Rock-Prediger Thees Uhlmann: "Ich empfinde körperliche Lust beim Texten"

Anne Backhaus

Am Abend tritt Thees Uhlmann beim "Auf den Dächern"-Festival von SPIEGEL ONLINE und tape.tv in Berlin auf. Vorher spricht der 39-Jährige im Interview über leidenschaftliches Reimen, Sozialromantik im Ruhrgebiet und normale Menschen mit guten Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Uhlmann, fassen Sie Ihr neues Album "#2" doch mal in einem Satz zusammen.

Uhlmann: Das Dümmste wäre zu sagen: Das ist das zweite Album von Thees Uhlmann. Schlauer wäre: Das ist die Platte eines Typen, der früher sehr viel über sich und die Liebe gesungen hat. Und der jetzt über das Ruhrgebiet, Cuxhaven, Wien und Krieg singt.

SPIEGEL ONLINE: Über Dinge, die wenig mit Ihnen persönlich zu tun haben.

Uhlmann: Genau. Mit 24 habe ich mich gut gefühlt. Das Problem war: Ich war arm und hatte keine Krankenversicherung. Da sorgt man sich und ist sehr ichbezogen. Mit 39 habe ich aber keine Angst mehr um meine Person. Thees Uhlmann ist Thees Uhlmann beim Songschreiben nicht mehr wichtig. Mich interessieren andere Dinge.

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Thees Uhlmann: Der Springsteen aus Niedersachsen
SPIEGEL ONLINE: Ein Kritiker monierte: Sie singen nicht mehr von Gefühlen, sondern erzählen Geschichten.

Uhlmann: Ich war mit Freunden jetzt zwei Jahre hintereinander auf einem Punk-Festival in Oberhausen. Gemüseladen, Reinigung, Drogeriemarkt und ein Schlachter - alles in einer Straße. Ein Jahr später: Leer, leer, leer, Automatencasino. Als wäre der Kapitalismus mit Ohrfeigen durch die Straße gefegt. Ich liebe das Ruhrgebiet. Die Gegend steckt im Strukturwandel, das klappt manchenorts ja auch. Andererseits: Leere Läden in Oberhausen - das berührt mein Herz, dahinter stecken Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Warum liegt Ihnen so viel am Ruhrgebiet?

Uhlmann: Wenn die Uhlmann-Familie früher in den Urlaub nach Süddeutschland gefahren ist, hat mein Vater die Route durchs Ruhrgebiet genommen und gesagt: Legt mal die Comics weg, schaut mal, dort wird ein Park gebaut und hier links stand früher eine Stahlfabrik. Die Leute im Ruhrgebiet müssen sehr darauf bedacht sein, zusammenzuhalten und freundlich zueinander zu sein, denn die Umstände sind schon hart genug. Es gibt da nicht dieses Klassendenken wie in Berlin. Nach dem Konzert geht's in die Kneipe, du unterhältst dich und alle sind gleich. Ich sage: Ich habe ein Konzert gespielt. Mein Gegenüber sagt: Ich bin arbeitslos.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Song "Weiße Knöchel" ist das Porträt eines treuen Sozialdemokraten von der Basis, der im Pott Straßenwahlkampf macht. Wie sind Sie darauf gekommen?

Uhlmann: Ich habe mich gefragt: Was ist das Unglamouröseste, was es im Moment gibt? Und das ist in der Fußgängerzone zu stehen und SPD-Wahlkampf zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Knöchel des SPD-Mannes in dem Lied weiß? Eine Wutfaust?

Uhlmann: Nein! Er hat Wahlkampf gemacht, er fährt nach Hause, er ist angespannt, er presst seine Hände ums Lenkrad. Er weiß um den Zustand der Sozialdemokratie und seines eigenen Lebens. Jeder hat ja den Traum vom Gewinnen, und jeder muss ihn irgendwann begraben: "Grün ist das Blatt auf dem dunklen Fluss / das Blatt wird schwimmen, weil es schwimmen muss." Wahlkampf, Arbeit, das Geld für die Familie zusammenkratzen. Das ist das Leben von vielen. Ich komme aus einer gut situierten Doppel-Lehrer-Mittelklassenfamilie. Aber ich habe genug andere Leute kennengelernt, dass ich mir einbilde, darüber singen zu können.

SPIEGEL ONLINE: In dem Song heißt es auch: "Hat er Dinge gesehen, die kein anderer gesehen hat, im Reihenhäuschen am Rande der Stadt." Was hat er gesehen?

Uhlmann: Das ist ja das Mysteriöse. Um halb eins auf der Reeperbahn siehst du Blut, Busen, Kotze, Betrunkene und Obdachlose. Aber die heftigsten und besten Geschichten gibt es auch im Reihenhaus, und jeder kennt sie: Die Frau wird geschlagen, der Kredit ist geplatzt, das Kind ist krank. Ich suche aber eher nach großen Momenten in vermeintlich kleinen Leben.

SPIEGEL ONLINE: Klingt verdächtig nach Sozialromantik.

Uhlmann: Das ist der Uhlmann-Glaube an den Motor der Menschheit. Der Mensch wird immer zu mehr Demokratie streben, immer zu mehr Liberalität streben, immer zu mehr Aufklärung streben, sich nach dem Glück sehnen. Und wenn das Glück nur bedeutet, zwei Mahlzeiten am Tag zu haben und abends die "Simpsons" zu gucken.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Text oder Satz gefällt Ihnen selbst am besten vom neuen Album?

