Uraufführung in München Spiel mir das Lied vom Nebelmeer

Der französische Theatermacher Philippe Quesne verknüpft an den Münchner Kammerspielen die Bilderwelt der deutschen Romantik mit der weiten Welt der Cowboys - und huldigt mit "Caspar Western Friedrich" dem großen Nichts.

Philippe Quesne

Es ist ein Abend, der Geduld erfordert. Viel Geduld. Und der die Frage provoziert, was das denn eigentlich soll. Aber wer auf eine Antwort wartet, hat schon verloren. Die ersten Zuschauer geben bereits nach einer Viertelstunde auf und verlassen entnervt das Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele. Und es ist gar nicht so leicht zu sagen, ob sie dadurch etwas verpassen.

Der französische Theatermacher - oder sollte man besser sagen: Theaterträumer - Philippe Quesne, 45, hat im Auftrag des neuen Intendanten Matthias Lilienthal zwei Welten zusammengedacht: die deutsche Romantik und die Welt der Cowboys. Die Idee ist auf den ersten Blick bestechend, die Gemeinsamkeiten fallen sofort ins Auge: die Weite der Natur, sternklare Nächte, die Einsamkeit der Helden, ihre Melancholie. Aber vielleicht ist damit auch schon alles gesagt. Dem großen Filmtheoretiker und Kritiker Georg Seeßlen fallen zum Thema "Caspar David Friedrich und der Western" im Programmheft jedenfalls auch nur "Fragmente" ein; die Parallelen zwischen beiden Welten bestehen bei ihm vor allem aus parallel formulierten Sätzen.

Auch auf der Bühne bleiben die Sphären lange getrennt, statt ein gemeinsames Ganzes zu ergeben. Man sieht zunächst den Western: Die fünf Darsteller des Abends richten sich als Cowboys verkleidet in aller Ruhe am künstlichen Lagerfeuer vor dem eisernen Vorhang ein und singen "My rifle, my pony and me" und "Whisky, leave me alone" aus Howard Hawks' Western "The Big Sky", während über ihnen die Namen aller Beteiligten eingeblendet werden wie in einem schier endlosen Film-Vorspann. Das ist schon ein Hinweis: Philippe Quesnes Abende sind immer auch eine Feier des Theaters selbst, der Theatermittel, mit denen er spielt wie ein Kind mit einem Zauberkasten. Hier zollt er dem Riesen-Apparat Respekt, der ihm das ermöglicht.

Seifenblasen- und Nebelmaschinen

Dann geht der Vorhang hoch, und hinter einer Plane wird ein heller, hoher, weiter Raum sichtbar, der noch im Entstehen ist. Die Cowboys steigen in Maleranzüge und beginnen umständlich, hohe Leitern aufzustellen und die neuen weißen Wände auf alt zu trimmen, indem sie sie sepiafarben anmalen. Nach und nach wird klar: Die Fünf richten hier offenbar ihr ganz privates "Caspar Western Friedrich Museum" ein. Alles passiert in schönster Ruhe und Eintracht, dazu läuft Musik vom Band wie im Western, wenn die Frau an einem sonnigen Morgen vor der Ranch die Wäsche aufhängt, bevor aus der Ferne der düstere Reiter auftaucht und mit ihm das Böse hereinbricht.

Bei Quesne allerdings bricht nichts herein. Das Theater ist bei ihm immer Weltflucht. In einem seiner tollsten Abende, "La Mélancolie des Dragons", lässt er ein paar Rocker mit ihrem schrottreifen Auto in einem verschneiten Wald stranden. Eine Frau taucht auf, und um die Wartezeit auf ein Ersatzteil zu überbrücken, zeigen die Männer ihrer staunenden, einzigen Zuschauerin, was sie in ihrem Anhänger alles dabei haben: riesige aufblasbare Skulpturen, Seifenblasen- und Nebelmaschinen. Eine Welt entsteht aus dem Nichts, und es führt auch zu nichts.

Auch in "Caspar Western Friedrich" sieht man den Darstellern beim Aufbau einer illusionären Welt zu, wenn sie scheinbar sinnlos Styropor-Felsen und künstliches Präriegras auf der Bühne hin- und hertragen und sich in ihrem Museum verschanzen wie in einem Fort. Ihre Waffen sind Zitate von Novalis, Eichendorff oder auch Rilke.

Es gibt nichts, woran der Regisseur sich reiben könnte

Aber der Abend funktioniert trotzdem nicht so richtig. Vielleicht, weil die Sehnsucht nach Weltflucht gerade sehr weltfremd ist. Vielleicht aber auch, weil Quesnes Huldigung der Bühnenwunderwelt, in der man mit wenigen Kunstgriffen ganze Welten entstehen lassen kann, im Stadttheater - anders als in der freien Szene, aus der er kommt - etwas albern wirkt. Man sieht seiner Bühne diesmal an, welcher Apparat dahinter steckt, und auch von der Wirkung der Regenmaschine hat sich wohl jeder Abonnent schon mal beeindrucken lassen. Vielleicht ist es auch ein Fehler, als Romantiker ein Abend über Romantik zu machen: Es gibt nichts, woran der Regisseur sich reiben könnte. Und vielleicht sind die fünf Schauspieler der Kammerspiele, bei allem Bemühen, hinter der vierten Wand in ihrer geschlossenen Scheinwelt zu bleiben, immer noch zu sehr Schauspieler.

Soll heißen: Quesne betreibt seinen Minimalismus diesmal mit allzu großem Aufwand. Seine Kunst, eine Welt um ein großes Nichts herumzubauen (und sich damit immer auch gegen unsere Action- und Eventsucht zu stellen), bricht unter dieser Last zusammen. Die fragile Konstruktion zerfällt in Einzelteile.

Die sind allerdings immer noch hübsch anzuschauen: Franz Rogowski, der in Badehose mit Caspar-David-Friedrich-Motiv minutenlang bäuchlings über die regennasse Bühne schlittert; Johan Leysen, der im Cowboyoutfit geboren zu sein scheint; Peter Brombacher, der wie Friedrichs Wanderer vor der Nebelmeerleinwand steht und von seiner Reise nach Krakau erzählt (das hinter den Bergen auf dem Bild liegt); Stefan Merki, der als gebürtiger Schweizer ein Gebirgslied anstimmt; und Julia Riedler, die im romantischen hellblauen Kleidchen mit leicht kratziger Stimme Hölderlin zitiert.

Erst im Schlussbild verschmelzen die romantischen Sphären: Die Cowboys haben sich einen Unterstand gebaut, das Lagerfeuer brennt wieder - und hinter ihnen leuchtet Friedrichs Nebelmeer, und es schneit. Dafür gibt es erstaunlich euphorischen Applaus.


"Caspar Western Friedrich". Münchner Kammerspiele, nächste Vorstellungen am 30.1. sowie 5., 7. und 27.2., Tel. 089/23 39 66 00.

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upalatus 30.01.2016
1.
....zwei Welten zusammengedacht: die deutsche Romantik und die Welt der Cowboys.... Wers gern real mag: panomax Arber, zb. von heute und allg. besonders in den Frühstunden. Man hat dramayrische Nebelorgien plus ein paar einzelne, sehr männliche Vertreter aus den umliegenden Welten von klaren Bergvölkern, erkennbar an der Virginier in der gegerbten Hand. Das ist (fast) echt, das ist meins!
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