Tocotronic besingen die Kindheit Tocs'R'Us

Es leuchtet im Dunkeln: Das neue Album von Tocotronic ist wie ein nostalgisches Spielzeug - erzählt aber auch von den Abgründen der Jugend.

Michael Petersohn/ Universal Music

"Ich treibe weiter, seit ich noch ein Kind war, und es dauert an" sind die ersten Zeilen auf "Die Unendlichkeit". Und weiter: "Ich will mich verändern, doch wie fang ich's an?" Das zwölfte Tocotronic-Album blickt in großen Strecken zurück, erzählt die Autobiografie des Sängers und Songschreibers Dirk von Lowtzow.

Während andere Hamburger Bands wie Die Sterne, Die Goldenen Zitronen, Blumfeld oder Tomte ihre Sänger fast immer zu Beginn der zweiten Lebenshälfte zum Buchschreiben über die Jugend, den Tod, oder den Umzug nach Berlin ausgesondert haben, halten Tocotronic - immer schon die Klügsten ihrer Kohorte - an sich, und lassen von Lowtzow ein Album über all diese Themen schreiben. "Die Unendlichkeit", das ist ein Pop-Roman, lektoriert von den anderen Bandmitgliedern Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail.

Und dieser Pop-Roman hat alles, was dazugehört: eine klare Sprache, eine weitestgehend apolitische Erzählfigur auf der Suche nach der eigenen Identität, etliche E- und U-Kultur-Referenzen (Irmgard Keun! Oscar Wilde! Jimi Hendrix! "Toy Story"!). Was ernst klingt, ist im Grunde unendlich verspielt.

Das Cover ist ein Universum, dessen Sterne in der Dunkelheit fluoreszieren, wie die Dinosauriersticker, die Dirk von Lowtzow als Kind am Bett kleben hatte. Musikalisch beginnt dann alles mit einer E-Klavier-lastigen Space-Opera, die nach dem Stichwort "Zärtlichkeit" jede Schwerelosigkeit verliert, und unter Synthie-Blitzen in einem dunklen Sog hinunterzieht.

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Es grollt, wie nie zuvor ein Tocotronic-Song gegrollt hat: "In die Endlichkeit, und noch viel weiter" - Dirk von Lowtzow gibt den Buzz Lightyear der Liebe, zerlegt sich im Folgenden dann aber wie eine Lego-Figur. Jedes Lied ist ein biografischer Baustein. Die Band macht aber keine Unordnung im Spielzimmer, sie sortiert die Songs chronologisch. Eine Idee, auf die sie ihr Produzent Moses Schneider gebracht hat.

"Als Dirk anfing, Texte zu schreiben, waren gar nicht alle autobiografisch", sagt Jan Müller. "Aber es schälte sich dann aus einem Kanon von über 20 Liedern heraus, dass es dieses Mal zwingend ist, diesen Weg zu gehen." Es sei ein ungeheuer persönliches Album, man habe aber darauf geachtet, darin "nicht distanzlos, belästigend oder gar pornographisch zu sein".

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Tocotronic:
Die Unendlichkeit

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"Tapfer und Grausam" erzählt mit helleren Tastentönen von der Kindheit und den frühen Siebzigern. Die zweite Single "Electric Guitar" malt die frühen Achtziger aus, erzählt unter Zanks wildesten Trommelwirbeln von der Entdeckung der Musik, der E-Gitarre als Waffe gegen die "Manic Depression im Elternhaus".

Von den späteren Achtzigern handelt "Hey Du": Von Lowtzow singt merklich höher, er sagt, das war nicht beabsichtigt, erst später sei aufgefallen, dass er "um Jahre verjüngt klinge". Für den Hörer wirkt der Song wie ein Kinderspielzeug, ein Fühlbuch. Legen wir also nochmal die Hand auf die K.O.O.K-Ära und spüren nach, wie das war, in den Schulen und Kleinstädten, damals, als wir für unser durch Kleidung und Musikgeschmack ausgedrücktes Anderssein verachtet wurden. Denn Tocotronic, das waren ja immer auch wir: Tocs'R'Us. "1993" hat einen ähnlichen Effekt. Es war das Jahr, in dem von Lowtzow in die Welt aufbrach. Nach Hamburg. Und mit Müller und Zank zur Band wurde.

