Star-Trompeter Till Brönner: "Jazz ist eine Sprache, die jeder lernen kann"

Zurück in die Siebziger: Auf seinem neuen Album gibt sich Till Brönner als Retrojazz-Purist. SPIEGEL ONLINE befragt den Star-Trompeter zu Pop-Ausflügen, Image-Problemen und Castingshow-Experimenten.

Till Brönner: Der Pop-Star unter den Jazz-Musikern Fotos
Andreas H. Bitesnich/ Universal Music

SPIEGEL ONLINE: Herr Brönner, Ihre neue Platte ist eine Reminiszenz an den legendären Jazz-Produzenten Creed Taylor und sein Label CTI. Sie ist deutlich jazziger als frühere Alben von Ihnen. Glauben Sie, Sie verprellen damit das Publikum, das den poppigen Brönner liebt?

Brönner: Wenn man damit eine kommerzielle Erwartung verbindet, vielleicht. Wenn man nicht vorhersehbar ist, wird man immer Leute verprellen. Aber ich habe Lust, mich immer wieder auf andere Gleise zu begeben. Wenn am Ende etwas herauskommt, was mir gefällt, nehm ich in Kauf, dass Leute enttäuscht sind. Ich will nicht zu den Künstlern gehören, bei denen man schon heute weiß, wie die nächsten drei Platten klingen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Image ist das des smarten Jazz-Boys, der Trompete für ein Massenpublikum spielt und dabei noch treuherzig wie Chet Baker singt.

Brönner: Ich habe eins festgestellt: Wer sich in den letzten Jahren nicht mit den Klischees über mich, sondern wirklich mit ein oder zwei Alben von mir auseinandergesetzt hat, erwartet geradezu mal was anderes. Ich bekomme Zuschriften, habe eine Facebook-Seite oder führe direkte Gespräche. Erwartungen beinhalten natürlich auch Enttäuschungen. Aber wenn man für jemanden zu den Lieblingskünstlern gehört, verzeiht derjenige auch Alben, die ihm nicht so gefallen. Diese Treue sollte man freilich nicht ausnutzen. Das Publikum nimmt sehr stark Anteil an der Entwicklung eines Künstlers und hat auch Verständnis, warum ein Künstler gerade das oder jenes macht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nehmen Sie sich auf dem Album gerade jener Epoche des Jazz an, die Anfang der siebziger Jahre begann und Ende der siebziger Jahre mit der Pleite von CTI schon wieder vorbei war? Sind Sie auf dem Retro-Trip?

Brönner: Nein, aber ich bin genau in dieser Zeit geboren. Vieles aus dieser Ära sehe ich heute wieder, die Musik ist mir sehr nah, nachdem ich sie analysiert habe. CTI-Künstler wie Freddie Hubbard, Stanley Turrentine oder George Benson waren hochbegabte Individualisten, die nicht gebeten wurden anders zu spielen, damit es kommerziell besser verwertbar ist. Die haben genauso gut gespielt wie auf jeder anderen Platte auch. Danach übernahm der Produzent, und es kamen kleine Beigaben wie Streicher hinzu. Das gefällt mir und machte auch damals eine neue Türe auf. Diese Alben zelebrieren ein Lebensgefühl, eine Virtuosität, und ja, auch ein perfektes Handwerk. Ich bin einfach Fan dieser Produktionen.

SPIEGEL ONLINE: Garnieren Sie die neue Platte deshalb mit Streichern? Das hat sie gar nicht nötig.

Brönner: Ich garniere nicht üppig, ich lasse sie bei einigen Titeln lediglich mal kurz aufblitzen und dann wieder verschwinden. Das ist wahrer Luxus: Vom Luxus nur ganz wenig Gebrauch zu machen. Ein ganzes Orchester zu engagieren und es nur vier oder acht Takte spielen zu lassen. Das macht mir Spaß und ist Teil der beschriebenen Ästhetik. Doof wird es, wenn man nur gefällig spielt und dann noch Streicher drauf packt. Streicher dürfen einen Bruch bedeuten, sie sollen auch mal grotesk wirken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie daran gedacht, für das Album mit dem inzwischen 83-jährigen Creed Taylor zusammenzuarbeiten?

Brönner: Ja, es wäre fast dazu gekommen, allerdings nicht für dieses Album. Taylor weiß, was ich mache und wollte vor ein paar Jahren mal eine CTI-Band auf Tour schicken, in der ich neben einigen alten Recken wie Ron Carter oder Steve Gadd Trompete spielen sollte. Aber die Band wurde zu teuer, und die Festivalmacher haben abgewunken.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

SPIEGEL ONLINE: Und heute? Haben Sie es noch mal versucht?

