Neue Sammelbox Die Singer-Songwriter-Hörbibel

Es ist ein größenwahnsinniges Projekt, an der sich eine kleine deutsche Plattenfirma versucht: Sie erzählt die Geschichte der Singer-Songwriter von der Carter Family bis zu Kris Kristofferson. Und das alles auf zwölf CDs.

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Die Geschichte eines ganzen Genres in Form einer CD-Edition erzählen zu wollen, ist ein größenwahnsinniger Plan. Die Spezialisten der kleinen deutschen Plattenfirma Bear Family Records sind allerdings ausgewiesene Spezialisten für größenwahnsinnige musikhistorische Projekte, weshalb ihre enorm aufwendigen CD-Boxen auch von prominenten Musikliebhabern wie Bob Dylan oder Robert Plant geschätzt werden.

Nun haben sich diese Profis an eine Geschichte der Singer-Songwriter in den USA gewagt, die sie "Troubadours" tauften. Über die Distanz von vier Sets mit je drei CDs sammeln, ordnen und erklären sie die Musik und die Künstler des Genres in einem Zeitfenster, das von 1933 bis 1969 reicht. Jedem 3-CD-Set beigepackt ist ein umfangreiches, zweisprachiges Booklet mit Erläuterungen zur historischen Bedeutung aller Songs.

Ihren Anfang nimmt diese Geschichte in den Dreißigerjahren mit Pionieren wie der Carter Family, einer Sippe, die damals durch die abgelegeneren Gegenden der Vereinigten Staaten tingelte und Songs sammelte. Sie suchten Musik, die nach langen Arbeitstagen zur Entspannung vorgetragen wurde. Was die Carters fanden, fügten sie ihrem eigenen Repertoire hinzu. Diese Lieder trugen sie dann in anderen Ecken der lange noch nicht so eng besiedelten USA vor. So kamen Songs zusammen, die vom Arbeitsalltag handelten, von Politik, finanziellen Engpässen und selbstverständlich von Liebesdramen aller Art.

Sind Rapper die wahren Singer-Songwriter der Gegenwart?

Die Entwicklung von diesen frühen Liedsammlungen über erste Folkbarden in New York City bis hin zu den Singer-Songwritern der Bürgerrechtsbewegung und den Flowerpower-Träumern und Vietnam-Kriegs-Gegnern dokumentieren die zwölf "Troubadours"-CDs. Die Galerie der hier exemplarisch vertretenen Künstler ist eindrucksvoll: Natürlich ist die Carter Family dabei, dazu kommen Ikonen wie Lead Belly, The Weavers, Woody Guthrie, Bob Dylan, Phil Ochs, Tim Hardin, Pete Seeger, Joan Baez, Arlo Guthrie, Fred Neil, The Lovin' Spoonful, Michael Nesmith, John Prine, Rod McKuen, Kris Kristofferson und The Byrds.

Dazu wohl alle relevanten Songs des Genres; "This Land is Your Land", "Sixteen Tons", "Wayfaring Stranger", "Tom Dooley", "Walk Right in", "Blowin' in the Wind", "The Times They Are a Changing", "Daydream", "Me and Bobby McGee" und noch viele andere.

Auch Dave van Ronk ist hier dabei, von dessen Memoiren sich die Coen-Brüder zu ihrem Hollywood-Hit "Inside Llewyn Davis" inspirieren ließen. Ein Film, der übrigens auch belegte, wie frisch viele der alten Folksongs ("900 Miles") auch in diesem Jahrtausend noch daherkommen. "Troubadours" endet jedenfalls 1969 mit den Songs der Blumenkinder.

Offen bleibt, was Singer-Songwriter in diesem Jahrtausend ausmacht. Die Debatten beginnen da wohl bereits bei der Definition. Sind Singer-Songwriter nur Menschen, die eine Gitarre nutzen? Oder sind Rapper die wahren Singer-Songwriter der Gegenwart? Johnny Cash zum Beispiel schätzte auch den Elektro-Berserker Trent Reznor als großen Songwriter. Die Version, die Cash, übrigens verheiratet mit June Carter, einer Tochter der Carter Family, von Reznors Song "Hurt" einspielte, hätte auch vor hundert Jahren an einsamen Lagerfeuern gesungen werden können.


CD-Angaben:
Diverse: Troubadours, Teil 1-4. Bear Family Records; vier Sets mit je drei CDs; je 36,99 Euro.



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