Insgesamt drei von zwölf Songs widmen sich also dem guten alten Freiburg-Topos, dem Ausbruch aus der "Schwarzwaldhölle". Erst kurz vor Schluss der regulären Album-Ausgabe landet die Band mit "Ausgerechnet du hast mich gerettet" in den Nullerjahren. Das Lied ist eine Liebeserklärung an Berlin, die Stadt und das "Biest", das von Lowtzow mütterlich liebend "zugedeckt hat".

Musikalisch sticht vor allem das orchestrale "Unwiederbringlich" heraus. Es ist nach "Gott sei Dank, haben wir beide uns gehabt" (1995) und "17" (1999) das dritte Lied für den früh verstorbenen ersten Tourmanger der Band. Es klingt wie ein Waldspaziergang, da sind Klanghölzer, eine Klarinette - oder doch ein zart flötender Vogel? Der Tod ist mystisch, dabei aber so alltäglich wie ein Piepmatz auf dem Baum.

Ein Album wie ein Spielzeug

Das Lied aus der Gegenwart heißt "Ich würd's dir sagen". Es ist das Uneindeutigste der Platte. Von Lowtzow mag es als "eine Art dunkles Kinderlied" verstanden wissen, "in dem es um Liebe, Begehren, Verlassenwerden und den Tod geht", sagt er. Es finde nachts statt, "in einer Phase, in der man nicht weiß, ob man wacht oder schläft". Direkt darauf folgt "Mein Morgen" über eine Zukunft, die zu zweit bestritten werden soll. Sie endet im "weißen Licht", und was dann kommt ist klar, die Auslöschung: "Alles was ich geschrieben habe, wird jetzt ausradiert."

Im Refrain des Schlussstücks gibt es dann endlich einen Slogan für das Schlamperetui. "Alles was ich immer wollte, war alles/Alles was ich immer hatte, warst du." Es ist ein Lied, das einem kribbelnd den Rücken runterläuft. Man sieht Stadien voller Menschen vor sich, die sich in den Armen liegen und mitsingen. Denn es ist nun mal so: Nicht die Abgrenzung, sondern nur die Zugehörigkeit, die Liebe kann einen retten.

"Die Unendlichkeit" ist Spielspaß für den, der mit der Band aufgewachsen ist. Aber Vorsicht. Irgendwann beim Abtasten dieser nachts funkelnden Nostalgie tut sich ein Horror der Erkenntnis auf: Auch unsere Biografie des Andersseins wird nicht unendlich sein.



insgesamt 2 Beiträge
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Markus_ 23.01.2018
1. Ich freue mich!
Bin Tocotronic Fan der ersten Stunde, die meisten Alben fand ich super, manche etwas sperriger, aber trotzdem ist dieser Freitag ein Glückstag, da das neue Album erscheint. Und der Artikel liest sich vielversprechend, auch wenn ich die letzten beiden Alben auf die komplette Länge nicht zu den besten Tocotronic Alben zählen würde. Meine Highlights sind bisher "Kapitulation", "Schall und Wahn" und das "Weiße Album". Sagte ich schon, dass ich mich auf Freitag freue?
Max Dralle 23.01.2018
2.
Warum Tocotronic jetzt ihren Mitschülern aus der sogenannten Hamburger Schule "schon immer" intellektuell überlegen gewesen sein sollen, erschließt sich mir nicht ganz. Ich wüsste noch nicht einmal, welche Kriterien man da anlegen müsste, das zu bemessen. In diesem Punkt hätte die Autorin vielleicht ein wenig Erklärungsarbeit leisten sollen.
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