Jubiläumsspektakel von Sasha Waltz Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg

25 Jahre Sasha Waltz & Guests: Das feiern die Choreografin und ihre Compagnie mit ihrem neuen Werk "Exodos" - fast drei Stunden lang. Sie erzählen von Flüchtlingsnöten, aber auch von Partynächten. Passt das zusammen?

Carolin Saage

Am Anfang war das Wort: Exodos. Griechisch für Ausgang, Ausweg, die biblische Flucht aus Ägypten - aber auch das Ausgehen und Aus-sich-Herausgehen. Die Choreografin Sasha Waltz, 55, hat in Interviews zur Uraufführung ihres neuen Stücks ausführlich erläutert, was der Titel "Exodos" alles bedeuten kann - und das ist auch gut so, denn der große Bogen, den sie an diesem gut 160 Minuten langen Abend spannt, bedarf der Erklärung.

26 Tänzerinnen und Tänzer von "Sasha Waltz & Guests" sind im Einsatz bei der aufwendigen Produktion, die die international gefeierte Choreografin, die ab dem kommenden Jahr zusammen mit Johannes Öhman das Berliner Staatsballett leiten wird, genau 25 Jahre nach ihrem ersten in Berlin entstandenen Stück im Radialsystem herausbringt.

Anfangs verteilen sich die Darsteller im großen, hohen, aufgeheizten Saal im Erdgeschoss des Kulturzentrums und im angrenzenden kleineren, kühleren Raum. Einige stehen in schmalen hohen Glaskästen, mit einem Spot von oben raffiniert beleuchtet, wie Statuen in einem abgedunkelten Museum: als seien sie die letzten ihrer hochzivilisierten Art. Die Zuschauer bewegen sich entsprechend andächtig um diese kostbaren Ausstellungsstücke herum, andere Tänzerinnen und Tänzer mischen sich unter sie. Eine setzt sich in einen mit Kreide gemalten Kreis auf den Boden, als sei es ihr letztes Refugium, eine andere zieht wie in einem surrealen Alptraum ein paar Schuhe hinter sich her, die an ihren nackten Fesseln festgebunden sind.

Selten aggressiv, meist positiv

Im Nebenraum, durch zwei schmale Durchgänge mit dem großen verbunden, hängt ein Tänzer in einem Gurt an einem Seil, von drei anderen wird er mit vereinten Kräften langsam hochgezogen, in Zeitlupe führt er Tanzbewegungen aus, kraftvoll, elegant. Dann wird er wieder herabgelassen, ein zweiter hängt sich an ihn dran, wie jemand, der aus dem Meer gerettet wird, wieder geht es nach oben. Wenn der Tänzer die Arme ausbreitet, hat man sofort ein Christusbild vor Augen. Die Soundinstallationen vom Soundwalk Collective - metallisches Dröhnen, Flugzeugmotoren - verstärken den Eindruck der Bedrohlichkeit.

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Performance von Sasha Waltz: Wer gibt die Richtung vor?

Und doch haben diese Miniaturszenen selten etwas Aggressives und scheinen immer einen positiven Ausgang zu haben - selbst dem Tänzer, dessen Kopf in einem dicken Seil feststeckt und der sich bei seinem verzweifelten Befreiungsversuch immer mehr verheddert, was von den anderen erstmal ungerührt mit dem Handy aufgenommen wird, kommt schließlich eine Tänzerin zu Hilfe. Später wird die ganze Truppe "Utopia, Utopia" rufen.

So ist denn auch das Tor, das vier von Sasha Waltz' "Guests" mit ihren Körpern bilden, eine durchlässige Grenze, für die anderen Tänzer wie für die Zuschauer, die hindurchgeleitet werden. Es ist der elegante Übergang zum zweiten Teil des Abends: vom Thema Flucht geht es nun zur Flucht aus dem Alltag.

Techno und Speed-Metal

Die Compagnie erobert sich mit hoher Energie den großen Saal, in wechselnden Gruppierungen stürmt sie diagonal durch den Raum, in der Sasha-Waltz-typischen Art bauen die Tänzer ihre Körperspannung auf, um sie dann wieder abrupt zusammenfallen zu lassen, zerlegen Bewegungsabläufe eckig in ihre Einzelelemente und tanzen ausgelassen zu Technoklängen (da dürfen dann auch die Zuschauer wieder mitmachen) und Speed-Metal. Zwischendurch erzählt die Performerin Charlotte Engelkes Altbekanntes über das soziale System der Bienenvölker und den Anfang der Schöpfungsgeschichte, bevor sie ein großer Glasquader, der über sie gehoben wird, verstummen lässt.

Das Seil taucht noch einmal auf, diesmal beim Tauziehen und Seilhüpfen, traditionelle Volkstänze werden zitiert, dann bewegen sich mehrere Tänzer gemeinsam in dem Glaskasten durch den Raum - spontane Assoziation: wer gibt die Richtung vor? - aber schon geht es weiter.

Ein Einfall jagt den nächsten, so dass man schon beim Zuschauen ganz atemlos wird, und über die absurd überdrehten Kostüme von Federico Polucci haben wir da noch gar nicht geredet: Er baut Kleidungsstücke ganz neu zusammen. Von einem Hemd bleiben bei ihm nur der Kragen und die Knopfleiste über einem schulterfreien Top, an eine Jogginghose hat er hinten einen halben Rock drangenäht, aus Sakkos baut er Abendkleider.

Bei so vielen Einfällen gerät die Idee des Abends ein bisschen aus dem Blickfeld - letzten Endes geht es der Choreografin aber wohl um die Beschwörung der Vision, dass Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg möglich ist.

Das führt sie zum Schluss auf den allerersten Anfang der Menschheit zurück: In einem mehr akrobatischen als tänzerischen Akt windet sich ein fast nacktes Paar durch ein Loch aus dem Glasquader heraus - Adam und Eva als Zwillingssteißgeburt. Dann spielt sie auf ihrem Handy ein Lied ab: den italienischen Schlager "Parole", zu deutsch "Worte".

Am Anfang war das Wort? Der Körper konnte schon vorher sprechen.


"Exodos". Weitere Vorstellungen am 24, 25. und 26.8. im Radialsystem Berlin.

Vom 15. bis 20.9. in der Jahrhunderthalle Bochum (im Rahmen der Ruhrtriennale)



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