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Ton-Steine-Scherben-Hof verkauft: Rio Reiser wird umgebettet

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Keine Ruhe für Rio: Sein Grab wird vom nordfriesischen Fresenhagen nach Berlin verlegt. Die Erben können den Hof, auf dem Reiser und die Band Ton Steine Scherben gelebt haben, nicht mehr halten. Doch immerhin ist ein Ende im Streit um den Nachlass des Musikkollektivs in Sicht.

Rio Reiser, 1996 gestorben: Wird wohl auf den St.-Matthäus-Friedhof in Berlin umgebettet Zur Großansicht
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Rio Reiser, 1996 gestorben: Wird wohl auf den St.-Matthäus-Friedhof in Berlin umgebettet

Hamburg - Das Grab des "Königs von Deutschland" liegt unter einem Apfelbaum, hinter einem reetgedeckten Hof in Nordfriesland. 1996 starb Rio Reiser hier, in Fresenhagen, einem winzigen Ort zwischen Flensburg und Föhr, nahe der dänischen Grenze. Um ihn im Garten des Bauernhofs beerdigen zu können, musste man erst eine Ausnahmegenehmigung einholen, erzählt sein Bruder Gert Möbius: "Die Auflage war, dass wir hier ein Kulturzentrum betreiben." So wurde nach dem Tod aus dem Hof, in dem der Sänger und seine Band Ton Steine Scherben wohnten, das "Rio Reiser Haus" - mit Tonstudio, Café "Junimond", Gästezimmern, die nach Reiser-Songs benannt sind und einer Bühne, auf der auch schon Die Sterne und Kettcar aufgetreten sind. Im Museum konnten sich Fans Memorabilia ansehen: Die handschriftlichen Notizen zu den Songs, den Billardtisch, an dem die Band ihre freien Stunden verspielte, sogar die Axt ist zu bestaunen, mit der der Saxophonist und Manager Nikel Pallat 1971 auf den Talkshow-Tisch der WDR-Sendung "Ende offen" einhieb: "Man muss parteiisch sein, und deswegen mach ich jetzt hier diesen Tisch ma' kaputt, ja?"

Doch mit dem ländlichen Gedenken an die wilden Tage und die zarten Reiserschen Liebeslieder ist es jetzt vorbei. Demnächst kommen die Möbelwagen und packen alles ein. Und auch das Grab muss weichen. Der Hof Fresenhagen ist verkauft, Reisers Bruder Gert Möbius konnte ihn nicht mehr finanzieren. "Es ist einfach wahnsinnig teuer, das alles hier zu unterhalten", sagt Möbius. "Wir bekommen keine Unterstützung für unsere Kulturarbeit - und wenn ich was mit Sponsoren mache, gibt's gleich einen Aufschrei in der Szene." 2007 hatte der Elektronik-Discounter "Media Markt" den Reiser-Hit "König von Deutschland" für einen Werbespot verwendet. Nikel Pallat nannte das "eine Katastrophe" und gab der Familie die Schuld an dem Ausverkauf. Möbius wehrt sich: Die Rechte an den Songs, die Reiser in seiner Solokarriere aufgenommen hat, lägen bei Sony.

Geld, Kommerz, Musikbusiness: Das war schon immer ein Reizthema in dem Kollektiv, das sich 1970 in der Sponti-Szene Berlin-Kreuzbergs gegründet hatte. Ein Grund, warum der reetgedeckte Bauernhof in Nordfriesland 1975 zum Zufluchtsort für Ton Steine Scherben wurde. Pleite und aufgerieben von ihrer Doppelrolle als Politaktivisten und Rockstars, tauschte die Band den Kreuzberger Kiez gegen das Landleben in der norddeutschen Tiefebene. In der Berliner Hausbesetzerszene waren sie mit Stücken wie "Keine Macht für niemand" oder dem "Rauch-Haus-Song" zwar Helden der Bewegung - doch der Ruhm brachte ihnen vor allem jede Menge unbezahlte Soli-Auftritte ein. Schließlich waren die "Scherben" ja Genossen und machten das alles aus Überzeugung. Irgendwie hatten sie dann doch 50.000 Mark zusammengekratzt, um den Hof zu kaufen und ihn mit eigener Hände Arbeit zu renovieren.

Fresenhagen geht in gute Hände

Die Museumsbestände will Gert Möbius erst mal einlagern lassen, um einen Ausstellungsort in Berlin-Kreuzberg zu finden. "In Kreuzberg hätten wir auf jeden Fall mehr Resonanz für das Museum", sagt er. Für das Grab seines sieben Jahre jüngeren Bruders hat er schon den idealen Platz gefunden: Rio Reiser soll auf den St.-Matthäus-Friedhof an der Grenze von Schöneberg zu Kreuzberg umgebettet werden. Der Sänger läge in prominenter Gesellschaft - auch die Gräber der Gebrüder Grimm und des Komponisten Max Bruch sind dort zu finden.

Die Mitglieder der Musikkommune, die in wechselnder Besetzung von 1975 bis zur Auflösung von Ton Steine Scherben 1985 bestand - haben sich in den letzten Jahren leidenschaftlich um Lizenzen und über die Umgangsweise mit dem Nachlass der "Scherben" gestritten. Vier der insgesamt elf Musiker, die Rechte an den Stücken halten, entzogen den beiden Reiser-Brüdern Peter und Gert Möbius 2007 das Recht, weiter die alten Aufnahmen zu verwerten. Gert Möbius geht aber davon aus, dass man sich bald einigen werde: "Wir haben uns auch schon wieder getroffen", erzählt er. Noch in diesem Jahr soll eine Box mit sieben oder acht CDs erscheinen, die das Gesamt-Oeuvre Reisers dokumentiert.

Der Verkauf von Fresenhagen sei zwar "sehr, sehr traurig", betont Möbius. Aber immerhin gehe der Hof, für den die Reiser-Erben ein Jahr lang nach einem Abnehmer gesucht hatten, in gute Hände: "Eine Jugendeinrichtung aus der Region wird den Hof übernehmen. Die werden betreutes Wohnen für Jugendliche hier machen." Damit gibt es dann doch ein kleines bisschen historische Kontinuität am Standort von Deutschlands berühmtester Rock-Kommune. Denn in der Kreuzberger Hausbesetzerszene der Siebziger tummelten sich auch viele sogenannte Trebegänger - ausgebüchste Jugendliche oder Lehrlinge, die nicht mehr zu Hause oder in Heimen wohnen wollten. Einige der Kids waren 1975 aus der WG der "Scherben" am Tempelhofer Ufer mit in das Gehöft nach Fresenhagen gezogen. Aber offensichtlich behagte ihnen das nordfriesische Zen nicht so. "Die waren nach ein paar Tagen wieder weg", erinnert sich Möbius. "Denen war das zu langweilig hier."

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