Aus Los Angeles berichtet Ullrich Fichtner
Die Hinterzimmer des Musikalienladens an der Chavez Avenue 2724 gleichen einem Asyl für alte Gitarren. Fingerdick liegt der Staub auf Repliken hundertjähriger Torres, an der Wand stehen dunkle Meisterstücke von Ramirez mit geborstenen Blättern, helle Gibson-Gitarren mit gebrochenen Hälsen, zerkratzte Martins mit zerrupften Saiten und Mechaniken noch aus echtem Elfenbein. "Ich muss es meiner Frau inzwischen verheimlichen, wenn ich neue Stücke annehme", sagt Tomás Delgado und senkt die Stimme, als könnte ihn die Frau hören, "aber es muss sich doch jemand um sie kümmern".
Delgado ist 42, ein Mann mit überraschend starker Bassstimme, er trägt ein Frida-Kahlo-T-Shirt und unter seinen Fingernägeln, in seinen schwarzen Haaren, selbst auf den Augenlidern und in jeder seiner Poren sitzt der Schleifstaub, feinste Partikel edelster Hölzer, mit denen er seine langen, ruhigen Tage zubringt. Tomás Delgado baut Gitarren, acht Stück nur in einem Jahr, Stückpreis um die 15.000 Dollar, und nicht wenige Musiker glauben, es seien die besten der Welt.
"Candelas" heißen die Stücke, das ist eine Abkürzung des Vornamens von Candelario Delgado, dem Großonkel, der mit dem Großvater Portfilio das Geschäft mit dem schönen Klang vor langer Zeit begann. Sie lebten noch in Mexiko, als Tischler, in den zwanziger Jahren, bauten Fensterrahmen, waren gut mit Holz - und ihr vorgesetzter Meister lobte alle drei Monate einen Wettbewerb unter seinen Leuten aus, ein besonders schönes Stück zu bauen. Der Großvater baute irgendwann eine Gitarre, aus einer Laune. Und die Familie Delgado hatte ihre Bestimmung gefunden.
Auf die Hölzer kommt es an
Danach, im ganzen 20. Jahrhundert, bekamen viele Musiker Instrumente, auf die sie gewartet hatten ohne es zu wissen. Pepe Romero spielte Candelas-Gitarren (und war das Patenkind eines Delgado), Arlo Guthrie, John Denver, Peter, Paul and Mary, Ry Cooder, José Feliciano. Für Feliciano bauten die Alten in monatelanger Kleinarbeit ein fugenloses Instrument aus einem einzigen Block Mahagony. Wenn die Filmemacher aus Hollywood droben prächtige Schaustücke brauchten, gingen sie zu den Delgados. Vor ein paar Jahren, erzählt heute Tomás Delgado, kam ein Musikproduzent in den Laden und kaufte, für Zehntausende Dollar, dreizehn Gitarren auf einen Schlag, "um auf neue Ideen zu kommen beim Spielen".
Man kommt auf viele Ideen, wenn der Klang einer Candelas die Räume füllt. Der Baumeister ist selbst ein Virtuose, er nimmt sich, vorne im gebohnerten Laden, Instrumente von ihren Bügeln und spielt sie an. Federleichte weiße Flamencas, die sich leicht unter den Arm klemmen lassen, schön gemaserte Konzertgitarren, metallen-scharf klingende Westerngitarren, besaitet mit Stahl. Es sind gerade Kunden da, sie kommen aus Bakersfield, 200 Kilometer weit weg, sie brauchen einen akustischen Bass. Einer von ihnen kannte noch Tomás Delgados Vater, sie machen darüber ihre Scherze auf Spanisch - und verkauft wird nebenbei ein bauchiger Bass zum Preis von 1800 Dollar.
Delgados Meisterstücke sind so günstig nicht zu haben. Wenn er sich ernsthaft um eine Gitarre bemüht, wenn er ein einzigartiges Instrument bauen will, kennt er monatelang keine Arbeitszeiten und Feierabende. Er ist mit den Jahren ein Gelehrter des Gitarrenbaus geworden, hat die Stücke alter Meister vermessen, hat ihre Pläne studiert, und er kann zurückgreifen auf einen Bestand höchst seltener, wertvoller Hölzer, die seine Vorfahren noch aquirierten.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Musik | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH