Todestag des Queen-Sängers "Freddie Mercury hätte heute Fundamentalisten am Hals"

Die Forschung entdeckt Freddie Mercury - 20 Jahre nach seinem Tod. Im Interview erklärt der Musikwissenschaftler Hartmut Fladt, warum die Band Queen so wichtig ist wie die Beatles - und warum ihr Hit "Bohemian Rhapsody" heute mehr provoziert als in den Siebzigern.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Fladt, viele halten Freddie Mercurys "Bohemian Rhapsody" von 1975 für eine gelungene Opernparodie. Sie auch?

Fladt: Ganz und gar nicht. Die "Bohemian Rhapsody" ist eine glühende Liebeserklärung an die Oper. Denken Sie nur an den Anfangsteil. Da singt Freddie: "Mama, just killed a man, put a gun against his head, pulled my trigger, now he's dead." Anschließend sagt er ihr "Lebewohl". Das ist eine Hommage an die Oper "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni. Im Finale der Oper gibt es eine ähnliche "Mama"-Arie. Da wird dann der Sänger selbst aus Eifersucht erstochen. Bei Mercury wird aus dem Messer eine Pistole, aber ansonsten erinnert das sehr an die "Cavalleria rusticana". Die hat Freddie auf jeden Fall gekannt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht Mercury mit dem Vorbild um?

Fladt: Typisch für Mercury ist, wie er bei einem ernsten Thema stets eine ironische Distanz wahrt. Eigentlich geht es ja um große Helden, aber wenn's ans Sterben geht, dann rufen sie "Mama!". Auch die wunderschöne Anfangsmelodie steht in der italienischen Operntradition. Solche Melodietypen heißen "Melodia lunga", die lange, gezogene Melodie, wie man sie beim frühen Verdi findet. Das Ganze ist eine Liebeserklärung an die Oper des späten 19. Jahrhunderts, die aber eben mit Mitteln des 20. Jahrhunderts raffiniert inszeniert wird. Das Lied ist ein sehr intelligentes Stück postmoderner Pop-Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Welche modernen kompositorischen Mittel setzt Mercury ein?

Fladt: Vor allem die Schnitttechnik, die eigentlich aus dem Film kommt. Es ist bei der "Bohemian Rhapsody" nicht mehr so wie bei Verdi und wie bei Mascagni, dass die großen Arien nur vorgetragen werden. Bei Mercury folgt ein Schnitt rasant auf den anderen, und plötzlich fliegt man aus der Kurve, aber man fliegt bei ihm sehr angenehm aus der Kurve. Das wird vor allem in dem großen Chor-Mittelteil hörbar, der mit seinen kommentierenden Chören schon für sich allein eine wunderbare Opernszene ist. Grundsätzlich handelt es sich bei dieser Schnitttechnik um eine Verfremdungsästhetik, die Freddie von Bertolt Brecht übernommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ziel?

Fladt: So eine Verfremdungstechnik soll bewirken, dass man sich nicht nur einfach einfühlen kann, sondern dass man ständig aufmerksam sein muss und überrascht wird. Im 20. Jahrhundert haben Kurt Weill und insbesondere Igor Strawinsky solche Montagetechniken vorgemacht. All das hat Freddie gekannt. Stücke wie Strawinskis "Le Sacre du printemps" hat er ganz sicher gehört. Um zu verstehen, wie es gemeint ist, musste Freddie sie nicht analysiert haben. Er hat es schon durchs Hören intuitiv zum Teil seiner eigenen musikalischen Sprache gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Mercury hat sich offensichtlich gerne aus der Musikgeschichte bedient. Wie weit hat er den Bogen musikalischer Inspiration gespannt?

Fladt: Sein Einflussspektrum ist unendlich groß. Das fängt bei der Commedia dell'arte des 17. Jahrhunderts an, geht über die Oper des 19. Jahrhunderts bis zu Blues- und Rock-Einflüssen seiner Zeit. Auch der Einfluss der Beatles ist außerordentlich groß. Die haben schon ein paar Jahre vor der "Bohemian Rhapsody" vorgemacht, was sich mit kreativen Schnitttechniken bewirken lässt. "Sgt. Pepper" war live nicht mehr aufführbar. Die "Bohemian Rhapsody" auch nicht. Sie ist ein ebenso kompliziertes, unglaublich innovatives Studioprodukt. Für mich steht es auf der gleichen Stufe wie "Sgt. Pepper".

SPIEGEL ONLINE: Inhaltlich war der Opernfan Mercury aber doch viel verträumter als etwa ein sarkastischer John Lennon?