Brönner: Ich habe kurz daran gedacht und mich dann dagegen entschieden. Es wären zwangsläufig sofort die Vergleiche gekommen. Wie klingt das Original, wie klingt Brönners Version? Das wollte ich nicht. So sind doch viele neue Eigenkompositionen herausgekommen, die sich an die Zeit anlehnen, sie aber nicht kopieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Mitmusiker ausgewählt? Leute wie der Saxophonist Magnus Lindgren, der Keyboarder Roberto Di Gioa oder Matteo Scrimali am Schlagzeug sind ja eher Geheimtipps.

Brönner: Es ging mir bewusst nicht darum, Musiker auszuwählen, um mich hinterher zu brüsten, mit ihnen gespielt zu haben. Ich wollte die, mit denen ich am freiesten spielen kann und mich nicht darum kümmern muss, ob sich dieser oder jener Kollege aus New Jersey nun gerade wohl fühlt in Germany.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst vor der Divenhaftigkeit der Amerikaner?

Brönner: Es gibt diese Diven. Wer viel mit Amerikanern gespielt hat, weiß, wovon ich spreche. Kurioserweise nimmt der Grad schlechten Benehmens ab, je besser die Musiker sind. Als ich meine erste Platte mit dem Bassisten Ray Brown gemacht habe, schlotterten mir die Knie. Aber exakt nur zehn Minuten. Der Typ hat es geschafft, mich komplett zu relaxen und das Beste aus mir herauszuholen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie mit der Band und der Platte auch auf Tour?

Brönner: Ja, vor allem in Deutschland, hier ist nach wie vor mein Hauptpublikum. Wir machen eine Clubtour in kleinen Locations, in denen man gut ausprobieren kann, ob sich die Energie auf die Leute übertragen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat es deutscher oder europäischer Jazz international so schwer?

Brönner: Ich bin mir da gar nicht so sicher. Es hat doch einen Grund, warum Amerikaner bei jeder passenden Gelegenheit ihr Land verlassen, wenn Sie Jazz spielen wollen. Seit den fünfziger Jahren kommt das große Feedback auf Jazz aus Europa. Es gibt hier einen guten Nährboden und viel Kultur. Ich glaube nicht, dass man von den wenigen bezuschussten Jazzfestivals Rückschlüsse darauf ziehen sollte, wie groß der Respekt für amerikanische Jazzmusiker hier in Europa ist. Jazz ist viel mehr als nur eine amerikanische Musik.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Jazz dann?

Brönner: Jazz ist eine Sprache, die jeder lernen kann. Mit welchem Akzent man sie spricht, bleibt jedem selbst überlassen. Europäischer Jazz ist in Europa auch sehr erfolgreich. Deutscher Jazz hingegen hat es nicht immer leicht. Das liegt sicher an unserer nicht unproblematischen Geschichte, aber auch an unserer eigenen Mentalität. Wir trauen uns nicht unsere eigenen Musiker stolz zu präsentieren, verweisen immer auf das Ausland, sehr gerne übrigens nach Skandinavien. Wer soll einen deutschen Jazzmusiker im Ausland schon ernst nehmen, wenn er nicht einmal in seiner Heimat Anerkennung genießt? In Japan, Italien oder Frankreich sind die beliebtesten Jazzmusiker die jeweils nationalen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beobachten Sie die Jazzszene? Sind Sie Plattensammler?

Brönner: Ja, aber ich habe nicht die Zeit, die ich eigentlich bräuchte, um mich mit den alten Vinyl-Sachen auseinanderzusetzen. Ich halte es aber für eine ungeheure Errungenschaft, innerhalb von Sekunden im Internet die unglaublichsten Raritäten zu finden. Was habe ich mir früher alles für VHS-Kassetten überspielen lassen und Bekannte aktiviert, um mir bestimmte Aufnahmen zu beschaffen!? Leider lassen es heute meine Studenten an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden häufig an dieser Neugier vermissen, weil alles und immer verfügbar ist. Seit dem Wintersemester 2009/2010 unterrichte ich dort zusammen mit Malte Burba Jazz, Rock und Pop. In Bezug auf die pädagogische Situation haben wir Idealbedingungen, aber der Hunger von einst scheint leider nicht mehr da zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Eine Frage noch zu Ihren Auftritten bei Vox in der Castingshow "X-Factor"...

Brönner: ...ich bin doch da nach zwei Staffeln ausgestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Ja, dennoch die Frage: Musste das sein?

