austeilen, Sandwiches schmieren, Fahrdienste anbieten, so weit wir eben dazu Zeit haben. Das bringt mehr als offizielle Pressekonferenzen.

Das Interview führte Jonathan Fischer


The Roots: "Rising Down" ist bei DefJam/Universal erschienen

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