Trauer um Willy DeVille Südstaaten-Sinatra mit schwerer Seele

Er stammte aus der New Yorker Punk-Szene der späten Siebziger, wurde dann aber zum Latin-Pionier und großen Schmerzensmann der amerikanischen Soulmusik: Willy DeVille ist im Alter von 58 Jahren an Krebs gestorben.

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New York - Jimi Hendrix, dessen "Hey Joe" er immer wieder live coverte, Bob Dylan und der Bluesmusiker John Paul Hammond waren die Vorbilder, die der junge William Borsay in seinem Heimatort Stamford, Connecticut beharrlich hörte. Und irgendwann beschloss er, selbst Musiker zu werden, R&B-Sänger, Soul-Crooner, Virtuose.

Sänger DeVille (2006 in Luzern): Musikalischer Außenseiter
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Sänger DeVille (2006 in Luzern): Musikalischer Außenseiter

Er musste einige Umwege gehen, bis es ihm gelang. Nachdem er eine Zeitlang im New Yorker Künstlerviertel auf Dylans Spuren wandelte, zog es ihn Anfang der Siebziger zunächst nach London, wo er ebenfalls nicht den richtigen musikalischen Geist verspürte, dann schließlich nach San Francisco: das New York der Beatniks und Poeten, das London der Hipster von Hendrix bis Bowie - und schließlich die Westküsten-Metropole der Hippies. In San Francisco formte Borsay seine erste Band, Billy DeSade & The Marquis, mit der er in kleinen Clubs und Sadomaso-Spelunken auftrat. Bald war klar: Es musste ein eigener Sound her, eine eigene Definition von Musik, die sich von Idolen und Vorbildern abhob.

1974 kehrte Borsay als Willy DeVille und einer neuen Band nach New York zurück: Mink DeVille. Mitte der Siebziger explodierte an der Ostküste gerade der Frust über die gescheiterte Revolution der 68er und entlud sich in ungestümer, nihilistischer Musik: Punk. Die Ramones traten auf den Plan, Richard Hell, Blondie und Television. Tummelplatz der Szene war der Rockclub "CBGB's", wo auch Mink DeVille ihre ersten Auftritte feierten - mit einer seltsamen, verführerischen Melange aus Blues und Soul, Punkrock und New Wave.

Nach einigen Songs auf einem Sampler des Clubs folgte bald ein Plattenvertrag beim Major-Label Capitol und das Debüt-Album "Cabretta", das von Produzentenlegende Jack Nitzsche (Neil Young & Crazy Horse) betreut wurde. Die Kritiker überschlugen sich vor Lob und machten Mink DeVille mit ihrem ungewöhnlichen Stil zu Hoffnungsträgern der Szene, die sich stilistisch in viele verschiedene Richtungen entwickelte. "Spanish Stroll" und "Cadillac Walk" wurden zu veritablen Hits.

Willy DeVille, gertenschlank, lasziv, das Hemd bei Konzerten oft bis zum Bauchnabel geöffnet, wirkte in der kühlen, aggressiven Punkszenerie trotz aller Diversität wie ein Fremdkörper: ein southern gentleman, der sich in die Großstadt verirrt hat, ein latin lover, der eher in die fünfziger als in die siebziger Jahre gepasst hätte. Es dauerte bis zum dritten Album "Le Chat Bleu" (1978), bis sich Mink DeVilles Stil zwischen traditionellem Blues- und Cajun-Einflüssen, weißem Soul, spanischer Folklore und sanften Rockrhythmen eingependelt hatte - und prompt vom "Rolling Stone" unter die besten Veröffentlichungen des Jahres gewählt wurde.

Glücklos bis in die Neunziger

Doch der Erfolg war nicht von Dauer. Streitigkeiten mit dem Label verzögerten das nächste Album "Coup de Grace", das erst 1981 erschien, als die erste Begeisterung für die Band schon abgeklungen war. In den Folgejahren machte sich DeVille immerhin in Europa einen Namen und eroberte mit Songs wie "Each Word Is A Beat Of My Heart" oder "Demasiado Corazon", (beide 1983) auch das deutsche Publikum, was dem Amerikaner wohl auch bis zum Ende seiner Karriere am stärksten die Treue hielt. Das Album "Sporting Life" mit der Single "Italian Shoes" (1985) sollte Mink DeVille zurück in die Charts bringen, blieb aber lediglich ein Kritikererfolg. DeVille trennte sich von der Band und trat fortan als Solo-Künstler auf.

Ein Schritt, der kein Glück brachte: Willy DeVille blieb Zeit seiner Karriere eine jener tragischen Figuren des Musikgeschäfts, ein Getriebener, der nie seinen Platz fand, nie verstanden wurde, oft in die falschen Hände geriet und oft drohte, verloren zu gehen. In den neunziger Jahren, nach Irrungen und Wirrungen mit verschiedenen Labels und Managern, einem Drogenentzug und vielen Comebackversuchen, fand DeVille schließlich in New Orleans zu seinen Cajun-Wurzeln. Und Gleichgesinnten wie Allen Toussaint und Dr. John, die ihm halfen, eine neue Heimat zu finden und traditionelle Musik aufzunehmen, die erneut zu Kritikerlob führte.

Von der amerikanischen Musikszene zeigte sich DeVille zunehmend enttäuscht: "Alle, die ein bisschen anders klingen, Tom Waits oder auch ich, werden dort gar nicht mehr wahrgenommen", sagte er 1992 der "Frankfurter Rundschau", alles "drehe sich nur noch um Prince, Madonna, Michael Jackson und Guns N'Roses". Bühnenerfolge blieben dem Außenseiter und ewigen Geheimtipp tatsächlich größtenteils nur in Europa vorbehalten.

1999 veröffentlichte Willy DeVille noch einmal ein großes Album, das zeitgleich in den USA und Europa veröffentlicht wurde und von Kritikern das Label "Meisterwerk" erhielt: "Horse Of A Different Colour", in der Blues- und Soul-Hauptstadt Memphis produziert, war voll herzzerreißender und rührender Balladen.

Und William Borsay hatte sein Ziel endlich erreicht: Er war zum großen Soul-Crooner geworden, den der US-Journalist Mark Keresman sogar in die Nähe der ganz Großen rückte: "In gewisser Weise ist DeVille der Rock'n'Roll-Counterpart zu Sinatra - beide können rocken, beide haben persönliche Dämonen niedergekämpft, beide sind fähig, süße wie traurige Erinnerungen hervorzurufen, und beide können sich selbstbewusst auf den mean streets herumtreiben, bevor sie bei Tagesanbruch doch wieder auf der lonely avenue aufkreuzen."

Erst im Juni hatte seine Familie bekanntgegeben, dass Willy DeVille an Bauchspeichelkrebs erkrankt sei. Er sollte gegen Hepatitis C behandelt werden, als der Tumor entdeckt wurde. In der Nacht zum Freitag ist DeVille nun verstorben, wie seine Frau Nina in New York bestätigte. "Er ist sehr friedlich verschieden. Ich war an seiner Seite", sagte sie der dpa.



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