Uhlmann: In "Kaffee & Wein" gibt es die Zeile "Kannst nicht bleiben, musst immer reisen, wir haben einen exzellenten Ruf zu verlieren, in schlechten Kreisen". Ich bin seit 20 Jahren St.-Pauli-Fan, habe jetzt aber ein paar HSVer kennengelernt. Manchmal sitze ich mit dem einen am Tresen, und wir denken: "Hoffentlich sieht uns jetzt keiner!" Wie Romeo und Julia. Ich hänge also mit so einem HSVer rum. Plötzlich sagt einer: Das Einzige, was ich meinen Kindern zu vererben habe, ist ein guter Ruf in schlechten Kreisen. Da war nur noch die Frage, klaue ich das oder erzähle ich die Geschichte. Und es geht immer um die Geschichte. Die normalsten Leute haben die besten Geschichten. Man muss normal sein, um auf so einen Satz zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Oder Künstler.

Uhlmann: Ich begreife mich als Arbeiter, weniger als Künstler. Ich empfinde beim Texten körperliche Lust: Reimen bis man eine Endversion hat. Wenn Tischler im Wald spazieren gehen, sagen die vielleicht: Aus dem Baum könnte man einen schönen Tisch machen! Und so gehe ich durch die Gegend auf der Suche nach einem Satz, der mir etwas bedeutet, den ich singen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Betrachten Sie sich wirklich als einfachen Arbeiter? Sie haben sich doch völlig frei für die Musik entschieden.

Uhlmann: Das habe ich. Auf jeden Fall.

SPIEGEL ONLINE: Eben. Und welcher einfache Arbeiter kann das von seinem Job sagen?

Uhlmann: Arbeit und Selbstermächtigung schließen sich nicht aus. In Deutschland heißt es oft: Du bist ja Künstler, du hast mit dem normalen Leben nichts zu tun. Den Leuten vom ZDF-"Morgenmagazin" musste ich kürzlich erklären, dass es kein Problem für mich ist, um halb sechs aufzustehen. Ich möchte ernst genommen werden. Und ich finde, dass Rockkultur eine größere Rolle im gesellschaftlichen Diskurs spielen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Uhlmann: Man hat mir ja gesagt, dass es sich nicht verkauft, wenn ich "Rock" sage: Aber mein Antrieb kommt nun mal aus der Bruce-Springsteen-Welt. Mir ist bewusst, dass SPD-Wahlkämpfer, die auf dem Ruhrschnellweg im Stau stehen, lieber David Guetta hören oder Frida Gold. Aber vielleicht ist da auch einer, der denkt: "Mensch, meine Alte macht mit mir Schluss! Alles geht kaputt! " Und wenn er will, hat er jetzt seinen eigenen Song, kann sich aufgehoben fühlen. Das ist ein Rock-Moment, kein Pop-Moment. Pop ist: Okay, alles ist scheiße. Aber heute Abend gehen wir in die Disco! Rock bedeutet: Okay, alles ist scheiße, aber in diesem Song ist Redemption!

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrem letzten Album haben Sie Ihre dörfliche Herkunft besungen. Ist die Verklärung der deutschen Provinz und der eigenen Kindheit auch ein Rock-Moment?

Uhlmann: Alter, wir alle sterben irgendwann! Natürlich singe ich über früher! Das befehlen mir meine Gene. Zum Verklären war ich noch nie der Typ. Aber heute zählt nur das Urbane, alle ziehen nach Berlin. Deswegen wollte ich übers Dorf singen.

Das Interview führte Thorsten Dörting.

Thees Uhlmann spielt heute um 18.50 Uhr beim "Auf den Dächern" -Festival von SPIEGEL ONLINE und tape.tv.

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1. najja,
neu_ab 08.09.2013
im Ausland würde man von "Emos" reden, die in ein für dieses Metier unpassendes Alter gekommen sind. Aber wer auf verschwurbelte Texte von Soziologiestudiumabbrechern abfährt, dürfte dort genau richtig sein.
2.
kugelsicher 08.09.2013
Zitat von neu_abim Ausland würde man von "Emos" reden, die in ein für dieses Metier unpassendes Alter gekommen sind. Aber wer auf verschwurbelte Texte von Soziologiestudiumabbrechern abfährt, dürfte dort genau richtig sein.
Für sie ist das wohl alles "entartete Kunst"? Und mal für die Anderen, die sich vielleicht noch keine endgültige Meinung über ihn gebildet haben. Große Nummer: Tomte - Der letzte große Wal - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=8OdIfvv8lXQ)
3. Sorry, Thees ...
Tom Joad 08.09.2013
... aber ich empfinde beim Hören deiner Texte körperliches Unbehagen. Früher hat man noch gesagt: "Hier wird nicht rumgejammert". Gerade das scheint nun in Mode zu sein.
4. Schlechter Sex?
MitKohlensäure 08.09.2013
nun, wenn seine Frau genauso viel "Glück" in den Gemächern erfährt, wie der Hörer seiner Musik (als Resultat seiner Lust), dann empfinde ich doch eine Art Mitleid mit ihr... ;)
5. Let there be Rock
fettebeute 08.09.2013
Thees Uhlmann ist in meinen Augen ein begnadeter Sänger, bei dem, trotz kommerziellem Erfolg (der er verdient), eine klare Entwicklung in seiner Musik zu erkennen ist. Sowas mag ich.
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