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TripHop-Pionier Tricky: Im Dunkeln ist gut funkeln

Von Jonathan Fischer

Der Prinz der Dunkelheit ist zurück: Tricky hat Jahre in der künstlerischen Wüste hinter sich, verbracht mit Wutorgien und Prügeleien. Jetzt läuft der englische Musiker mit "Mixed Race" zu alter Form auf: Mit düsteren Klangwolken fängt er die Dämonen seiner Vergangenheit ein.

TripHop-Pionier Tricky: Flüsterraps gegen die Unsicherheit Fotos
Jack Dante

Glaubt man Tricky, dann war er die letzten Jahre ausschließlich auf der Flucht: Auf der Flucht vor dem Star-Rummel in Großbritannien - dem er sich durch einige Jahre im kalifornischen Exil und anonyme Besuche auf HipHop-Parties in der Bronx entzog. Auf der Flucht vor seinen dramatischen Gemütsschwankungen, die er mit der Behandlung einer bei ihm erst kürzlich diagnostizierten Stoffwechselkrankheit kurieren wollte. Auf der Flucht aber vor allem vor dem eigenen frühen Erfolg: Schließlich hatte Trickys Debüt "Maxinquaye" 1995 die Kritiker ausnahmslos begeistert und mit kriechenden HipHop-Beats und düster-atmosphärischen Samples das TripHop-Genre aus der Taufe gehoben - um danach als ewige und unerreichte Messlatte zu dienen.

Zwar veröffentlichte Tricky noch ein halbes Dutzend weitere Alben. Doch anders als seine Kollegen Massive Attack und Portishead, mit denen er einst als britische Dancefloor-Avantgarde den sogenannten "Sound of Bristol" schuf, entfernte er sich immer weiter von den eigenen Wurzeln: Mal versuchte er seine Flüsterraps über House-Beats anzubringen, mal experimentierte er mit belanglosen Indie-Rock-Klängen oder duettierte für viel Geld mit den Red Hot Chili Peppers und Alanis Morissette - wenn er nicht gerade Hintergrundmusik für die amerikanische Krimi-Fernsehserie C.S.I. einspielte.

Mit seinem neuen Album "Mixed Race" aber besinnt sich der einstige "Prince Of Darkness" auf eine fast schon vergessene Intensität. Er stürzt sich in die eigene Biografie, streift seine Jugend im Bristoler Arbeiterviertel, wo ihn einst der offene Austausch zwischen weißen Skinheads und schwarzen Reggae-Fans menschlich wie musikalisch inspirierte: Schon vor zwei Jahren setzte Tricky mit " Knowle West Boy" ein Zeichen in diese Richtung. Nun versucht er die Dämonen der Vergangenheit in einer gerade mal halbstündigen Sammlung eklektischer musikalischer Vignetten einzufangen.

"Mixed Race" spielt dabei nicht nur auf Trickys schwierige Kindheit an - er wuchs bei der weißen Großmutter auf, nachdem sich seine gemischtrassige Mutter umbrachte und der jamaikanische Vater verschwand. Es signalisiert auch ein Einverständnis mit sich und seiner Geschichte: Jedenfalls kommt der einst von berauschenden Substanzen dauerumwölkte Sänger auf dem in Paris eingespielten Album überraschend konzentriert daher. Trickys Depression, seine einstige Feindseligkeit gegen die ganze Welt - und die Zeit, in der er hauptsächlich mit Wutorgien und Prügelattacken Schlagzeilen machte - sind vorbei. Und das bekannte dunkle, leidenschaftliche Glühen durchströmt wieder seine Songs. Tricky hat offensichtlich aus dem Schund der letzten Jahre gelernt, ein Ohr für gelungene Fusionen entwickelt und erlaubt sich bisweilen sogar, ungeniert mit dem Dancefloor zu flirten - ohne dabei seine typische, so geheimnisvolle wie melancholische Aura zu verraten.

Alles, was er bisher gemacht habe, gesteht der als Adrian Thaw geborene Musiker, sei ein Ausdruck seiner grässlichen Unsicherheit gewesen. Eine Unsicherheit, die sich in Größenwahn flüchtete: Was sonst hätte Tricky dazu verleiten können, sich an einer Stilpalette abzuarbeiten, die ganz einfach nicht zu ihm passte? Anstatt zu akzeptieren, dass seine unnachahmliche düster-sensible Beat-Poesie nicht nur eine Begrenzung, sondern auch seine größte Stärke darstellt: "Ich habe nie die Mitte gefunden, wollte entweder schwarz oder weiß sein". Tatsächlich ist Tricky für seine Grübeleien berüchtigt, schloß er sich in seinen depressiven Phasen oft tagelang in fensterlose Kellerräume ein, um über den Sinn des eigenen Lebens zu räsonnieren.

