Pop! Digitale Ankündigung eines analogen Todes

Von Christoph Dallach

Bedrucktes Papier interessiert immer weniger Menschen. Kein Wunder, dass das beste britische Musikmagazin "The Word" sterben muss. Der Sänger Gotye ist hingegen allen Gerüchten zum Trotz quicklebendig. Und Ringo Starr? Lebt auch noch - und hat das Twittern entdeckt.

Pop! Digitaler Scheintod! Fotos
Getty Images

Digitale Beerdigung

In diesem Jahr, so wird vermeldet, überrunden die digitalen Umsätze im Pop-Universum, endgültig, die der physischen Tonträger - zumindest in so symbolträchtigen Märkten wie den USA und Großbritannien. Und da ist es nur logisch, dass die gute alte analoge Welt schrumpft.

Besonders heftig leiden die auf Papier gedruckte Musikmagazine, die in der Ära der Online-Blogs so zeitgemäß wie Schellack-Schallplatten scheinen; insbesondere im Vereinigten Insel-Königreich, einst einer Hochburg des Pop-Journalismus, sind die Auflagenrückgänge dramatisch. So ist es letztlich auch nicht überraschend, dass vor einigen Tagen das Ende von "The Word" - der mit Abstand besten britischen Musikzeitschrift - verkündet wurde.

"The Word" bot mehr, als an Anzeigen und Neuveröffentlichungen gekoppelte Musikerporträts. Das Magazin überraschte regelmäßig mit unberechenbaren und raffinierten Texten zur Popkultur, geschrieben mit einem Mix aus gewitzter Britishness und ehrfurchtgebietendem Wissen. Das bescherte dem Team einige Medienpreise, aber leider nicht genug Leser und Anzeigenkunden, weshalb die August-Ausgabe die letzte sein wird.

In England sorgte diese traurige Neuigkeit für Wirbel in Blogs und Zeitungen. Die besten Abschiedszeilen kommen selbstverständlich von den "Word"-Machern selbst. David Hepworth, einer der Chefs, amüsiert sich in seinem Blog mit etwas Wehmut über den finalen Trubel und all die Beileidsbekundungen - "Das schöne an einer digitalen Beerdigung ist, dass der Tote hören kann, was über ihn gesagt wird." Er tritt aber auch all denen entgegen, die nun die böse neue digitale Welt bejammern: "Ich sehne mich nicht nach der alten Zeit. Ich glaube, die neue offene Medienwelt ist viel aufregender und lustiger als die alte." Nur das gedruckte Magazine da halt keinen Platz mehr haben. Auf die Texte von Hepworth wird man ohnehin nicht verzichten müssen, für die hat er ja sein Blog.

Digitale Wiederauferstehung

Davon, dass im weltweiten Netz auch die Quicklebendigen schnell mal beerdigt werden, kann der in Belgien geborene Australier namens Gotye ein Lied singen. Der Knabe hinter dem Superhit "Somebody That I Used to Know" musste gerade die unter anderem von CNN verbreitete Meldung seines Ablebens korrigieren. Er habe sich mit einer Neun-Millimeter-Handfeuerwaffe in den Kopf geschossen, hieß es da. "Ich bin nicht tot!", twitterte der Künstler flugs und kündigte fröhlich einige makabre Scherze für die kommenden Tage an.

Digitale Beatle-Botschaften

Beatle-Ringo, der sich noch vor gar nicht so langer Zeit darüber beklagte, zu sehr von Verehrern behelligt zu werden, und trotzig beschloss, keine Autogramme mehr zu geben, entdeckt nun auf seine alten Tage die Reize der digitalen Kommunikation mit den nervigen Fan-Massen. Via Twitter kommentiert er fröhlich und beständig den Lauf seiner Welt. Eine Art Best of dieser trockenen Mikro-Botschaften bietet nun ein Beitrag in der Online-Ausgabe des NME.

Digitale Weltverbesserer

Radiohead und Jude Law haben sich für einen Videoclip zusammengetan - zugunsten der bedrohten Umwelt.

Analoger Schatz!

Digitale Tracks mögen viele Vorzüge bieten - aber als Wertanlage taugen sie nicht. Wie rasant der Wertzuwachs einer knisternden analogen Vinyl-Scheibe sein kann, belegt der irre Preis, den gerade eine Single der White Stripes erzielte: Fast 13.000 US-Dollar brachte die 7" "Lafayette Blues" auf einer Auktion. Was besonders den Plattensammler und Analogfanatiker Jack White erfreut haben dürfte.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. optional
sozialminister 06.07.2012
Keine Ahnung was an dem britischen Musikmarkt noch symbolträchtig sein soll. Ökonomisch betrachtet rast dieser immer weiter Richtung Bedeutungslosigkeit.
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Zur Person
Isa Kreitz
Christoph Dallach, geboren, kurz bevor Sam Cooke starb, trinkt zu viel Sake, schießt beim Tischfußball gern uncoole Tore aus der Mitte, schreibt gegen Geld Texte und verplempert zu viel Zeit im weltweiten Netz. Was er dort an schönem Unsinn entdeckt, sammelt er nun in dieser Kolumne.

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Heft 7/2012 Ein Mann spioniert in Frau­en­ro­ma­nen

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