Top-Tenor Vogt: Ein Held geht um die Welt

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Blond, deutsch, Tenor: Klaus Florian Vogt begeistert auf internationalen Bühnen vor allem mit Wagner-Partien. Sein erstes Album spiegelt diesen Ruhm - und doch bleibt der lächelnde Sieger knapp unter seinen Möglichkeiten.

Goldkehle Vogt: Wir sind Helden Fotos
DPA/ Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Was war denn da los? Ein Tenor wie aus dem Bilderbuch, mit samtmetallischer Stimme, souveräner Bühnenpräsenz und bodenständig-sympathischer Erscheinung - und zum Bayreuth-Debüt keine CD am Start? Als Klaus Florian Vogt 2007 die schrille "Meistersinger"-Inszenierung von Katharina Wagner mit seinen sieghaften Auftritten als Walther von Stolzing dominierte, fehlte bei ihm die geölte PR-Maschinerie, wie sie den parallel verlaufenden Senkrechtstart seines Sangeskollegen Jonas Kaufmann befeuerte.

Passte aber irgendwie doch: So, wie Klaus Florian Vogt heute immer noch lieber in seinem Wohnmobil von Gastspiel zu Gastspiel düst als in Hotelsuiten zu nächtigen, so unaufgeregt entwickelte sich die Karriere des Schleswig-Holsteiners. Die läuft inzwischen international in Europa und Übersee. Seine Paradepartie, den Lohengrin, hat er 2011 auch in Bayreuth gegeben. Und Jubel geerntet, was sonst. Nun legt er leicht verspätet seine erste Rezital-CD vor, die - wenig subtil - "Helden" betitelt ist.

Alle marschieren auf: Von Lohengrin und Stolzing bis Siegfried, Tamino und dem "Freischütz"-Max - "Helden" also als Protagonisten gedacht, nicht als Rollenfach. Denn Vogt ist kein Recke in der Tradition etwa James Kings, eher ein dezenter Feinmechaniker, auch wenn er auf dem (schauerlichen) CD-Cover das Schwert fest in den Händen hält. Gerade seine "Zauberflöten"-Arie vom bezaubernd schönen Bildnis klingt angemessen lyrisch und erinnert deutlich an Fritz Wunderlich. Jonas Kaufmann, der das Stück natürlich auch live im Konzert singt, drückt hier im Vergleich viel mehr auf die Kraft-Tube, ohne Vogts Leichtigkeit zu toppen.

Lyrisch leichter Punktsieg

Hört man dann Vogts "Gralserzählung" aus dem "Lohengrin", so ist man versucht, dem Norddeutschen einen knappen Punktsieg vor dem Kollegen Kaufmann zuzubilligen, denn die schwebende Stimmung der ätherisch tönenden Arie gelingt Klaus Florian Vogt nahezu perfekt in dieser Live-Aufnahme eines Konzertabends aus Berlin.

Am Pult stand Peter Schneider, die Routine und Zuverlässigkeit in Person, ein solider Wagner-Dirigent und Bayreuth-Veteran, der natürlich weiß, wie er das Orchester der Deutschen Oper Berlin zum rechten Sound führt. Und eben dies wird dem Rezital beinahe zum Verhängnis, denn vor lauter Korrektheit und Glätte und gemessenen Tempi vermisst man Risiko und Wagnis, zu dem ein Dirigent mit forscherem Zugriff den Solisten eventuell verführen könnte. Aber ein Konzertabend gehorcht anderen Gesetzen als eine Bühnenproduktion, und so wurde "Helden" ein wenig zu gefällig und rundgelutscht. Dazu trugen auch die Arien der Romantik von Weber bis Lortzing bei. Weshalb aber unbedingt die orchestralen Vorspiele und Ouvertüren aus dem Konzertabend mit auf die CD mussten, ist nicht plausibel - schließlich sollte hier in erster Linie ein Solist vorgestellt werden, und wie Peter Schneider wagnersche "Schlachtrösser" dirigiert, ist achtbar, aber keineswegs epochal. So wirken die wohlbekannten Konzerthits wie Lückenbüßer, wo man lieber mehr vom "Glück, das mir verblieb" (aus Korngolds "Die tote Stadt") gehört hätte.