Brönner: Ich durfte da machen, was ich wollte. Ich musste kein Skript ablesen und keine blöden Sprüche klopfen. Es war damals unter den ganzen Castingshows für mich inhaltlich die beste. Es ging um die Musik und um sonst nichts. Aber ich habe nach zwei Staffeln gemerkt, dass es genügt und dass es nur eine von vielen Episoden in meinem Leben war. Andere müssen sich an solche Formate klammern, weil sie sonst nichts haben. Ich konnte mir die Freiheit nehmen, auszusteigen und wieder meine Musik zu spielen. Die fehlte mir schlicht.

Das Interview führte Janko Tietz

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1. Deutscherrrr Jazz
bikenstrings 26.11.2012
Zitat Brönner: "Deutscher Jazz hingegen hat es nicht immer leicht." Ja. Deswegen mal hier klicken: Responding Spirits Part One: Amazon.de: Musik (http://www.amazon.de/Responding-Spirits-Part-One-michael-zeller-band/dp/B000RA8SYI/ref=pd_rhf_p_img_2)
2. Jaja der Herr Brönner
wolbek 27.11.2012
Man könnte jetzt viel über die lächerlichen Gesangsversuche, die eingeübten Trompetensoli, schleimige Interviews, den zweifelhaften Creed Taylor etc sagen, aber um es mit einem Satz zu sagen: Till Brönner ist der Till Schweiger des Jazz.
3. Unsympath
retronade 27.11.2012
"Sind Sie Plattensammler?" - "meine Studenten an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden [..] Seit dem Wintersemester 2009/2010 unterrichte ich dort" "Musste (X-Factor) sein?" - "Andere müssen sich an solche Formate klammern, weil sie sonst nichts haben." Schade! Ich würde einen "sophisticated", sympathischen Jazzer aus Deutschland begrüßen. Aber immer, wenn Herr Brönner (der obigen optisch ja durchaus gibt) den Mund aufmacht, zeigt sich, dass er dieser nicht sein kann...
4. optional
secret77 27.11.2012
"...Andere müssen sich an solche Formate klammern, weil sie sonst nichts haben." Ist doch prima, wenn man sich aufgrund Promi Bonus so schön arrogant in die eigene Trompetentasche lügen kann! "Ich konnte mir die Freiheit nehmen, auszusteigen und wieder meine Musik zu spielen. ..." Wärst du doch in der Casting Show geblieben und hättest aufgehört Dudeljazz zu machen. Die ganze Masche ist gleich Dieter Nuhr oder Mario Barth, jetzt mal auf Pseudo CTI zu machen reissts auch nicht mehr raus. Zu 90 % ist Jazz (ähnlich wie bei der aktuellen Klassik) einfach herz- und hirnlose Rotze für Leute die zu faul oder doof sind, nach wirklich schönen Aufnahmen zu suchen. Tschuldigung, wenn ich hier mal so abgehe, aber bei dieser Dauervergewaltigung von Musik im Namen des "guten" Geschmacks bin ich immer mehr davon überzeugt, dass nicht jeder Musik machen sollen dürfte.
5. optional
secret77 27.11.2012
Kann es sein, dass der Brönner das peinlichste Interview, das ich seit langem gelesen habe, gegeben hat? "SPIEGEL ONLINE: Garnieren Sie die neue Platte deshalb mit Streichern? ... " "Ich garniere nicht üppig, ich lasse sie bei einigen Titeln lediglich mal kurz aufblitzen und dann wieder verschwinden. Das ist wahrer Luxus: Vom Luxus nur ganz wenig Gebrauch zu machen. Ein ganzes Orchester zu engagieren und es nur vier oder acht Takte spielen zu lassen...." Wow, so cool kann sinnlos Geldraushauen sein ! is ja irre! "..Doof wird es, wenn man nur gefällig spielt und dann noch Streicher drauf packt." Äähhh ..... jaaaaa......finde ich auch .... warum machst du genau das dann und das ganze wird auch noch veröffentlicht? " ...Streicher dürfen einen Bruch bedeuten, sie sollen auch mal grotesk wirken...." Das einzig Groteske hier sind Brönners Aussagen in diesem Interview, dafür aber so geballt, dass das auch fast schon wieder Jazz ist. So ein unfreiwillliger Jandl Jazz. DANKE SPON, das war echt mal lustig !!
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Zur Person
Til Brönner, geboren 1971, ist der wahrscheinlich bekannteste Jazz-Musiker Deutschlands. Er absolvierte eine klassische Trompetenausbildung sowie ein Studium der Jazztrompete an der Musikhochschule Köln. 1998 erschien sein Debütalbum "Love", seitdem hat er an verschiedenen Produktion - u.a. mit Hildegard Knef und Snoop Doogy Dog - mitgewirkt und immer wieder Solomaterial veröffentlicht. Er ist dreifacher Echo-Gewinner und wurde auch mit dem Grammy ausgezeichnet. Mit "Till Brönner" erscheint am 30. November sein neuestes Album