Von Werner Theurich
Was war denn da los? Ein Tenor wie aus dem Bilderbuch, mit samtmetallischer Stimme, souveräner Bühnenpräsenz und bodenständig-sympathischer Erscheinung - und zum Bayreuth-Debüt keine CD am Start? Als Klaus Florian Vogt 2007 die schrille "Meistersinger"-Inszenierung von Katharina Wagner mit seinen sieghaften Auftritten als Walther von Stolzing dominierte, fehlte bei ihm die geölte PR-Maschinerie, wie sie den parallel verlaufenden Senkrechtstart seines Sangeskollegen Jonas Kaufmann befeuerte.
Passte aber irgendwie doch: So, wie Klaus Florian Vogt heute immer noch lieber in seinem Wohnmobil von Gastspiel zu Gastspiel düst als in Hotelsuiten zu nächtigen, so unaufgeregt entwickelte sich die Karriere des Schleswig-Holsteiners. Die läuft inzwischen international in Europa und Übersee. Seine Paradepartie, den Lohengrin, hat er 2011 auch in Bayreuth gegeben. Und Jubel geerntet, was sonst. Nun legt er leicht verspätet seine erste Rezital-CD vor, die - wenig subtil - "Helden" betitelt ist.
Alle marschieren auf: Von Lohengrin und Stolzing bis Siegfried, Tamino und dem "Freischütz"-Max - "Helden" also als Protagonisten gedacht, nicht als Rollenfach. Denn Vogt ist kein Recke in der Tradition etwa James Kings, eher ein dezenter Feinmechaniker, auch wenn er auf dem (schauerlichen) CD-Cover das Schwert fest in den Händen hält. Gerade seine "Zauberflöten"-Arie vom bezaubernd schönen Bildnis klingt angemessen lyrisch und erinnert deutlich an Fritz Wunderlich. Jonas Kaufmann, der das Stück natürlich auch live im Konzert singt, drückt hier im Vergleich viel mehr auf die Kraft-Tube, ohne Vogts Leichtigkeit zu toppen.
Lyrisch leichter Punktsieg
Hört man dann Vogts "Gralserzählung" aus dem "Lohengrin", so ist man versucht, dem Norddeutschen einen knappen Punktsieg vor dem Kollegen Kaufmann zuzubilligen, denn die schwebende Stimmung der ätherisch tönenden Arie gelingt Klaus Florian Vogt nahezu perfekt in dieser Live-Aufnahme eines Konzertabends aus Berlin.
Am Pult stand Peter Schneider, die Routine und Zuverlässigkeit in Person, ein solider Wagner-Dirigent und Bayreuth-Veteran, der natürlich weiß, wie er das Orchester der Deutschen Oper Berlin zum rechten Sound führt. Und eben dies wird dem Rezital beinahe zum Verhängnis, denn vor lauter Korrektheit und Glätte und gemessenen Tempi vermisst man Risiko und Wagnis, zu dem ein Dirigent mit forscherem Zugriff den Solisten eventuell verführen könnte. Aber ein Konzertabend gehorcht anderen Gesetzen als eine Bühnenproduktion, und so wurde "Helden" ein wenig zu gefällig und rundgelutscht. Dazu trugen auch die Arien der Romantik von Weber bis Lortzing bei. Weshalb aber unbedingt die orchestralen Vorspiele und Ouvertüren aus dem Konzertabend mit auf die CD mussten, ist nicht plausibel - schließlich sollte hier in erster Linie ein Solist vorgestellt werden, und wie Peter Schneider wagnersche "Schlachtrösser" dirigiert, ist achtbar, aber keineswegs epochal. So wirken die wohlbekannten Konzerthits wie Lückenbüßer, wo man lieber mehr vom "Glück, das mir verblieb" (aus Korngolds "Die tote Stadt") gehört hätte.
Wer hingegen mehr "Lohengrin" will, sollte zu der Baden-Badener Produktion (Regie: Nikolaus Lehnhoff/Dirigent: Kent Nagano/opus arte) auf DVD greifen. Leider gibt es vom Hamburger "Lohengrin" unter Ingo Metzmacher und in der Regie von Peter Konwitschny keine DVD-Aufzeichnung, die burleske und satirische Ritterrevue kann noch immer glänzen, vor allem, wenn ein Protagonist wie Klaus Florian Vogt das Schwert führt.
Die nächste Herausforderung wartet am 21. Januar auf Vogt, wenn er den Maler Cavaradossi in Giacomo Puccinis "Tosca" in Berlin singt, allerdings in einer recht antiken Inszenierung (Boleslaw Barlog / 1969): Wieder ein Künstler, ein tragischer Held, der diesmal nicht mit dem Leben davonkommt. Ob Klaus Florian Vogt so etwas auch gelingt? Bestimmt, wahre Sieger dürfen auch mal leer ausgehen.
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