Top of the Blogs Malajube, Powerpop du jour

Ob's ein Star wird oder nicht, das entscheidet oft... das Netz. SPIEGEL ONLINE sucht in den Internet-Communitys nach den meistdiskutierten Bands und Künstlern - Top of the Blogs. Heute mit Malajube, Sally Shapiro, Cloud Cult, Andrew Bird und Apostle of Hustle.

Von Heiko Behr


MALAJUBE

Die amerikanisch dominierte Bloglandschaft, die sich mit den kommenden Hypes beschäftigt, ist wunderbar: Es gibt im Grunde keine Grenzen, jede Obskurität findet ihren Gefolgschaft, jede Nische wird sorgsam gehegt und gepflegt. Es sei denn, man wagt das Undenkbare – und singt seine Geschichten nicht auf Englisch. Umso erstaunlicher ist es also, wenn eine kleine Band aus dem kanadischen Montréal plötzlich mit ihrem französischen, chaotischen Powerpop in aller Munde ist. "Ich hab zwar keine Ahnung, worum es da geht, aber die Musik ist der Wahnsinn", sinngemäß zieht sich dieser Satz seit Monaten durch die Blogs. Und dieser Wahnsinn hat Methode. In Malajubes Songs stromern die Stimmen durcheinander, konzentrieren sich in den kurzen Momenten des Verschnaufens, bevor sie wie junge Hunde wieder in alle Richtungen davonstieben. Die ständigen Vergleiche mit den französischen Poprockern Phoenix greifen dabei zu kurz, Malajube arbeiten in eine deutlich komplexere Richtung, in die es auch New-Progmetaller wie die phantastischen Mew schon seit Jahren zieht. Am 23. März in Berliner "Magnet" soll es angeblich ihr erstmal einziges Deutschland-Konzert geben, das nächste Album erscheint beim Indie-Label City Slang.

http://www.malajube.com/
http://www.myspace.com/malajube

SALLY SHAPIRO

Seit Mitte vergangenen Jahres kündigten die Produzenten von Sally Shapiro ihren Synth-Pop bereits auf zahlreichen Plattformen im Netz an, pünktlich zur Weihnachtszeit setzte sich dann "Anorak Christmas" in den Blogs endgültig durch. Klar, man war um jede Alternative zu Wham! und den "Last Christmas"-Wahn dankbar. Passend zur grassierenden Rührseligkeit schien Sally Shapiro eine empfindliche Saite zum Schwingen zu bringen: Süßer Vogel Jugend! Die Soundlandschaften der Schwedin ragen nämlich deutlich zurück in die Achtziger, als Italo-Disco so manchen Urlaub regierte. Tatsächlich nimmt man dem hauchenden Stimmchen diese Verletzbarkeit, diese schüchterne Zurückhaltung absolut ab - von Ironie weit und breit keine Spur. Nun liegt Weihnachten zwar schon einige Wochen hinter uns, Sally Shapiro allerdings dreht immer noch ihre Runden in den Blogs. Nostalgie ist eben doch zeitunabhängig. Und die ehemalige Blog-Favoritin Annie hat eine würdige Nachfolgerin.

http://myspace.com/shapirosally http://www.diskokaine.com/

CLOUD CULT

Cloud Cult sind wohl der feuchte Traum eines jeden politisch auch nur halbwegs interessierten Bloggers: der Inbegriff vom alten Do-It-Yourself-Prinzip einerseits, die Speerspitze der Umweltbewegung im Musikbusiness andererseits. Und das läuft dann so: Kaum Verpackungsmüll bei ihren Promo-Aktionen, Bäume pflanzen vor jeder Tournee, Konzerte mittels Wind- und Sonnenenergie, selbst für die CD-Herstellung an sich haben sie neue umweltschonende Praktiken entwickelt. Kein Wunder, dass die Blogosphäre vor der Veröffentlichung ihres nächsten Albums "The Meaning of 8" ausnahmsweise zu Recht von "Visionen" raunt. Dazu bleibt das Sextett aus Minneapolis seinem selbstgegründeten Label Earthology Records treu – dem weltweit einzigen Non-Profit-Unternehmen in diesem Bereich. So werden die Majorlabels wohl auch in diesem Jahr wieder vergeblich mit Geldbündeln wedeln und schier verzweifeln: Allzu großartig ist diese Band, allzu talentiert, allzu eigensinnig. Die besseren Arcade Fire. Das Album gibt es bereits jetzt auf ihrer Homepage als Vorabveröffentlichung.

http://www.cloudcult.com/
http://myspace.com/cloudcult
http://www.earthology.net/

APOSTLE OF HUSTLE

Man kann die Uhr danach stellen: Sobald erste Töne aus dem Umfeld des Indie-Kollektivs Broken Social Scene durch das Netz schwappen, überschlägt sich die Szene in Begeisterung. Kein Wunder, musizierten doch bei BSS aus Toronto bereits Jason Collett, Mitglieder von Metric, Stars oder eben Andrew Whiteman von Apostole of Hustle – allesamt vor allem auch in ihren zahllosen Konzerten überaus beeindruckend. Und so schwingt sich der klassische Blogger eben nach seinem Live-Erlebnis direkt vor den Rechner und hackt in atemloser Begeisterung seine Erlebnisse in die Welt: Auf Platte toll, erst im Zusammenspiel auf der Bühne allerdings herausragend. Warten wir also auf einen Europabesuch.

http://www.myspace.com/apostleofhustle http://www.arts-crafts.ca/apostleofhustle/

ANDREW BIRD

Eines der großen Mysterien im weltweiten Netz ist immer noch das sogenannte Leak, wenn Songs oder gar ganze Alben in mehr oder minder endgültigen Fassungen ins Internet gelangen – oft deutlich vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum. Plattenfirmen und/oder Künstler hyperventilieren, die Blogs reiben sich hämisch die Hände. Bleibt die Frage: War das Leck gewollt oder ungewollt? Im Fall von Andrew Bird und seinem im März erscheinenden Album "Armchair Apocrypha" werden momentan Verdächtigungen laut, es könne sich um ein gezieltes PR-Manöver handeln. So oder so hat es seinen Zweck erfüllt – die Aufmerksamkeit ist dem Songwriter aus Illinois gewiss. Im Laufe seiner Karriere hat sich Bird dabei vor allem mit seinem Geigenspiel, Glockenspiel-Intermezzi und einem kuriosen Pfeifsound einen Namen gemacht. Auch wenn er an den genialischen Sufjan Stevens nicht ganz heranreicht, sticht er doch zusehends aus der Masse an Folksängern heraus. Marketingtrick hin oder her.

http://www.andrewbird.net/
http://www.myspace.com/andrewbird



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