Aus Los Angeles berichtet Ullrich Fichtner
Delgado verarbeitet wunderbare Zypernzedern und das rotbraune Holz des afrikanischen Laubbaums Grenadill. In der Werkstatt stehen Platten feinster Fichte aus Italien und Scheiben vom amerikanischen Rotholz, Palisander und Rosenhölzer aus Indien und Brasilien. Frische Bretter, sagt Delgado, müssen sechs Jahre lang lagern und reifen, um als Material für eine gute Gitarre zu taugen, denn sie dürfen, einmal verbaut, keinesfalls mehr "arbeiten".
Auf dem Hinterhof an der Cesar Chavez Avenue stehen Container für die lange Lagerung, aber im Lauf der Jahre lässt Delgado das klingende Holz durch die Räume seines Hauses wandern, vom Feuchten zum Trockenen, es klingt nach einer Geheimwissenschaft, die nirgends gelehrt, sondern nur von den Wissenden weitergereicht wird, von Vätern zu Söhnen. "Es ist eine Ehre, diese Gitarren zu bauen", sagt Delgado der Jüngere, "aber, ganz ehrlich: Ich repariere auch Zehn-Dollar-Gitarren, wenn ich merke, dass der Kunde an ihnen hängt. Aber sagen Sie's nicht meiner Frau..."
Arme Musikanten gibt es in der Nachbarschaft in Scharen, East L.A. ist ein billiges, in Teilen schäbiges Stadtviertel in der grenzenlos zersiedelten Fläche von Los Angeles, Delgados Werkstatt liegt wie ein krasser Widerspruch darin. Der Meister teilt sich die Straße mit 99-Cent-Ramschläden und Taco-Buden, es gibt hier Geschäfte, die noch bespielte Musik-Cassetten verkaufen neben Jesus-Bildchen, Plastikblumen und katholischem Kitsch Marke Madonna von Lourdes.
Moderne Tagelöhner der Kultur
Unweit von Delgados Werkstatt liegt, schon im Stadtteil Boyle Heights, die Mariachi Plaza im Schatten des großen White Memorial Krankenhauses. An den Wochenenden lungern hier ganze Mariachi-Kapellen in großer Zahl am Straßenrand, in voller Mexiko-Montur komplett mit Sombreros, um sich vom Fleck weg engagieren zu lassen für Geburtstagsfeste, Hochzeiten, Jubiläen, Trauerfeiern. Was "Mariachi" genau heißt oder woher das Wort stammt, ist ungeklärt, klar ist, was es bedeutet: Fröhliche Festmusik, gespielt auf Gitarren, Bässen, Trompeten, Geigen und Posaunen.
Die Plaza selbst, keine zehn Minuten Autofahrt von den Türmen in Downtown Los Angeles gelegen, könnte zu einer Stadt in Mexiko gehören. Es steht ein Pavillon im Zentrum, gestiftet von der Stadt, daneben ein Denkmal für die peruanische Sängerin Lucha Reyes, die dem hispanischen Liedgut zu Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens ihre große Seele gab. Bonbonbunte Heiligenbilder bedecken die Fassaden ringsum und das Restaurant am Platz heißt, nach der Schutzheiligen der Musik, Santa Cecilia.
Die Musikanten, die hier auf Kundschaft warten, sind moderne Tagelöhner der Kultur, sie spielen gute Laune, aber die Geschäfte gehen nicht sonderlich gut in diesen Jahren der Krise. Es fehlen, vor allem an Werktagen, die Anlässe zum ausgelassenen Feiern. Nur noch samstags ziehen die Mariachi-Bands deshalb zur Plaza, an den Freitagen und Sonntagen schnüren sie eher durch die Cesar Chavez Avenue, um in den Restaurants dort ihre Lieder zu verkaufen, am Tisch stehend, ein Song für zehn, drei für 20 Dollar.
Das sind die Preise des Chavez-Terzetts, das sich an Sonntagen auf der Avenue gleichen Namens um die Häuser drückt. Sie können auch erweitern, auf Quintett, Sextett, können Trompeter dazu holen, Geiger, aber meistens bleiben sie zu dritt - und dann stehen drei Generationen Chavez auf der Straße, Großvater, Vater, Sohn.
Der jüngste, Chris, ist 16, sieht aus wie 25 und trägt, wie die Alten, Bühnengarderobe: weiße Cowboystiefel, hellgraue Jeans, Cowboyhut, dazu bestickte Hemden in Pink, der Kragen mit Bowtie verschnürt und dazu viel Schmuck an den Händen. Die Besetzung: Akkordeon, Gitarre, Bass. Sie spielen gerade, drei Mexikaner mitten in East L.A., "La vie en rose". Der Großvater am Bass sagt in die Musik hinein, zwinkernd: "Marlene Dietrich".
Frau Delgado verdreht die Augen
Chris Chavez spielt eine Gitarre mit rotem Deckblatt, natürlich keine Candelas, das gäben die Einkünfte der Familie nicht her. Der Junge hat zwei Brüder und zwei Schwestern, er muss noch zwei Jahre lang auf seine Schurr High School in Montebello gehen, danach will er Historiker werden, sagt er. Im Terzett ist er der einzige, der fließend Englisch spricht.
Musik sei nicht Arbeit, sondern Liebe, sagt er, sein Idol ist niemand aus den aktuellen Charts, sondern der lange verstorbene mexikanische Trompeter Rafael Mendez. Der junge Chavez hat sogar schon einen Sängerwettstreit in San Diego gewonnen, erzählt er, als Kind. Und was wünscht sich die Kundschaft in den Kneipen so? "Alles querbeet", sagt er, "Paso Dobles, Walzer, Polkas, wir können 300 Lieder, meistens reicht das."
Bei Tomás Delgado in der "Candelas"-Werkstatt reicht es irgendwie nie, immer ist die Arbeit fordernd. Der Gitarrenbaumeister hat gerade ein Jahr lang mit einer Bugatti von 1856 verbracht, für deren Restaurierung er Dokumente aus Cleveland herschaffen musste, sündteures Kupfer und selbst Büffelleder. Seine Frau hat die Augen verdreht und die Hände wütend in die Seiten gestemmt, aber er, Delgado, konnte nicht anders. "Diese Gitarren müssen weiterleben", sagt er, "es gibt sie nur ein einziges Mal. Es ist meine Pflicht."
Er kann über die Instrumente reden wie ein Verliebter. Er investiert viel in jedes einzelne Stück. Wer ihn arbeiten sieht mit den Teilen, muss an klösterliche Dienste denken, an religiöse Rituale. Beim Besuch überzieht er gerade die Rohlinge neuer Flamenco-Gitarren mit "französischer Politur", dafür wird Schellack aufgelöst und mit weich kreisenden Bewegungen in die Maserung des Holzes massiert, in vielen, vielen Arbeitsgängen. "Man kann das auch maschinell machen", sagt Delgado, "aber den Unterschied hört jedes Kind".
Viele Musiker wissen das. Und sie wissen längst, wo in Amerika die großen Gitarren zu finden sind. Tomás Delgado exportiert seine Werke nach Italien und Dubai, er beliefert einen Gitarrennarren in Australien, gerade hat ein Holländer drei Konzertgitarren bestellt, es gibt Kundschaft aus der Slowakei. Welches Modell ist sein liebstes? Einfache Frage. Es ist die federleichte, zarte Flamenca. Tomás Delgado hat sie "Alegria" getauft. So heißt seine Frau.
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