Wer hingegen mehr "Lohengrin" will, sollte zu der Baden-Badener Produktion (Regie: Nikolaus Lehnhoff/Dirigent: Kent Nagano/opus arte) auf DVD greifen. Leider gibt es vom Hamburger "Lohengrin" unter Ingo Metzmacher und in der Regie von Peter Konwitschny keine DVD-Aufzeichnung, die burleske und satirische Ritterrevue kann noch immer glänzen, vor allem, wenn ein Protagonist wie Klaus Florian Vogt das Schwert führt.

Die nächste Herausforderung wartet am 21. Januar auf Vogt, wenn er den Maler Cavaradossi in Giacomo Puccinis "Tosca" in Berlin singt, allerdings in einer recht antiken Inszenierung (Boleslaw Barlog / 1969): Wieder ein Künstler, ein tragischer Held, der diesmal nicht mit dem Leben davonkommt. Ob Klaus Florian Vogt so etwas auch gelingt? Bestimmt, wahre Sieger dürfen auch mal leer ausgehen.

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1. Komischer Bericht
virginiawoolf29 18.01.2012
Zitat von sysopBlond, deutsch, Tenor: Klaus Florian Vogt begeistert auf internationalen Bühnen vor allem mit Wagner-Partien. Sein erstes Album spiegelt diesen Ruhm - und doch bleibt der lächelnde Sieger knapp unter seinen Möglichkeiten. Top-Tenor Vogt: Ein Held geht um die Welt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,808768,00.html)
Der Autor scheint sich nicht deutlich äußern zu können. Sehr unbefriedigend zu lesen, vor allem wenn man sich am Ende des Beitrags immer noch in der Ungewissheit befindet, was der Autor denn nun damit sagen wollte? Was die Überschrift betitelt, wird in allen Punkten innerhalb des Textes nicht zugestanden....bis auf eine einzige Formulierung bezüglich des "Vorsprungpunktes" gegenüber Kaufmann. Warum muss man richtig gute Leute, eben "Toptenöre" immer mit Werbeikonen vergleichen? Wie der Autor auch selbst feststellte, liegt es oftmals an der PR Maschinerie, wie berühmt oder für sehr gut befunden ein Topsänger wird. Und aus meiner Sicht gibt es Opernsänger, die sich auf dem gleichen Niveau eines Jonas Kaufmann oder einer Anna Netrebko befinden, welche aber nicht so vermarktet werden. Bei einem Marktanteil von ca. 90 % weltweit der Magerlabel Sony, EMI, Warner und Universal dominieren aufgrund der schier unerschöpflichen finanziellen Mittel deren "Lieblingskünstler" unseren gesamten Musikmarkt. In der Popmusik wie leider nun auch in der Klassik. Seitdem Anna Netrebko massentauglich und flächendeckend beworben wurde in allen kostenlosen Fernsehprogrammbeilagen deutschlandweit, ist sie sogar dem Klassiklaien ein "Allgemein"Begriff. Das Gleiche geschieht dann mit einem Jonas Kaufmann etc. Magerlabel kaufen auch gern konkurrierende Sänger "vom Markt weg" und produzieren sie nicht gleichermaßen, um dem einen aufgebauten Star diese Stellung zu sichern. Schade um den Artikel. Ich hätte gern die Meinung des Autoren gewusst. Zum Beginn der Gralsarie kann ich nur zustimmend sagen, dass es mir vor fast 20 Jahren mehrfach vergönnt war, Klaus damit an der Hochschule anzuhören, denn schon damals klang es unbeschreiblich schön.
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