Raubtierhaftes Raunen

Allzu lange, sagt er, habe er sich selbst mit der öffentlichen Figur Tricky im Spiegel der Popwelt verwechselt: "Jetzt habe ich verstanden, dass das nur eine Projektion ist. Ich bin jemand, weil ich ich selbst bin und kein Kunstprodukt für ein paar versprengte Psychopathen". Das neue Selbstbewusstsein äußert sich auch in seiner Lyrik: "I am nothing, I move through walls/... you can eat me, I'm every day", raunt Tricky etwa im Opener "Every Day": "Du kannst mich haben, ich bin alltäglich". Im Interview erklärt er den Songtext mit seiner Lebensgeschichte, aber auch seinem Studium buddhistischer Texte. "Ich habe verstanden, dass meine Kunst ein Geschenk ist". "Every Day" mutet deshalb fast wie ein vertontes Gebet an: Die Kapitulation des alten Tricky vor den Kräften, die größer sind als er, und die durch ihn und seine Musik wirken.

Kein Wunder, dass der Song ihn ganz in die Nähe von "Maxinquaye" trägt: Heiser gequälte Flüsterraps schleichen um eine helle Frauenstimme, während die Beats eine Klangwolke aus Sinnlichkeit und Trauer vor sich herschieben. Nicht alles funkelt gar so dunkel: Die neun restlichen Tracks reichen von swingenden Country-Blues-Klängen bis zu Londoner Grime-HipHop. In "Hakim" lässt Tricky den algerischen Virtuosen Hakim Hamadouche orientalische Lautenklänge und Gesänge über einen minimalen elektronischen Beat legen. Oder er katapultiert den Dancehall-Klassiker "Murder Weapon" mit Hilfe des höchst eingängigen Peter-Gunn-Riffs auf die zeitgenössischen Dancefloors. Dabei legt er seine dringendsten Texte typischerweise Gast-Vokalisten in den Mund. Etwa seinem Freund Bobby Gillespie von Primal Scream, oder der jamaikanischen Sängerin Terry Lynn.

Trickys Genie lag schon immer in der Rolle des Regisseurs. Weibliche Stimmen verkörperten da die eigenen weichen, offenen, verletzlichen Anteile - während sein raubtierhaftes Raunen die Wut, die Kränkung und die Unsicherheit des Adrian Thaw ausdrückte. Diesmal hat Tricky eine neue Muse gefunden: Frankie Riley. Sie nimmt auf sechs von zehn Songs den Part ein, den auf vergangenen Alben schon Martina Topley Bird, Neneh Cherry und Björk gespielt haben, lässt in ihrem Gesang sowohl Verletzlichkeit als auch Selbstbehauptung mitschwingen. Fast immer überlässt der Theatermann Tricky ihr das letzte Wort; als ob diese weibliche Stimme daran erinnern soll, wer er wirklich ist.

"Dieses Album", sagt Tricky, "ist mein Gangster-Album. Nicht weil ich mich selbst als bad boy ausgebe. Sondern weil ich gemerkt habe, welche spirituelle Kraft darin liegt, die Dunkelheit anzunehmen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Tricky kanns wieder
Dr.Priklopil 14.10.2010
Das dicke Lob erfolgt völlig zurecht: lange hat man von Tricky nicht mehr so konzentrierte und akzentuierte Tracks gehört. Ich kann mich noch an ein Konzert in Hamburg erinnern, wo der Künstler in Miles Davis- Manier dem Publikum andauernd den Rücken zudrehte- der Gig ging etwa 45 min. Und das Ganze war noch nicht mal insüirierend gemeint. Schön, dass der Mann jetzt so aufgeräumt ist- die Platte gehört für mich zu den (Spiegel-) Alben des Jahres!
2. leider
Miguel, 14.10.2010
habe ich nur in die drei angebotenen tracks hineinhören können - diese sind bisher einfach und kurz gesagt, völlig belanglos. keine ahnung weshalb um diesen abgemischten kram so ein gewese gemacht werden muß. ich korrigiere mich gerne, wenn ich einmal etwas tatsächlich originelles von tricky höre bzw. wenigstens etwas , das zumindest mich in irgendeiner weise berührt.
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