Fladt: Auch Mercury liebte es, auf subtile Art anzuecken. Im Chorteil seiner "Rhapsodie" steckt eine große Provokation, die oft gar nicht richtig wahrgenommen wird: Dort zitiert er ungeniert den Anfang des Korans, wenn er "Bismillah!" ("Im Namen Gottes") singt. Gleich danach heißt es: "Der Belzebub hat einen Teufel für mich bereitgestellt." Wenn das heute jemand so singen würde, hätte er Kohorten von Fundamentalisten am Hals.

SPIEGEL ONLINE: Was zeichnet für Sie 20 Jahre nach seinem Tod den Komponisten Freddie Mercury am meisten aus?

Fladt: Am Faszinierendsten finde ich seine Fähigkeit zur Grenzüberschreitung. Es hat ihm nie gereicht, einfach nur bestimmte Moden nachzumachen, sondern er wollte sehen: Was lässt sich von den Moden produktiv verwenden? Was kann ich aus bestimmten Modeerscheinungen so mit anderen konfrontieren, dass daraus eine unglaublich attraktive Kunst wird? Deswegen prallen in seinen Werken auch immer wieder so viele Gegensätze aufeinander. Denken Sie etwa an sein Lied "Somebody to Love": Das klingt zunächst mit seinem Vorsänger-und-Chor-Schema frappierend wie ein Gospel.

SPIEGEL ONLINE: Ist dann aber doch keine klassische Gospelnummer.

Fladt: Mercury unterlegt diesen Gospel mit einem irisch-inspirierten Sechs-Achtel-Takt und variiert darin auch noch die Rhythmen mit Drei- und Fünftakt-Elementen. Das würde im echten Gospel so nie vorkommen. Das Raffinierte daran ist: Man kann immer noch mitsingen. Die Taktwechsel und Asymmetrien verunsichern zwar irgendwie. Diese Verunsicherung ist aber produktiv: Freddie spielt mit der Hör-Erwartung "Symmetrie", der Erfüllung der Hör-Erwartung "Symmetrie" - und gleichzeitig überschreitet er diese Hör-Erwartung, hin zu Asymmetrien. Für ihn ist das Aufeinanderprallen der produktiven Widersprüche das Entscheidende. Das macht Freddie Mercury zu einem Künstler und eben nicht nur zu einem "Pop-Artisten".

SPIEGEL ONLINE: Er war aber nicht nur ein herausragender Musiker, sondern auch eine echte Rampensau.

Fladt: Er war einfach eine ganz große Ausnahmeerscheinung. Sowohl was die Performance auf der Bühne als auch was seine Kreativität als Künstler betrifft. Seine große künstlerische Vielfalt ist nicht nur musikalisch. Er kannte sich ebenso in der Theatergeschichte aus, und er war bildender Künstler, wie übrigens ganz viele aus dem Rock- und Pop-Bereich. David Bowie zum Beispiel, und Udo Lindenberg hat auch eine Grafikausbildung. Solche Leute haben oft diesen Hang zur Selbstinszenierung und zu dem, was man in der Theatergeschichte eine "Persona" nennt, also die Maskenhaftigkeit. Das ist bei David Bowie genauso wie bei Freddie Mercury. Sie können ihre Maske ändern, und trotzdem bleibt es unverkennbar Bowie, unverkennbar Freddie Mercury.

Hinweis der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Interviews verwendete Hartmut Fladt ein Zitat aus der Oper "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni - allerdings nur sinngemäss. In der Transkription des Gesprächs erscheint es als wörtliches Zitat, was zu Missverständnissen führen kann. Deshalb haben wir das Zitat entfernt.

Das Interview führte Tarik Ahmia



insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
alexunterwegs 24.11.2011
1. mehr von fladt...
....seine intelligenten und lesenswerten abhandlungen lohnen sich !
alexbln 24.11.2011
2. .
ach queen und mercury -das waren noch zeiten!! und zeitlose klassiker. R.I.P.
cücü 24.11.2011
3. bitte
mehr solche Artikel anstatt der 5-Mal am Tag wiederholten, selten tiefgreifenden Wirtschaft-Ab / Wirtschaft-Auf Geschichten mit Bildtauglichen Titeln, die Sie in letzter Zeit leider als Qualitaetsmedium mehr oder minder diskreditiert hat. Ich moechte, wenn ich an Spiegel denke, an dieses intellektuelles Level denken. Leider ist es ueber die letzten Jahre selten geworden.
BurtCocain 24.11.2011
4. Um das zu erreichen
hatte er halt auch seine Lebenskerze von beiden Seiten gleichzeitig angezündet wie er mal gesagt hatte!
bolonch 24.11.2011
5. Schade ...
... dass der Artikel so kurz ist.
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