Von Christoph Dallach
Ende August, als es draußen noch sommerlich warm war, tauchten die ersten Lebkuchen und Spekulatius-Packungen in den Geschäften auf. Seit September ist auch im Pop die Weihnachtssaison eingeläutet. Ganz dezent schneit eine Festtagsplatte nach der nächsten in die Läden, und mal wieder wird darüber gestritten, ob das alles nun fürchterlicher Kommerz-Kitsch ist oder die Fortführung einer herrlichen Pop-Tradition.
Wie schnell bei aufrechten Musikspezialisten die Toleranz endet, belegen die empörten Reaktionen auf Bob Dylans Feiertagslied-Sammlung "Christmas in the Heart". Auf dem vor drei Jahren veröffentlichten Album grummelt His Bobness, ein großer Freund musikalischer Traditionen, saisonale Klassiker wie "Winter Wonderland" und "Little Drummer Boy", was viele seiner Verehrer erschauern ließ: "Tiefer geht's nicht", klagte einer bei Amazon.de, "Horror Christmas", jammerte ein anderer, und jüngst setzte einer nach: "Das ist reiner Mist." Das Problem ist, dass die Idee der Weihnachtslieder für viele selbstverständlich mit Kitsch und Kommerz gekoppelt ist. Das mag oft zutreffen, ist aber trotzdem nur die halbe Wahrheit. Im Pop haben Weihnachtssongs auch eine aufregende Tradition. Eigentlich jeder, der Rang und Namen hat, versuchte sich daran: Elvis, Johnny Cash, die Beatles, Keith Richard, Michael Jackson und eben Bob Dylan, bis hin zu den Pet Shop Boys, Iggy Pop, R.E.M., Madonna oder Rufus Wainwright.
Es gibt zwei Herangehensweisen an die Feiertagsmusik: Den einen reicht es, alteingeführte Dauerbrenner wie "The Christmas Song" oder "White Christmas" aufzufrischen. Spannender sind alle Versuche, eigene Weihnachtssongs zu zaubern, diese Stimmung erhabener Melancholie einzufangen, die alle verschneiten Meisterwerke ausmacht.
Ein Talent für dezent funkelnde Songs
Die schönste Weihnachtsplatte dieser Saison ist Tracey Thorn mit "Tinsel and Lights" geglückt. Die Britin wurde in den achtziger Jahren bekannt als eine Hälfte des Indie-Pop-Duos Everything But The Girl. Als Solistin bestätigt sie ihr Talent für dezent funkelnde Songs. Die Behauptung, dass eine Weihnachtsplatte schon immer ihr Traum gewesen sei, glaubt man ihr, denn "Tinsel and Lighta" ist eine auffällig ambitionierte Sammlung eigener Songs mit feierlich anmutenden Coverversionen von Randy Newman, The White Stripes und Ron Sexsmith.
Aufgedrehter kommt der Sampler "Christmas Rules" daher. Da machen sich alte Meister wie Sir Paul McCartney und junge Wilde wie Calexico, The Shins, Fun, Rufus Wainwright und The Civil Wars vergnügt über traditionelles Festtags-Liedgut von "Baby it's Cold Outside" bis "Auld Lang Syne" her. Ähnlich quirlig klingt Cee-Lo Greens Weihnachtsalbum. "Cee-Los Magic Moment" ist ein knallbuntes Soul-Pop-Vergnügen mit Partygästen wie Christina Aguilera, Rod Stewart und den Muppets. Und wenn der ehemalige Gnarls-Barkley-Sänger "Silent Night" anstimmt, ist das schon ein Spaß der besonderen Art.
Der schwedische Jazzer Nils Landgren trommelte für "Christmas with my Friends" eben allerlei Freunde zusammen, um Klassisches (Händel) und Pop (Lennon) sehr lässig einzuspielen. Abenteuerlustige Weihnachtsfreunde sollten ihre Freude am "Christmas Album" des "National Jazz Trios of Scotland" haben. Die spielen keinen Jazz und sind auch kein Trio. Dahinter steckt der exzentrische Schotte Bill Wells, der oft mit Belle and Sebastian kollaborierte und hier mit wundersam spinnerten Versionen von "Winter Wonderland" und Co. überrascht.
Wem das alles zu neumodisch und verquer ist, sollte sich die Hände reiben, dass gerade eine der herrlichsten Weihnachtsplatten überhaupt restauriert und neu aufgelegt wurde: Vince Guaraldis Soundtrack für den alten Peanuts-TV-Film "A Charlie Brown Christmas" ist immer noch ein Ereignis. Die wehmütigen Piano-Jazz-Melodien ("Christmas Time is Here"), die der schnauzbärtige Paradiesvogel Guaraldi 1965 für die Comic-Figuren komponierte, sind Meisterwerke, denen man auch in dunklen Sommernächten lauschen kann.
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